Schlanstedt/Schwanebeck l Die Geschichte von Toni Ortmannn könnte der Stoff für eine Hollywood-Verfilmung sein. Und wie im Film, gibt es auch für Toni ein Happy End. Dabei war der Start ins Leben für Toni alles andere als einfach.

Der Junge wurde mit einer geistigen Behinderung geboren und kam mit fünf Jahren zu seiner Pflegefamilie nach Schwanebeck. Insgesamt wachsen drei Pflegekinder bei Katrin und Dirk Franke auf. Vor Jahren hatte das Ehepaar aus Schwanebeck beschlossen, Kindern, die nicht bei ihren Eltern leben können, ein liebevolles und stabiles Zuhause zu geben. „Seit 13 Jahren ist Toni nun bei uns“, berichtet Katrin Franke.

Handicap kein Problem

Dass Toni ein Handicap hat und nur bedingt lernfähig ist, war nie ein Problem. Heute ist Toni 18 Jahre alt und arbeitet in einer geschützten Werkstatt der Diakonie. „Er hat die Lakomy-Schule in Halberstadt beendet, wohnt aber weiter bei uns“, sagt Katrin Franke. Zwar traue sie Toni durchaus zu, das tägliche Leben auch allein in einer eigenen Wohnung zu meistern, vor zwei Jahren jedoch habe es einen einschneidenden Moment gegeben, der alles verändert hat.

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„Es war beim Sponsorenlauf in der Schule, wo jede Runde zählt“, erzählt Katrin Franke. Toni habe verkündet, dass er 28 Runden laufen will und diesen Plan ohne jegliches Training auch umgesetzt. Nicht einmal außer Atem sei er gewesen. „Mein Mann und ich haben uns angeschaut und gefragt, was wir nun mit diesem Wunderkind machen.“

Seitdem trainiert Toni dreimal in der Woche in der Behindertensportgruppe von Germania Halberstadt und hat bereits in kürzester Zeit beachtliche Erfolge vorzuweisen. „Wir haben mit Ditmar Schwalenberg einen einfühlsamen Trainer gefunden, der Toni zu nehmen und zu motivieren weiß“, lobt Katrin Franke. Viele Medaillen zeugen vom Talent des jungen Sportlers. Dabei fühlt sich Toni auf vielen Strecken zu Hause.

Persönliche Bestzeiten

Zu den jüngsten Deutschen Meisterschaften im Juli im brandenburgischen Kienbaum ist Toni zu zwei persönlichen Bestzeiten gelaufen. Über 5000 Meter hat er Gold geholt. Weil er beim Lauf die Innenkante der Bahn übertreten habe, sei er über 1500 Meter disqualifiziert worden, sonst wäre er auch hier der Schnellste gewesen, berichtet die Pflegemutter.

Dass sich Ditmar Schwalenberg, der bereits seit 1983 als ehrenamtlicher Trainer in Halberstadt tätig ist, entschlossen hat, seinen geplanten Ruhestand zu verschieben, um Toni weiter zu trainieren, sei erfreulich und ein weiteres Indiz für dessen außergewöhnliches Talent.

„Außerdem spielt Toni bei Blau-Weiß Schwanebeck Fußball. „Diese vielen Termine und Verpflichtungen wären ohne unsere Hilfe nicht zu bewältigen, schon gar nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln“, erklärt Katrin Franke die gemeinsame Entscheidung, dass Toni vorerst weiter unter dem Dach von Familie Franke wohnt. Allerdings stoßen die Frankes finanziell an ihre Grenzen, weil Tonis Sport richtig Geld kostet. Da fielen unter anderem Start- und Übernachtungsgelder, Fahrkosten sowie Kosten für die Physiotherapie an.

Vom Gesetz her ist das Sozialamt für Pflegekinder, die 18 Jahre alt sind, zuständig. Auch für solche Sonderausgaben gibt es Gelder. „Toni steht das Recht auf soziale Teilhabe zu“, betont Katrin Franke. Weil das jedoch im Ermessen des jeweiligen Amtes liege, sei das bisher kategorisch abgelehnt worden.

Unterstützer gesucht

Um die vielversprechende sportliche Entwicklung von Toni nicht zu gefährden, hat sich der Verein der Pflege- und Adoptiveltern des Altkreises Halberstadt umgehört und Unterstützer gesucht. Beim Lions-Club Halberstadt traf diese Bitte auf offene Ohren.

„Für uns war es selbstverständlich, dass wir helfen und Tonis außergewöhnliches Talent unterstützen“, erklärt Frank Aedtner, Präsident des Lions-Clubs, der mit seinen Kollegen Stefan Bartsch, Bastian Herbst und Werner Bockhorst nach Schlanstedt, dem Sitz des Pflegeelternvereins, gekommen ist, um Toni zu treffen und persönlich einen Scheck zu übergeben.

Die „Lions“ betonten ihre Hochachtung vor dem durchaus nicht selbstverständlichen Engagements der Pflegeeltern Franke. Drei Jahre lang kann Familie Franke nun jeweils 800 Euro für Tonis Sport ausgeben.

Goldmedaillen umgehängt

„Wir hoffen, dass noch einiges um deinen Hals passt“, sagte Präsident Aedtner augenzwinkernd zu Toni, der sich anlässlich der Scheckübergabe zwei seiner errungenen Goldmedaillen umgehängt hatte. Und Toni nickte und lächelte.

„Die Zusammenarbeit mit dem Lions-Club ist nicht neu“, sagt Christine Rütting vom Verein der Pflege- und Adoptivelteltern dankbar. „Mit unseren Anliegen finden wir stets Gehör bei den Lions.“ So habe der Lions-Club in der Vergangenheit bereits mit Geldern für den Besuch der Musikschule, für Sportvereine oder andere Projekte für Pflegekinder geholfen.

„Das Geld, mit dem Toni unterstützt wird, stammt aus dem Lions-Kinderfonds“, erklärt Schatzmeister Werner Bockhorst. Um solche Summen ausgeben zu können, seien die Mitglieder des Lions-Clubs das ganze Jahr über persönlich im Einsatz, um Geld zu erarbeiten und Spenden einzuwerben.

Das geschehe vor allem mit der persönlichen Präsenz bei Festen und Veranstaltungen in der Region. Und so sind die „Lions“, die sich aus allen Berufsgruppen zusammensetzen, beispielsweise in der Adventszeit mit ihrer „Rumtopf-Olympiade“ in Halberstadt unterwegs.

Trainerschein gemacht

„Wir hoffen nun, dass Tonis Trainer Ditmar Schwalenberg noch lange weitermacht“, betont Katrin Franke. Sie sei gerade dabei, sogar selbst den Trainerschein zu machen, um Schwalenberg zu unterstützen und etwas zu entlasten und habe auch weitere Eltern dazu motiviert.

Mit der Unterstützung des Clubs sei vielleicht sogar die Teilnahme von Toni an den Paralympics im nächsten Jahr in Abu Dhabi möglich. Toni sei zwar gemeldet, letztendlich bestimme jedoch der Geldbeutel über die Teilnahme. Leichtathletik sei nur eine Nischensportart und werde nicht so gefördert wie etwa Fußball, bedauert Katrin Franke.

Als nächster Höhepunkt in Tonis Karriere stehen indes die Mitteldeutschen Meisterschaften fest. Diese finden in Leipzig am 25. August statt. Und nicht nur der Lions-Club wird die Ergebnisse ganz genau verfolgen.