Halberstadt l Das Telefon klingelt sich heiß, der elektronische Postkasten quillt über – Campingplatzbetreiber ­Sebastian Otto kann sich vor ­Buchungsanfragen nicht retten. Urlauber suchen verzweifelt Unterkünfte. Die Nachfrage ist größer als die Kapazitäten.

Der Chef des Camping­platzes am Halberstädter See kann seit Wochen nicht mehr einen einzigen freien Stellplatz für Wohnmobile und -wagen, Zelte oder einen Bungalow anbieten. „Wir sind ausgebucht“, informiert er. Über diesen Fakt sei er nach dem katastrophalen Start ins Jahr unter der Corona-Pandemie sehr froh.

Weniger Gäste aus dem Ausland

„Es gibt Tage, an denen mich 90 Anrufe und 70 E-Mails mit Buchungsanfragen aus ganz Deutschland erreichen. Die Nachfrage nach Urlaubsplätzen ist förmlich explodiert. Das ist auf der einen Seite toll, auf der anderen ist es natürlich nicht schön, wenn man potenzielle Gäste abweisen muss“, berichtet Sebastian Otto. Selbst wenn sein Platz sieben statt 3,5 Hektar groß wäre, auch dann wäre er voll belegt. Bis 27. Mai durfte der Halberstädter wegen der strengen Corona-Bedingungen nur eingeschränkt Gäste ausschließlich aus Sachsen-Anhalt empfangen. „Ab dem 28. Mai änderte sich das Gott sei Dank wieder. Seitdem steht das ­Telefon nicht mehr still“, sagt Sebastian Otto.

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Rund 150 Gäste aus europäischem Ausland

In der Zeit vom 15. Mai bis 6. August zählte der Unter­nehmen 3403 Gäste. Davon 3262 aus Deutschland, der Rest aus der Schweiz, den Niederlanden und Polen. Gut ein Drittel der etwa 6000 Gäste kämen während einer normalen Saison aus dem europäischen Ausland. Besucher aus den USA, Schweden, Finnland, Großbritannien oder Frankreich seien bislang überhaupt nicht angereist. Der Campingplatzbetreiber vermutet aufgrund der Corona-Pandemie. Der Anteil Deutscher sei hingegen deutlich höher als in den Vorjahren, so Sebastian Otto. Im Vergleichszeitraum 2019 hätten 2790 Urlauber aus Deutschland auf seinem Platz Urlaub gemacht.

In diesem Jahr würden sich unter seinen Gästen viele befinden, die zum ersten Mal Camping-Urlaub machen. „Da merkt man ganz deutlich, dass viele Deutsche wegen Corona auf den Auslandsurlaub verzichten und Alternativen im eigenen Land suchen“, informiert Sebastian Otto. Er versucht jedoch, den Urlaubern, die er selbst nicht unterbringen kann, an andere Camping­plätze in der Region zu vermitteln. „Zum Beispiel nach Thale. Meinen Kollegen geht es jedoch meist wie mir, sie sind ebenfalls ausgebucht.“

Dass Corona immer noch nicht ausgestanden ist, macht sich nach wie vor auch auf dem Campingplatz bemerkbar. Die Gäste müssen in den Sozialgebäuden Atemschutzmasken tragen. „Darauf achten wir sehr genau“, betont Sebastian Otto. Auf dem Platz selbst sei es nicht erforderlich, da kann sich jeder frei bewegen. „Die Schlüssel werden desinfiziert, Waschbecken sind abgeklebt, um Abstand zu halten“, nennt der Platzbetreiber weitere Hygiene­vorkehrungen. Die Caravans würden auf genügend Abstand stehen. Verringert habe sich außerdem die Zahl der ­Tische in der Gaststätte. Sie habe sich halbiert auf vier, um die Corona-Auflagen zu erfüllen. Negativer Nebeneffekt: die Einnahmen sinken. Statt bis zu 34 Essenportionen am Tag, verlassen die kleine Küche derzeit nur etwa 20.

Zähneputzen nur im Wohnmobil

Eine Einschränkung gebe es allerdings für die Urlauber. ­Zähneputzen ist im Sanitärtrakt derzeit verboten. Das muss im oder am Wohnmobil, Zelt oder Bungalow beziehungsweise am Wäldchen erledigt werden und würde ganz gut klappen. Das habe allerdings weniger mit dem Virus zu tun. Einige Gäste würden die Waschplätze nach dem Zähneputzen nicht reinigen.

Kontrollen durch die für die Umsetzung der Pandemie-Auflagen zuständigen Behörden habe es allerdings bis heute auf seinem Platz nicht gegeben. Sebastian Otto hat sich noch etwas einfallen lassen, um die Hygiene auf dem Platz zusätzlich zu erhöhen. Alle Toilettensitze mit Deckel ersetzt er durch deckellose. Angst vor einer sogenannten zweiten Infektionswelle und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen hat Sebastian Otto nicht. „Falls es dazu kommen sollte, ist die Saison für mich beendet.“

Zukunftsangst Anfang Mai

Anfang Mai ging auf dem Platz angesichts der strengen Corona-Schutzbestimmungen noch Zukunftsangst um. Ein Großteil der 100 Stellplätze auf der 3,5 Hektar umfassenden Anlage war verwaist, es war totenstill – trotz schönstem Frühlingswetter herrschte gähnende Leere auf dem Platz und in der dazugehörigen Gaststätte. Sebastian Otto, der den Platz vor zehn Jahren übernahm, war verzweifelt. Auf dem Platz befanden sich damals nur die Wagen der Dauercamper, darunter 46 aus Sachsen-Anhalt.

Zur Osterzeit war der Platz ­lange im voraus fast vollständig ausgebucht. Dann musste Otto wegen Corona schließen und alle Reservierungen absagen. Wirtschaftlich war das für ihn ein Tiefschlag. Das Frühjahr ist für den Platz eine wichtige ­Größe bei einem ­Jahresumsatz von 100.000 bis 120.000 Euro.