Halberstadt l Die Zahlen sprechen für sich: „Wir hatten in den vergangenen vier Wochen elf Notruf-Alarmierungen, davon waren zehn böswillig, also grundlos“, zählt Jörg Kelle, Abteilungsleiter Feuerwehr in der Stadtverwaltung Halberstadt, auf. Zehn Fälle, die sich meist tief in der Nacht – die Rede ist von vorrangig zwischen zwei und drei Uhr – abgespielt haben und die neben der hauptberuflichen Wachbereitschaft (HWB) auch Kräfte der freiwilligen Wehren (FFW) aus Halberstadt und Langenstein gefordert haben. Der entscheidende Unterschied: Während die bezahlte HWB in der Wache auf Abruf sitzt, werden die freiwilligen, ehrenamtlich tätigen Kräfte stets aus dem Tiefschlaf gerissen. „Unsere Leute werden so kaputt gespielt und buchstäblich verbrannt“, bringt es Stadtwehrleiter Thomas Dittmer auf den Punkt.

Beide bestätigen damit auf Anfrage der Volksstimme, was seit Tagen unter Feuerwehrleuten kursiert und zunehmend für Frust sorgt: Weil immer wieder Bewohner in der Zast in der Friedrich-List-Straße grundlos auf die roten Alarmknöpfe drücken, werden die Einsatzkräfte unnötig gefordert.

Gewisse Demotivation droht

Hier sehen sowohl Kelle als auch Dittmer eine große Gefahr. „Das Problem ist, dass sich so schleichend eine gewisse Demotivation einstellen kann, die wiederum fatale Folgen haben kann“, warnt Thomas Dittmer. Konkret: Wenn die freiwilligen Einsatzkräfte die x-te Nacht aus dem Schlaf gerissen werden und zur Zast eilen sollen, könne es sein, dass sie irgendwann nicht mehr reagierten, wenn wieder „Brand /Zast“ auf dem Rufpieper erscheine. „Und das kann bei einem wirklichen Feuer in dieser Einrichtung schreckliche Folgen haben“, warnen Dittmer und Kelle unisono.

Ausrückeordnung geändert

Deshalb – aus Fürsorge und Schutz der ehrenamtlichen Wehrmitglieder – sind Kelle und Dittmer in die Offensive gegangen. Sie haben die Ausrückeordnung der Feuerwehren im Stadtgebiet geändert und dies der Kreis-Leitstelle bekanntgegeben. Knackpunkt dabei: Bei einem Alarm in der Zast soll künftig immer erst die HWB ausrücken. Nur wenn es tatsächlich Einsatzbedarf gibt, sollen umgehend die freiwilligen Truppen nachalarmiert werden.

Ein Vorstoß, der allerdings innerhalb der Kreisverwaltung gestoppt wurde. Damit bleibt es bei der bisherigen Verfahrensweise: Läuft ein Zast-Alarm in der Leitstelle auf, werden ohne Zeitverzug sofort die HWB und die FFW Halberstadt und Langenstein (Atemschutz-Truppe) rausgeschickt.

Um diese Rettungsabläufe nachzuvollziehen, ist ein Blick auf die Details nötig. Die Zast gehört mit ihren Unterkunftsblöcken in punkto Brandschutz zu Schwerpunkt-Gebäuden, vergleichbar mit Schulen, Internaten oder Hotels. Läuft von dort ein Alarm auf, ist damit zu rechnen, dass eine größere Zahl von Menschen in akuter Brandgefahr steckt.

„Dennoch“, präzisiert Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse, „wird jedes dieser Gebäude im Einzelfall von Brandschutzprüfern betrachtet“. Darauf basierend, würden dann die Ausrückeregularien festgelegt. Für die Zast bedeute das: „Erstangriff in Gruppenstärke mit mindestens neun Wehrmitgliedern.“ Und daran, schätzt Lohse ein, werde kaum zu rütteln sein. Die Krux dabei: Die HWB bringt es maximal auf sieben Kräfte, deshalb müssen stets auch Freiwillige gerufen werden.

Leistelle könnte nachalarmieren

Diese Kräfte, sind Dittmer und Kelle überzeugt, reichten aus, um bei einem Zast-Alarm als erste auszurücken. „Wir sind in sieben bis neun Minuten da draußen. Außerdem gibt es dort rund um die Uhr einen Sicherheitsdienst, bei dem der Alarm auch aufläuft und dessen Mitarbeiter sofort an der mutmaßlichen Brandstelle nachschauen können“, erklärt Kelle. Damit sei es binnen weniger Minuten möglich, zu klären, ob es tatsächlich brennt. „Und dann könnten über die Leitstelle sofort die Freiwilligen nachalarmiert werden“, so Jörg Kelle. Denkbar wäre auch, den Notrufdurchlauf zur Leitstelle um minimale Zeit zu verzögern, um den Sicherheitsleuten in der Zast so Zeit für eine rasche Notfall-Prüfung zu geben.

„Dann gehen im Notfall aber trotzdem wertvolle Minuten verloren“, kontert Kai-Uwe Lohse. Deshalb werde den Vorstoß aus Halberstadt wohl niemand absegnen. Es sei denn, die Stadt stocke die HWB auf neun Mann und so auf Gruppenstärke auf.

Dass in der Kreisverwaltung als vorgesetzte Behörde niemand etwas riskieren will, ist auch in der Halberstädter Geschichte begründet. Bei einem Feuer in der Obdachlosenunterkunft waren im Dezember 2005 neun Menschen ums Leben gekommen. „Danach ging es bei der Prüfung des Rettungsablaufs um Sekunden“, erinnert Lohse. Zudem sind schwere Brandunglücke warnende Beispiele.

Gleichwohl sieht auch Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke) nach einem Gespräch mit Kelle und Dittmer Korrekturbedarf. „Ich werde mich an die Kreisverwaltung wenden“, kündigt er an.

Gesprächsbedarf allenthalben

Letztlich dürfte es nicht nur zwischen Stadt- und Kreisverwaltung Gesprächsbedarf geben. Auch Polizei und Staatsanwaltschaft sind gefragt, um wegen Notrufmissbrauchs zu ermitteln. Aber: „Seit 1. Juli sind bei uns keine Fälle in der Friedrich-List-Straße angezeigt worden“, so Polizeisprecher Uwe Becker. Das wäre zwingende Voraussetzung für Ermittlungen. Bei Notrufmissbrauch drohen Tätern laut Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe oder bis zu zwei Jahre Haft. „Aber was bringen Strafanzeigen ohne Tatverdächtige und Zeugen“, gibt Zast-Leiter Eckhardt Stein zu bedenken. Er sieht hier das Fehlverhalten einiger weniger.

Zugleich unterstützt Stein den Vorstoß von Kelle, Dittmer und Henke: „Wir haben seit 2015 in jedem Haus rund um die Uhr einen Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst. Der könnte binnen einer Minute klären, ob wirklich Gefahr besteht.“ Soll heißen: Wenn der Notruf-Durchlauf zur Leitstelle um anderthalb Minuten verzögert oder eben erstmal nur die HWB ausrücken würde, „wäre das ein guter Kompromiss“, so der Zast-Chef.