Halberstadt l „Wir haben keine Lobby“, sagt Roy Adjodah. „Umso mehr freuen wir uns über diese Auszeichnung“, ergänzt Kathrin Kube. Die Vorsitzende des Vereins der Pflege- und Adoptiveltern Halberstadt hatte kurz zuvor mit ihrem Stellvertreter die Ehrenurkunde „Verein des Jahres“ in Empfang nehmen dürfen. Stadtratspräsident Volker Bürger (CDU) und Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) übergaben neben der Urkunde und Blumen auch einen Scheck über 250 Euro für die Vereinsarbeit. Beschlossen hatte diese Ehrung auf einen Vorschlag hin der zuständige Kulturausschuss der Stadt bereits im Oktober.

Bereitschaft sinkt

Diese Aufmerksamkeit tue gut, betonen Kube und Adjodah unisono, denn sie sind es sonst eher gewöhnt, kämpfen zu müssen. „Seit Jahren bemühen wir uns darum, die Politik für die besonderen Probleme von Pflegeeltern zu sensibilisieren“, sagt Kathrin Kube. „Vor allem, weil kaum noch Familien bereit sind, sich als Pflegefamilien zu engagieren, dabei brauchen wir die dringend“, so Kube. Immerhin gebe es im Landkreis Harz allein 250 Pflegekinder. „Aber weil es an Pflegefamilien fehlt, kann nicht mehr geschaut werden, welche Pflegeltern am geeignetsten für das jeweilige Kind wären, sondern da ist das Jugendamt froh, wenn überhaupt noch eine Familie Kapazität hat“, sagt Roy Adjodah.

Kampf im Harzkreis

Inzwischen, so berichten beide, habe zumindest im Land ein Umdenken begonnen. „Wir Pflegeeltern sind ja die Sparbüchse des Landes“, sagt Kube, „denn die Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie kostet nur ein Viertel dessen, was die Unterbringung in einem Heim kostet.“ Das Land hatte wohl auch aus diesem Grund zum März 2017 die Pflegegeldverordnung geändert. Die erste Anpassung nach zehn Jahren. Pflegeeltern erhalten einen kleinen Obolus für ihren Einsatz in der Betreuung von Kindern, die schlimme Kindheitserlebnisse hinter sich haben und die von den Jugendämtern aus den Herkunftsfamilien geholt werden mussten. „Aber erst durch die Intervention der Linksfraktion im Kreistag hatte sich der Landkreis Harz dann dazu entschlossen, diese veränderte Verordnung nicht erst zum 1. Januar 2018 anzuwenden, sondern rückwirkend zum 1. September. Das Land hatte leider den Kreisen lange Übergangsfristen ermöglicht“, berichtet Roy Adjodah.

Das alles ist für die Akteure nur ein Beispiel dafür, wie wenig Rückhalt Pflege- und Adoptiveltern in Politik und Öffentlichkeit hätten. Ein anderes Beispiel sei die psychologische Betreuung. Während Kinderheime zumeist einen festen Ansprechpartner oder gar festangestellten Psychologen hätten, sind Pflegeeltern hier ziemlich auf sich allein gestellt. „Für unsere Kinder gibt es so eine psychologische Unterstützung nicht. Was soll aus diesen Kindern werden?“, fragt Roy Adjodah. Hier könnte die Politik ansetzen und andere Rahmenbedingungen für die Arbeit der Pflegeeltern schaffen.

Psychologische Hilfe fehlt

Denn allein mit der Liebe und Zuwendung, die Pflegeeltern ihren Schützlingen auf Zeit versuchen angedeihen zu lassen, ist es nicht getan. Deshalb organisiert der Verein auch Weiterbildungen für seine Mitglieder, sucht den Kontakt zu Fachleuten, pflegt eine gute Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Die vier Schulungen, die es für angehende Pflegeeltern gibt, reichen bei Weitem nicht, um adäquat auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes zu reagieren.

Vertrauen zurückgeben

Wie schwierig das sein kann, klingt in der Begründung des Antrages auf diese Auszeichnung durch. Eine Harsleberin hatte sich schriftlich an den Kulturausschussgewandt. In ihrer Begründung heißt es: „Es gibt Kinder in unserer Gesellschaft, die besondere Hilfe brauchen. Sie werden vernachlässigt, misshandelt, missbraucht, haben schlimme Kindheitserlebnisse hinter sich. Um diese Kinder aufzufangen, gibt es Pflegeeltern ... Sie geben den fremden Kindern ein Zuhause in Liebe und Geborgenheit. ... Familie bietet einen vertrauten, intimen Rahmen, um verlorenes Vertrauen in diese Welt wieder zurückzugewinnen.“

Aber um diese besondere Anforderung zu meistern, braucht es Unterstützung. Die finden die zurzeit 41 Mitgliedsfamilien des Vereins im regelmäßigen Austausch untereinander und in den Weiterbildungsangeboten des Vereins. Doch auch gemeinsame Feiern, das alljährliche Geschwistertreffen und gemeinsame Ausflüge geben allen Beteiligten Kraft.