Informationen zum Kurierschach

Neben dem bekannten Schach wurde in Ströbeck bis Anfang des 19. Jahrhunderts das während des Mittelalters gebräuchliche Kurierschach (oder „Courierschach“) gespielt. Die Spielregeln des Ströbecker Kurierschachs hat Gustavus Selenus in dem ersten deutschsprachigen Schachlehrbuch, das im Jahr 1616 erschien, beschrieben. Auf dem Programm des Schachkongresses zu Ströbeck von 1885 ist noch ein Wettkampf im Kurierschach ausgeschrieben. Die hier aufgeführten Regeln stammen aus diesem Programm. Das Kurierspiel wird auf einem Brett von zwölf mal acht = 96 Feldern gespielt. Ein schwarzes Eckfeld zur Rechten; von dort an gerechnet werden die zwölf großen Figuren so aufgestellt: Roch (Elefant), Ross (Reiter), Alte, Kurier, Mann (Rat des Königs), König, Fers (Königin), Schleich (Rat der Königin), Kurier, Alte, Ross, Roch. In der zweiten Reihe stehen zwölf Soldaten. Man spielt sofort als Anzug die sechs Roch und Fersbauern zwei Schritte und lässt auch den Fers, wie nach den Ströbecker Schachregeln, im ersten Zuge den Freudensprung ins dritte Feld machen.

Schachdorf   Ströbeck l Fast täglich surren Nähmaschinen in den ehemaligen Räumen der Volksbank im Schachdorf ­Ströbeck. Engagierte Frauen füllen seit einigen Monaten die Leere. Sie arbeiten ehrenamtlich an einem besonderen Projekt – der Wiederbelebung des ­Kurierschachs. Eine aus dem Mittelalter stammende Form des Schachspiels.

2018 beschlossen die Ströbecker, dass es Teil der Traditionspflege im schachverrückten Dorf werden soll und gründeten auf Initiative des örtlichen Schachvereins mit Unterstützung des Ortschaftsrates sowie zahlreicher Bürger eine Projektgruppe, die das Vorhaben bis zum Schachfest im Juni 2020 verwirklichen soll.

Lebendschach-Kostüme

In nicht einmal vier Monaten, am 6. Juni, soll die Premiere über die Bühne gehen. Alle fiebern diesem großen Tag entgegen. Derzeit laufen die Arbeiten in der Schneiderei auf Hochtouren. Das ­Lebendschachensemble benötigt nagelneue Kostüme für das Projekt „Kurierschach“. Um Kosten zu sparen, werden die eigenhändig angefertigt.

Acht Frauen gehören zum Team von Koordinatorin Karina Knopp vom Lebendschach­ensemble. Natürlich ist auch eine waschechte Designerin dabei. Carmen Wilke entwarf die neuen Kostüme. Die gebürtige Ströbeckerin spielte einst selbst im Lebendschachensemble mit, studierte später Modedesign und lebt in Leipzig. Sie begleitet von Anfang an die Näharbeiten vor Ort. „Die schwarz-weißen Kostüme mit silbernen und goldenen Accessoires lehnen sich an die Renaissance an“, sagt die ­Designerin.

Große Herausforderung

„Seit Sommer 2019 treffen wir uns fast täglich in der Werkstatt“, berichtet Karina Knopp. Das Projekt sei eine große Herausforderung für die Ehrenamtler und ohne sie nicht umzu­setzen. „Beim normalen Schach stehen 32 Figuren auf dem Brett, beim Kurierschach sind es 48. Bedeutet, wir müssen insgesamt 48 Kostüme nähen. Hier treffen alte Spielregeln auf neue Kostüme“, so die Ströbeckerin.

Der Fleiß der Näherinnen trägt Früchte. Hunderte Stunden hätten sie bereits an den Maschinen zugebracht und etwa 90 Meter an Stoffbahnen verarbeitet. Die Kleiderständer füllen sich mit den Kostümen. Nur noch wenige fehlen, so Karina Knopp. Spätestens im März soll alles fertig sein.

Fördermittel

Wichtig für die Realisierung des Projekts „Kurierschach“ war neben der breiten ehrenamtlichen Unterstützung im Dorf finanzielle Hilfe. Dabei half ein Fakt: Dass die Ströbecker Schach­tradition in Deutschland einmalig ist, machte mittlerweile bis Berlin die Runde. Im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft wurde daher ein Fördermittelantrag positiv beschieden. 29.000 Euro bekamen die Ströbecker zur Finanzierung des Vorhabens.

„Das Geld war sehr wichtig“, betont Karina Knopp. Nicht nur um den Stoff für die neuen Kostüme zu erwerben. Zum Projekt gehört viel mehr. „Wir mussten einen 3-D-Drucker kaufen, weil wir für den Schachunterricht in der Grundschule die ­Kurierschach-Figuren herstellen wollen. 3000 Euro waren dafür notwendig.“

Ziel: Immaterielles Unesco-Kulturerbe

Weitere 7000 Euro kostete eine neue Schachplane für das Lebendschachensemble. „Die Plane für das normale Spiel misst nur acht mal acht Meter. Für das Kurierschach muss sie acht mal zwölf Meter groß sein, weil sie Platz für mehr Figuren bieten muss“, erklärt die Ströbeckerin. Es sei gar nicht so einfach gewesen, ein Unternehmen zu finden, das diese Schachplane anfertigt. In Magdeburg wurden die Ströbecker schließlich fündig. Die Firma ist eigentlich auf die Produktion von Lkw-Planen spezialisiert und bot sich daher an.

Mit dem Projekt „Kurierschach“ verbinden die Ströbecker natürlich die Hoffnung für ein weiteres bedeutendes Vorhaben im Gespräch zu bleiben – für die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes nominiert zu werden. Anerkennung hat das Engagement der Ströbecker bereits im Dezember 2016 gefunden. Das Schachdorf ist vor vier Jahren mit seiner über 1000-jährigen Schachtradi­tion bereits auf die bundesweite Liste des Immateriellen Kulturerbes gesetzt worden. Damit besteht die reale Chance, eines Tages von Deutschland für die Unesco-Liste des ­Immateriellen Kulturerbes vorgeschlagen zu werden. Das ist das erklärte Ziel der Ströbecker.