Halberstadt l Kurz vor 20 Uhr. Normalerweise kehrt um diese Zeit Feierabend-Ruhe im Depot der Halberstädter Straßenbahnen ein. Nicht heute. Dieter Meyer kniet auf dem Boden. Im Schein der Taschenlampe, die sein Kollege Dominic Resech hält, schraubt der Fahrezugschlosser an den Magnet-Schienenbremsen zweier Bahnen. Währenddessen kommen immer mehr Leute auf den Hof – Angestellte der Halberstädter Verkehrsbetriebe (HVG). Eigentlich haben sie keinen Dienst – aber sie sind neugierig auf das, was passiert: Die beiden Straßenbahnen, die am 22. September frontal am Halberstädter Holzmarkt zusammengestoßen sind, werden nun zur Reparatur abgeholt.

Mit acht Verletzten war es einer der schwersten Unfälle, die es bei den HVG gab, seit er hier arbeitet, sagt Dieter Meyer. „Und ich bin schon seit 1986 dabei“, berichtet der 58-Jährige. Normalerweise, sagt er, werden defekte Bahnen von ihm und seinen Kollegen repariert, sofern sie nicht verschrottet werden müssen. Dieses Mal werde externe Hilfe benötigt. Und die ist gar nicht weit – kaum zwei Kilometer vom Straßenbahndepot entfernt bei der Verkehrs Industrie Systeme GmbH (VIS).

Dass das Unternehmen den Zuschlag für die Arbeiten hat, sei nicht der räumlichen Nähe geschuldet, berichtet HVG-Chefin Claudia Stein, die sich trotz Sportverletzung am Bein einen Überblick der nächtlichen Arbeiten verschaffen will. Der Auftrag sei ausgeschrieben worden, erläutert sie. Neben der Wirtschaftlichkeit des Angebots spiele auch die Meinung der Versicherung eine Rolle, wer beauftragt wird. Dass die VIS sich letztlich durchgesetzt habe, freut nicht nur sie.

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Crash bei zehn Kilometern pro Stunde

„Es ist das erste Mal, dass Straßenbahnen aus Halberstadt zu uns kommen“, berichtet Mario Lehmann. Er ist der Leiter Projektmanagement bei VIS und ebenfalls Zaungast der Premiere. Er ergänzt: „Straßenbahnunfälle sind aber unser täglich Brot.“ In diesem Jahr, so sei sein Eindruck, seien überdurchschnittlich viele passiert. „Manchmal ist kaum noch zu erkennen, dass es mal eine Straßenbahn war“, sagt Lehmann. Im Vergleich zu dem, was sonst aus dem ganzen Bundesgebiet zu den Fachleuten nach Halberstadt kommt, sei der Zustand der HVG-Bahnen gar nicht so gravierend. Das sei der Tatsache geschuldet, dass der Unfall in der Nähe einer Haltestelle passiert sei, sie nur etwa zehn Kilometer in der Stunde schnell unterwegs waren, erläutert Claudia Stein.

Dennoch: Den Gesamtschaden schätzt die diplomierte Verkehrswirtschaftlerin auf rund 500.000 Euro. Die beiden Fahrerkabinen müssen bis zur B-Säule demontiert und anschließend neu aufgebaut werden. Bei dem Aufprall kam es zudem zu Verzerrungen in den Seitenwänden hinter dem Faltenbalken, auch Ziehharmonika genannt. Mittels Erhitzen werden die Beulen wieder glattgezogen, erläutert Claudia Stein. Und womöglich gibt es noch Schäden, die bislang nicht entdeckt worden sind, ergänzt Mario Lehmann.

Da in einer Straßenbahn viele Leitungen und Kabel verlegt sind, kosten die Arbeiten Zeit. Mindestens ein halbes Jahr werde es dauern, bis die beiden Bahnen wieder auf Schienen fahren werden.

Rampe im Baukastenprinzip

Heute Abend rollen sie ersteinmal auf Straßen durch Halberstadt – auf dem Auflieger eines speziellen Schwertransporters. Mit dem sind zwei Mitarbeiter der Spedition Kübler aus Michelfeld-Erlin (Baden-Württemberg), mit denen VIS häufiger arbeitet, angereist. Per Walki-Talki weist Jens Köhler seinen Kollegen Werner Täuber ein, der den riesigen Laster rückwärts in die schmale Einfahrt zum Depot manövriert. 20 Jahre mache er den Job schon. Da schocken ihn Gassen und enge Kurven, die er buchstäblich millimeterweise zurücklegen muss, nicht mehr, sagt Köhler augenzwinkernd.

Jetzt nur noch aufladen und ab in die Werkstatt – so schnell wie das bei Unfallautos geht, stellt sich das bei den 21 Meter langen und je 26,85 Tonnen schweren Straßenbahnen nicht dar. Vielmehr ist Kraft und Handwerk von den Speditionsmitarbeitern gefragt. Ihr Auflieger entpuppt sich als Baukasten. Routiniert schleppen die Männer schwere Holzbalken und Metallteile vom Anhänger und beginnen, auf dem Depot-Hof eine Schienenrampe zu errichten. Wie viele Teile sie zusammensetzen müssen, habe er nie gezählt, sagt Jens Köhler. „Ich denke mal so 20.“ Schrauben und Muttern sowie die Eisenketten, mit denen die Bahnen auf dem Auflieger befestigt werden, nicht mitgezählt.

Transportiert werden die Trams einzeln. Das bedeutet, die Rampe muss viermal aufgebaut werden – jeweils zum Aufladen im Straßenbahndepot und zum Abladen bei VIS. Bis in die frühen Morgenstunden ziehen sich die Arbeiten. Zu denen auch die Polizei zu Hilfe genommen wird – Beamte eskortieren den Schwertransport mit Einsatzwagen und Blaulicht durch das nächtliche Halberstadt.