Halberstadt l Seit Februar 2020 besitzt die Stadt Halberstadt ein Verkehrskonzept – beschlossen vom Stadtrat. Ist das Papier ein zahnloser Tiger oder arbeitet die Stadtverwaltung trotz leerer Kassen an der Umsetzung des Konzepts? Das Ziel ist anspruchsvoll: Problemzonen auf den Straßen der Kreisstadt sollen beseitigt werden, die zum Teil durch überdimensionierte Verkehrsräume zerklüftete Innenstadt gilt es, neu zu ordnen und attraktive Stadträume neu zu gestalten.

Das hört sich nicht nur nach einem millionenschweren Investitionsplan für die Harzer Kreisstadt an, um sie zukunftsfähig zu gestalten – die Kommune ist bei der Verwirklichung der Ziele auf Fördermittel angewiesen. Zumindest bei den Vorhaben, die mit Sanierungen von Straßen und der Schaffung von Fahrradwegen verbunden sind, wie Manfred Wegener vom Tiefbauamt der Stadt bestätigt.

„Die Arbeitsgruppe Verkehrskonzept tagt im Schnitt alle sechs Wochen, um Vorhaben abzustimmen, auf den Weg zu bringen und deren Umsetzung zu überprüfen“, berichtet Martin Habsick. Für den jungen Verkehrsplaner ist das Verkehrskonzept nach Beendigung seines Studiums das erste große Projekt, das er maßgeblich mit erarbeitet hat und an dessen Umsetzung er arbeitet.

Ordnungsamt war gefordert

In den zurückliegenden Wochen habe man sich vor allem auf die Projekte konzentriert, die schnell, unkompliziert und angesichts knapper Kassen ohne großen Finanzbedarf umzusetzen sind. An dieser Stelle war das Halberstädter Ordnungsamt gefordert.

„Bereits umgesetzt ist die Änderung einer Benutzungspflicht in ein Benutzungsrecht zur Mitnutzung des Gehweges durch Radfahrer in der Braunschweiger Straße zwischen Röderhofer Straße und Am Kloster sowie in der Antoniusstraße“, informiert Ordnungsamtschef Ralf Fleischhauer. Außerdem sei eine 30er-Zone an der Querung der Bushaltestelle vor der Gröpertorschule in der Bleichstraße eingerichtet worden. Eine Erweiterung der 30er-Zone sei auch im Westendorf im Bereich zwischen der Gerhart-Hauptmann-Straße – Am Berge erfolgt.

Bestandteil des Verkehrskonzepts ist die Förderung der Elektromobilität im privaten Individualverkehr in Halberstadt. In Zusammenarbeit mit den Halberstadtwerken sei man bei dem wichtigen Thema Ladeinfrastruktur ein ganzes Stück vorangekommen. „Insgesamt acht öffentliche Ladesäulen sind von den Halberstadtwerken in der Kühlinger Straße, in der Voigtei, an der Peterstreppe und am Hauptbahnhof bislang installiert worden“, berichtet Ralf Fleischhauer.

Mehr Freiheit für Fahrradfahrer

Relativ schnell umzusetzen sei die Einbahnstraßenfreigabe für den Radverkehr und beide Fahrtrichtungen. Die soll unter anderem in der Hugenottenstraße/Kämmekenstraße erfolgen. „Wir hätten die Straßen dafür schon längst freigegeben. Allerdings müssen wir noch auf eine Novelle der Straßenverkehrsordnung warten“, so Ralf Fleischhauer. Weitere Einbahnstraßen in Halberstadt seien dafür vorgesehen.

„Den Fahrradfahrern wollen wir damit mehr Freiheit in der Stadt geben“, unterstreicht Martin Habsick. Die soll es künftig für sie auch auf dem Breiten Weg geben. Die Fußgängerzone soll für Radfahrer freigegeben werden. Darüber wird seit Jahren in der Stadt sehr kontrovers gestritten. Allerdings soll die Verwirklichung erst nach der Sanierung des Breiten Weges erfolgen.

„Ab 2021 wollen wir die desolate Kühlinger Straße im Herzen der Stadt in zwei Jahresbauabschnitten sanieren und mit einem Fahrradweg beziehungsweise -streifen ausstatten“, kündigt Manfred Wegener an. Etwa 600.000 Euro seien dafür erforderlich. Die Verwaltung hofft auf einen kräftigen Fördermittelzuschuss. Außerdem sei die Installation einer Querungshilfe in der Heinrich-Julius-Straße nördlich der dortigen Straßenbahnhaltestelle vorgesehen. „Vielleicht können wir sie bereits 2021 realisieren“, hofft der Chef des Tiefbauamts.

Hoher Weg soll in der Breite erheblich schrum

An anderen Aufgaben wird derzeit gearbeitet. Unter anderem an der Erweiterung der 30er-Zonen für den Hohen Weg und der Antoniusstraße. In beiden Fällen sei allerdings mehr zu leisten als kostengünstig Verkehrsschilder zu setzen. Eine Umgestaltung der Straßen sei dafür notwendig, so Ralf Fleischhauer. Dafür benötigt die Stadt Geld.

Der Hohe Weg, der 21 Meter breit ist, soll durch eine Verengung seinen Autobahncharakter verlieren und auf 6,50 Meter Breite schrumpfen. Der Hohe Weg mit seinen hohen Verkehrs­stärken und Geschwindigkeiten stört die Fußverbindung zwischen Domplatz, Holz- und Fischmarkt sowie die Funktion für den öffentlichen Verkehr und Reisebusse.

Als Lösung soll der Kfz- und Straßenbahnverkehr auf einem Fahrstreifen geführt werden. Der so entstandene Freiraum bietet Platz für die Einrichtung getrennter Geh- und Radwege mit 2,50 beziehungsweise 2,75 Meter Breite inklusive 75 Zentimeter Sicherheitsstreifen zwischen den Wegen. „Nach vorsichtigen Schätzungen ist dafür eine Investition in Höhe von etwa zwei Millionen Euro nötig“, betont Manfred Wegener.

Bleichstraße seit 25 Jahren Sorgenkind

Ebenso auf der Wunschliste steht die Fortführung des Fahrradweg von der Kreuzung Antoniusstraße/Schützenstraße in Richtung Bleichstraße. „Das ist aber untrennbar mit der Sanierung der Bleichstraße verbunden. Ich glaube, seit 25 Jahren reden wir darüber. Bislang gab es dafür kein Geld. Fördermittel sind die eine Medaille. Die Stadt hat zunehmend Probleme mit dem Eigenanteil“, stellt Manfred Wegener fest. Mal locker in die Hände zu klatschten, damit es nächstes Jahr los geht, funktioniere bekanntlich nicht.