Wülperode l „Es ist selten in meinem Alltag, dass eine Unterschutzstellung Freude auslöst“, bekannte Landeskonservatorin Dr. Ulrike Wendland. Sie war am gestrigen Mittwoch extra aus Halle angereist, um eine besondere Initiative zu würdigen.

Bundesgrenzschützer macht sich stark

Zum einen hatte sich mit Lothar Engler aus Wiedelah ein Niedersachse und ehemaliger Bundesgrenzschützer vor die Idee gespannt, die alte Grenzanlage als Denkmal zu erhalten. Zum anderen wird durch das Fallstein-Gymnasium gewährt, dass die Anlage auch in der Zukunft gepflegt wird. Es handelt sich damit um ein bisher weithin einmaliges Projekt.

Wendland würdigte die Wülperöder, dass sie nach der Wende den Zaunabschnitt nicht demontiert hatten, dass sie diesen selbst als Denkmal betrachteten. Obwohl die Wülperöder zu DDR-Zeiten nach Westen und Süden, also zu zwei Seiten des Ortes eingezäunt, waren.

Die Natur sollte sich den Zaun wiederholen

Vizebürgermeister Manfred Riecher war gestern als Vertreter der Stadt Osterwieck gekommen. Aber er ist als Wülperöder auch ein Zeitzeuge. In mehrfacher Hinsicht. Als Baupionier habe er während seiner Armeezeit dieses Stück Zaun mit errichten müssen, berichtete er. 1990 wurde Riecher Bürgermeister des Dorfes. Er schilderte, wie schwierig es seinerzeit gewesen sei, dass dieser Zaun von der Grenzkompanie nicht mit abgerissen wurde. „Wir wollten ihn damals auch schon unter Denkmalschutz stellen.“ Offiziell war es aber nicht dazu gekommen. „Es war schon wilder Hopfen am Zaun gewachsen. Unsere Botschaft war, die Natur holt ihn sich wieder.“

Heute ist das Gelände aufgeräumt. Lothar Engler hatte sich dafür im Vorfeld des 25. Jahrestages der Grenzöffnung engagiert, Kontakt nach Wülperode, Osterwieck und Halberstadt aufgenommen. Letztendlich gelang es, über Ein-Euro-Jobber den Zaun und das Gelände vom Wildwuchs zu befreien.

Erinnerungen sollen nicht verblassen

Auslöser für die Aktivitäten war Ende 2013 die Einweihung eines Grenz-Infopunktes bei Abbenrode. So etwas sollte auch bei Wülperode entstehen. „Ich habe die Befürchtung, zum 25-Jährigen werden wir alle nochmal den Hut hochwerfen, und das war’s dann“, sagte seinerzeit Engler, der zu einer Gruppe ehemaliger Grenzschützer aus Ost und West gehört, die sich regelmäßig trifft.

Die einstigen Grenzer waren 2014, im Jahr des Jubiläums, in mehreren Schulen der Region zu Gast, um im Unterricht aus der Zeit der deutschen Teilung zu berichten. Im Fallstein-Gymnasium trug Engler an den Fachleiter Geschichte, Sebastian Knobbe, die Idee heran, ob er sich vorstellen könne, dass die Schüler die Grenzanlage bei Wülperode pflegen.

Die Geschichtslehrer stehen dahinter, ebenso Schulleiterin Sylvia Gemeiner. „Ich finde es toll, diese Idee umgesetzt zu haben“, sagte sie. Im Herbst 2015 gab es den ersten Arbeitseinsatz, dieses Jahr zwei weitere. Verbunden auch mit einer informativen Grenzwanderung.

Es sind die jeweiligen Zehntklässler, die fortan diese Patenschaft mit Leben erfüllen werden. In dem Schuljahr gehört das Thema auch zum Unterrichtsstoff. Neben der Pflege der Anlage ist es ein nächstes Vorhaben, eine Gedenktafel zu erstellen, berichtete Sebastian Knobbe. Ziel dafür ist der 3. Oktober 2017.

Begreifen, was Grenze bedeutet

Landrat Martin Skiebe (CDU) zeigte sich nicht überrascht, dass die Osterwiecker Schule als Partner gewonnen werden konnte. Hier lernen Schüler aus dem Harzkreis und Niedersachsen wie selbstverständlich zusammen. Dabei sei es das ganz und gar nicht. Die heutige Jugend kenne die Angst nicht mehr, wenn man an den Sperrschildern vor dem Grenzgebiet einen Schritt zu weit gegangen wäre, erinnerte der Landrat. „Es ist genau der richtige Weg, dieses Projekt zu initiieren. Die Schüler müssen begreifen, was eine Grenze hier und in Europa bedeutet.“

Drei Jahre währte es, bis aus der Idee Wirklichkeit wurde. „Es war ein holpriger Weg“, blickte Lothar Engler zurück. Er erinnerte noch einmal an die Wülperöderin Brunhilde Langelüddecke, die sich einst für den Erhalt des Denkmals einsetzte, an ihre Tochter Ines, die 1993 als Fallstein-Gymnasiastin eine prämierte Geschichtsarbeit über das Mahnmal schrieb. Er hob Familie Reckleben hervor, auf deren Grund das Denkmal steht.

Hier an der Landstraße im Okertal zwischen Wiedelah und Wülperode sei aus geschichtlicher Sicht etwas ganz Besonderes erhalten, unterstrich Engler. „Das ist ein Original, ein Juwel, das wir hier haben.“