Halberstadt l Demonstranten für und gegen den Wolf trafen am Sonnabend vor dem Halberstädter K6-Seminarhotel aufeinander und tauschten – teils lautstark – Argumente aus. Im Gebäude berieten seit Donnerstag Wissenschaftler und Praktiker aus mehreren Ländern über ihre Erkenntnisse zum Thema „Der Wolf in Europa - Utopie und Wirklichkeit“.

Neben Experten aus mehreren Bundesländern Deutschlands waren Vertreter aus den USA, Südost-Europa, Indien, Kasachstan, Lettland und Frankreich dabei. Die Wiederkehr des Wolfes ist zu begrüßen und politisch gewollt. „Die Politik ist jedoch weit davon entfernt, Zukunftsvisionen zur Beherrschung des Wolfsbestandes zu verkünden. Die Weidetierwirtschaft ist durch den Wolf hochgradig gefährdet“, so Prof. Michael Stubbe für die einladende Gesellschaft für Wildtier- und Jagdforschung (GWJF).

In der Mittagspause des Symposiums bauten sich elf Vertreter des Vereins Wolfsschutz Deutschland mit ihren Plakaten vor der Einfahrt der Tagungsstätte auf, beobachtet von drei Mitarbeitern des Ordnungsamtes des Landkreises sowie einigen wenigen Tagungsteilnehmern.

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"Spionage" bei Tagung der Gegenseite

Vereinssprecher René Stolte aus Aschersleben richtete vor allem an seine Mitstreiter mahnende Worte. Er habe teilweise an der Tagung teilgenommen und bedauerte, dass Herr Stubbe und andere Redner keine wissenschaftlichen Zahlen nannten und aus „Zeitgründen“ keine Fragen zuließen. Die Vertreter des Wolfskompetenzzentrums hätten lediglich von ihrer Arbeit und von vielen überfahrenen Wölfen berichtet. Jäger hätten diesen Vortrag als „hanebüchen“ bezeichnet.

Ein Vertreter aus Brandenburg habe bestätigt, dass das Damwild vor allem durch die Bejagung reduziert werde. Heftig kritisierte Stolte das „Schwedische Modell“, das seit Jahren den Abschuss von Wölfen ermöglicht, um einen bestimmten Bestand einzuhalten. „Wir haben hier ganz andere Umweltprobleme“, sagte Stolte.

Während die eine Gruppe von Demonstranten forderte: „Wolfsschutz statt Wolfsabschuss“, holten die vier Gegendemonstranten ihr Transparent mit der Aufschrift „Sperrt die Wölfe ein und nicht die Schafe“ heraus. Carola und Michael Tuschno sowie Ga- briele Lebsa aus dem Landkreis Bautzen machten ihre Sorgen deutlich. Der erstgenannten Familie wurden bereits zehn Schafe trotz eines 1,40 Meter hohen Zauns von Wölfen gerissen. Den Zaun haben sie nun erhöht. Da dieser unter Strom stehe, müsse man sehr aufpassen, insbesondere wegen der Enkelkinder.

Petition mit 18.000 Unterschriften

In der Region seien es schon 240 tote Tiere nach 60 Angriffen von Wölfen gewesen, berichten sie. Eine Bürgerinitiative habe mit mehr als 18.000 Unterschriften eine Petition an den sächsischen Landtag eingereicht.

Auch Andreas Karat, der zwischen Magdeburg und Möckern rund 1000 Mutterschafe betreut, schloss sich mit zwei seiner Hütehunde an. Der Schäfer hat seit 2014 schon 70 Tiere durch Wölfe verloren. Seine vier Hunde seien angesichts der vielen Wolfsbesuche im Dauerstress. „Weil ein Hund durch den Zaun eine Passantin angebellt hat, musste ich nach einem Gerichtsbeschluss wegen Nötigung 380 Euro Strafe zahlen“, berichtete der Schäfer.

Die Schadens-Zahlungen des Landes seien viel zu gering und würden in Sachen Hütehunden nur den „Tiervermehrern“ zugute kommen. „Wir müssten auch in Sachen Hundefutter, Tierarztkosten und Anwaltsgebühren unterstützt werden.“

Die Teilnehmer der Pro-Wolf-Demonstration tauschten mit ihren „Gegnern“ über die Straße noch einige lautstarke „Argumente“ aus und zogen dann mit ihren Rufen noch einmal am Gelände entlang, während im Saal die Veranstaltung pünktlich weitergehen konnte. Für das Ordnungsamt, das sich vorher mit der Polizei abgesprochen hatte, blieb es beim Tagebucheintrag „Keine besondere Vorkommnisse“.