Halberstadt l Einer der beeindruckendste Momente des zurückliegenden Jahres war für mich, dabei sein zu dürfen, als ein Kind das erste Mal hörte. Vladimir, ein aufgeweckter dreijährige Junge aus Moskau, hat nun die Chance, zum ersten Mal die Stimme seiner Mutter wahrzunehmen, zu erfahren, wie Musik klingt.

Dafür, dass seine Welt nicht immer nur von Stille geprägt sein wird, haben sich Mediziner aus dem Halberstädter Ameos-Klinikum eingesetzt – und seine Mutter Anastasia.

Mit dem Auto von Moskau nach Halberstadt

In seiner Heimat Moskau haben sich Ärzte nicht getraut, dem Kleinkind ein Cochlea-Implantat (CI) einzusetzen, berichtete Liubov Wdonik. Sie ist Koordinatorin bei der Lehnhardt-Stiftung, die sich der Förderung der Früherkennung, Früherfassung und Nachsorge einer möglichen Hörstörung bei Kindern widmet. Vladimirs Mutter habe nach der Absage der russischen Ärzte die Stiftung ausfindig gemacht und dort um Hilfe gebeten.

Die Stiftung kontaktierte Ärzte in Deutschland und kümmerte sich um die Finanzierung der Operation - zu der es beinahe nicht gekommen wäre. Zweimal wurden Flüge gestrichen – aufgrund von Corona. Doch das wollte die Mutter nicht einfach hinnehmen. Sie setzte Vladimir ins Auto und fuhr mit ihm innerhalb von zweieinhalb Tagen mehr als 2000 Kilometer von Moskau nach Halberstadt.

Hier setzten ihm Ärzte des Ameos-Klinikums ein Cochlea-Implantat (CI), eine Hörprothese, ein. Normalerweise, so erläuterte Dr. Wolfram Pethe während des Hörtests, dauert eine solche Operation nicht mehr als zwei Stunden. Und das, obwohl das Operationsfeld nur wenige Millimeter groß ist. Vladimirs Fall sei ein besonderer gewesen. Der Junge ist schwer krank, leidet an einer komplexen genetischen Fehlbildung. Neun Mal musste der kleine Junge bereits operiert werden, unter anderem am Herzen. Der Junge atmet mithilfe einer Trachealkanüle. Auch die Ohr-Anatomie des Jungen sei fehlgebildet – beim linken mehr als beim rechten, berichtete Audiologe Stefan Wendt. So dauerte Vladimirs Operation mehr als doppelt so lange als normalerweise.

Dafür, dass der Eingriff Erfolg bringt, gebe es trotz geglückter OP keine Garantie – das zeige sich erst beim Hörtest, so Wendt. Mithilfe eines Computers schickte er Impulse, die via einer Elektrode an das Implantat hinter Vladimirs rechtes Ohr weitergeleitet worden. Diese Impulse entsprachen hohen und tiefen Tönen. Die Reaktionen der Kinder, wenn sie die Töne wahrnehmen, könne man in drei Kategorien einteilen: eine Art Schockstarre, Lachen oder Weinen. In Vladimirs Fall liefen ein paar Tränchen – für seine Mutter und den Audiologen waren diese ein Grund zur Freude, zeigten sie doch, dass das CI funktioniert.

Anzahl Operationen auf Vorjahresniveau

Solche Momente verlieren nie ihren Reiz oder ihre Emotionalität, sagt Chefarzt Dr. med. Jörg Langer, der Vladimir im Sommer operiert hatte. „Das wird nie zur Routine, man freut sich jedes Mal.“

Er setzt seit mehr als 20 Jahren Cochlea-Implantate ein, berichtet der Arzt. Machten in seiner Anfangszeit Kinder etwa zwei Drittel der Patienten aus, habe sich das Verhältnis mittlerweile gedreht. Vorrangig werden Erwachsene operiert. Die meisten kommen aus Sachsen-Anhalt und den benachbarten Bundesländern.

Rund 80 Personen haben im Jahr 2020 ein CI im Halberstädter Ameos-Klinikum erhalten. „Nur unwesentlich weniger als im Vorjahr“, informiert Jörg Langer. Das Ergebnis habe ihn selbst überrascht. „Von März bis Mai haben wir das Operationsprogramm auf null gefahren“, erläutert er.