Halberstadt/Harsleben l Der Schreck sitzt tief. Nicht ganz ein Jahr, nachdem der sonst so unscheinbare Goldbach Harsleben geflutet hatte, steht am Freitagnachmittag schon wieder Wasser auf den Straßen Harslebens, teilweise knietief. Doch diesmal ist es kein Bach, der über die Ufer getreten ist. Ein Unwetter, das sich gegen 13.30 Uhr direkt über Halberstadt und Harsleben festsetzt und alle Schleusen öffnet, sorgt binnen kürzester Zeit für so große Regenmengen, dass die Kanalisation das Wasser nicht aufnehmen und ableiten kann.

Extrem viel Wasser in kürzester Zeit

Wasser überall – auch in Halberstadt und Klein Quenstedt, binnen weniger Minuten stürzen 64,6 Liter Wasser pro Quadratmeter nieder. Zum Vergleich: Bei normalem Regen registriert die Leitwarte der Halberstadtwerke ein bis zwei Liter pro Quadratmeter, bei stärkerem Niederschlag können es auch schon mal fünf Liter sein. 64,6 Liter sind enorm. Am 16. August 2015 hatte es in Halberstadt vergleichbar heftig geregnet, damals wurden an der Kläranlage 60 Liter pro Quadratmeter registriert.

Keller, Turnhalle und Gebäude saufen ab

Diesmal dauert das Unwetter nicht sehr lange, verwandelt aber zahlreiche Straßen in Flüsse. Besonders schlimm trifft es neben Niederungsgebieten im Nordteil der Stadt wie am Kulk und entlang der Holt­emme in der Altstadt diesmal auch den Bereich rund um Klusstraße und Spiegelsbergenweg. Keller laufen voll, betroffen sind auch Schulen wie die Miriam-Lundner-Grundschule oder die Sekundarschule „Freiherr Spiegel“, deren Turnhalle absäuft.

Kanalnetz hoffnungslos überfordert

Die Wassermengen drücken so stark, dass die Kanaldeckel aufgrund des Überstaus – so der Fachbegriff, wenn die Leitungen überfordert sind – aus ihrer Befestigung gerissen werden. An der Kreuzung Klus-/Bollmann-/Spielmann-Straße sorgt das für noch mehr Verkehrschaos, als wegen der Umleitung ohnehin schon herrscht. Eine Straßenbahn kann nicht weiter, weil Kanaldeckel und Pflastersteine mitten im Gleisbereich liegen. Die stehende Bahn hat Auswirkungen auf den gesamten Fahrbetrieb der Bahnen. In der Voigtei kommt eine Straßenbahn wegen des Wassers ebenfalls nicht mehr vom Fleck.

Wasser steht im Keller einen Meter hoch

Anlieger der Klusstraße wie Tischlermeister Fred Höller kämpfen mit dem Wasser, das nicht nur die abschüssigen Grundstücke flutet, sondern in den Häusern aus der Kanalisation sprudelt. Auch in der Goethestraße stehen Keller und Hausflure unter Wasser. In der Straße am Kulk heißt es kurzzeitig sogar, ein Gebäude sei wegen der Unterspülungen einsturzgefährdet. Was sich zum Glück nicht bewahrheitet. Der Eingangsbereich ist aber unterspült, das Wasser stand mehr als einen Meter hoch im Keller, – aber statisch keine Gefahr für das Mehrfamilienhaus.

THW am Krankenhaus im Einsatz

Entlang des Westendorfs laufen Tiefgaragen und Keller voll, die ehemalige Landeszentralbank und die Sparkasse trifft es besonders schlimm. Ebenso heftig ist die Situation in der Bakenstraße, im Küchengarten, Am Landgraben und im Krankenhaus. Hier sind Helfer der THW-Ortsverbände Halberstadt und Quedlinburg im Einsatz, um der Wassermassen Herr zu werden.

Weit über 200 Einsatzstellen

213 Einsatzstellen in Halberstadt binnen weniger Minuten – damit ist die Feuerwehr der Kernstadt überfordert. Alle freiwilligen Wehren aus den Ortsteilen werden von der zentralen Einsatzleitstelle alarmiert, auch Kameraden aus Wegeleben werden nach Halberstadt beordert.

Leitstelle verdoppelt Personal

In der Leitstelle laufen die Telefone heiß, als um 13.30 Uhr der Starkregen einsetzt, wenig später wird in den Unwettermodus gewechselt und eine Einsatzleitstelle vor Ort in Halberstadt gebildet. Um die Flut der Notrufe zu bewältigen, wird die Personalstärke in der Leitstelle auf acht Disponenten verdoppelt. Plus Chef sind es neun Leute, die sich um die Hilferufe der betroffenen Bürger kümmern.

Gegen 16.30 Uhr wird es zwar auf den Straßen wieder ruhiger. Die meisten sind wieder befahrbar, das Wasser ist abgelaufen. Wie von Leitstellenchef Christian Wenig zu erfahren ist, mussten auch Personen aus Notlagen befreit werden – so waren einige Autofahrer von den Fluten in ihren Fahrzeugen eingeschlossen.

Feuerwehr und THW bis in die Nacht im Einsatz

Die Einsätze von Feuerwehr und THW dauern derweil bis tief in die Nacht an. Am Abend bezifferte ein Leitstellensprecher die Zahl der Einsätze im Stadtgebiet auf geschätzt 250. „Es kommt immer noch viel rein und muss abgearbeitet werden.“

Alarm auch bei Halberstadtwerken

Analog das Bild bei den Einsatzteams der Halberstadtwerke und der Abwassergesellschaft (AWH). In der Leitwarte der Stadtwerke koordiniert ein zusätzlicher Mitarbeiter die zahlreichen Anrufe. „20 Einsätze mussten von den AWH-Mitarbeitern abgearbeitet werden, hier galt es vor allem, die Gullys wieder zu richten“, so Stadtwerkesprecher Sebastian Hübner. Zehn Einsätze gehen auf das Konto der Stadtwerke – weil vorsorglich Strom abgeschaltet werden muss. Auch zwei Übergabestationen für Fernwärme werden vorsorglich vom Netz genommen.