Osterwieck l „Gibt es denn wirklich eine realistisch gezählte Katzenplage oder ist die subjektiv?“ Diese Frage von Hartmut Janitzky (CDU) im Februar 2018 auf einer Osterwiecker Stadtratssitzung stand exemplarisch für die unterschiedlichen Meinungen von Abgeordneten, aber auch ganzer Ortschaftsräte zur Einführung einer Kastrationspflicht für Katzen. Der Stadtrat lehnte dies seinerzeit denkbar knapp mit 8:9 Stimmen ab, zuvor waren jeweils sieben Ortsräte dafür und dagegen gewesen. 15 Monaten hatten die politischen Gremien der Einheitsgemeinde diskutiert.

Alles für die Katz’ gewesen ist es dennoch nicht. Das Netzwerk Tierfreunde Osterwieck um Sprecherin Beate Barth ist drangeblieben am Thema, drängt weiter auf eine Kastrationspflicht von Katzen, die im Freien laufen. „370.000 Katzenbabys können eine unkastrierte Katze und ihre Nachkommen in nur sieben Jahren zeugen“, argumentiert Barth. Drei bis vier Würfe im Jahr seien möglich. Die Katzenpopulation wachse. „Das führt in der Realität zu Tierleid und Problemen für unsere Kommune.“

Das vor etwa einem Jahr gebildete Netzwerk der Tierfreunde umfasst neun Akteure, auch aus umliegenden Dörfern. „Es ist jetzt der Punkt erreicht, wo wir nicht mehr können“, sagte Beate Barth. Kürzlich fand sie wieder vier Katzenbabys, in einem Karton vor ihrer Garage abgestellt. Das Problem: Die Tierheime in Ost wie West sind voll, können keine Katzen mehr aufnehmen.

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Kein Platz im Tierheim

Das bestätigt die Derenburger Tierheimleiterin Dagmar Fichtner. Mit der Einrichtung hat auch die Stadt Osterwieck einen Vertrag zur Aufnahme von Fundtieren.

Für die am Anfang stehende Quarantäne, während der die Tiere geimpft, kastriert, entwurmt und per Chip gekennzeichnet werden, sei kein Platz mehr, berichtete Fichtner. Ohnehin würden nur zahme Fundkatzen und Welpen aufgenommen, nicht aber die wild lebenden. „Die hätten gar keine Vermittlungschance.“ Und die Haltung im Heim sei für die Freiheit gewohnten Tiere auch nicht artgerecht.

Gibt es ein Katzenproblem? Nach Einschätzung der Tierheimleiterin besonders dieses Jahr im Herbst. Sie rät grundsätzlich zum Kastrieren und Kennzeichnen der Katzen.

Krankheiten übertragen

Beate Barth und die anderen Osterwiecker Tierfreunde fangen unterdessen mit speziellen Fallen wilde Katzen und bringen sie selbst zum Tierarzt zum Kastrieren. Aus eigener Tasche beziehungsweise teils auch mit Hilfe von Tierschutzvereinen finanziert. Eine Operation koste immerhin zwischen 80 und 120 Euro, sagte Barth.

Warum dieses Engagement? „Wir machen das für die Streuner, damit sie normal leben können und sich nicht um Nachwuchs kümmern müssen.“ Vor allem, weil wilde Katzen Krankheiten haben, die sie auf die Hauskatzen übertragen können.

Die Gefahrenabwehrverordnung der Stadt besagt unterdessen, wenn jemand Katzen füttert, gehen diese auch in sein Eigentum über. Diese Fälle gibt es häufig. Dagmar Fichtener nennt diese ein Problem. Wilde Katzen würden regelmäßig gefüttert und nach mehreren Jahren dann zum Tierheim gebracht werden.

Doch bedienen sich die wilden Katzen auch „illegal“ an dem für Hauskatzen oder Igel abgestellten Futter. Und die Wilden seien dabei wenig zimperlich. „Sie müssen jeden Tag um ihr Leben kämpfen“, erklärte Barth.

25 Streuner auf dem Hof

Auch der Berßeler Ortschaftsrat war seinerzeit der Meinung, es gebe kein Katzenproblem. Das sieht Daniela Poppki ganz anders. „Montag habe ich neun und Donnerstag drei Katzen zum Kastrieren gebracht“, berichtete die Berßelerin vorige Woche. Als sie vor 21 Jahren auf einen Hof in der Ortsmitte zog, hätten dort 50 wilde Katzen gelebt. Poppki ist Katzenfreundin, hält um die zehn eigene Katzen. „Die füttere ich jetzt drinnen.“ Denn rund 25 Streuner laufen vor allem in der Frühe und abends über den Hof.

Schon früh habe sie begonnen, die Tiere kastrieren zu lassen, aufgerechnet Tausende Euro dafür ausgegeben. Ebenso für kranke oder angefahrene Katzen. Daniela Poppki ist für die Berßeler so etwas wie die erste Ansprechpartnerin, wenn es Katzenprobleme gibt. „Die Streuner sind hier überall, am Schloss, am Friedhof.“ Auch sie bekam schon Junge im Karton vor die Tür gestellt.

„Es ist ein Skandal“, kommt Beate Barth auf die Stadt Osterwieck zu sprechen. „Wir Ehrenamtliche fühlen uns im Stich gelassen und sind mittlerweile an unsere Grenzen gelangt. Allein in diesem Jahr haben wir uns um mehr als 30 Katzenbabys und Kitten gekümmert, die sonst als Streuner ein jämmerliches Ende gefunden oder sich vermehrt hätten.“ Ferner wurden mehr als 15 herrenlose Katzen eingefangen, kastriert und wieder ausgesetzt. „Auch um kranke und verletzte Fundkatzen, die uns gebracht wurden, haben wir uns gekümmert. Das kostet uns Ehrenamtliche viel Geld und ebenso viel Zeit.“ Die Dunkelziffer jener Leute, die sich außerhalb des Netzwerkes noch um Tiere kümmern, sei da nicht mit eingerechnet.

Nach Überzeugung von Barth zeige es sich, dass die bisherigen Bemühungen des Netzwerkes nicht ausreichen, „um wirkungsvoll und dauerhaft eine Stabilisierung der Katzenpopulation auf niedrigem Stand zu gewährleisten. Die Stadt muss nun endlich handeln und eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzenhalter einführen. Das ist sie nicht nur den Tieren, sondern auch den Bürgern schuldig.“

Entscheidung im Frühjahr

Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (parteilos) hat unterdessen am Dienstag in einer Gesprächsrunde mit den drei Fraktionsvorsitzenden des Stadtrates das Thema Katzen aufgegriffen. „Mich haben Beschwerden aus der Bevölkerung mehrerer Orte erreicht, um das Thema nochmal auf die Tagesordnung zu nehmen“, sagte sie. Die Fraktionschefs sollen kurzfristig eine Zuarbeit des Ordnungsamtes erhalten, um sich in ihren Fraktionen damit zu beschäftigen. Ziel der Bürgermeisterin sei es, im Frühjahr erneut über die Katzenkastrationspflicht zu entscheiden. Vorher sei das wegen der Fülle weiterer dringender Stadtratsthemen nicht zu leisten.

Nach den Information von Beate Barth hätten mittlerweile über 600 Kommunen die Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen eingeführt. Darunter seit Juli auch die Nachbarstadt Goslar. In Sachsen-Anhalt jedoch bisher einzig Bad Dürrenberg.

Als Gründe für die Ablehnung, so Beate Barth, „werden teilweise haarsträubende Argumente ins Feld geführt. Von den Ängsten, dass es ohne Katzen eine Mäuse- und Rattenplage geben könnte, bis hin zur fehlenden Kontrolle blocken Kommunen die Einführung einer solchen Verordnung. Man kann nur hoffen, dass auch hier bei uns ein Umdenkungsprozess in Gang kommt.“

Die Stadt Osterwieck könnte damit immer noch Vorreiter im Bundesland werden.