Halberstadt l Er ist bekannter als jeder Popstar oder Sportler: der Weihnachtsmann. Egal wohin er kommt, er wird sofort erkannt. An seinen Markenzeichen: roter Mantel, Stiefel, Zipfelmütze und natürlich an dem Bart. „Der ist echt“, betont Kurt Schubert und zupft sich lachend an den weißen Gesichtshaaren. Seit drei Jahren schlüpft der 66-Jährige in die Rolle des Gabenbringers.

Und das sehr glaubhaft. Kinder gucken ihn mit großen Augen an und selbst Erwachsene können sich ein Lächeln nicht verkneifen, wenn er im Kostüm an ihnen vorbeigeht. Das liegt nicht nur an den Geschenken, die er verteilt. Für jeden – vom Neugeborenen im Kinderwagen bis hin zur Seniorin, die sich auf ihren Rollator stützt – nimmt er sich Zeit. „Geduld ist das Wichtigste für einen Weihnachtsmann“, sagt Kurt Schubert. „Und, dass man die Kinder ausreden lässt. Man muss sie ernst nehmen.“

Achtmal Bescherung an Heiligabend

Dank einer Annonce der Agentur für Arbeit ist der gelernte Kfz-Schlosser zu dem „Beruf“ gekommen. Erfahrung hatte er da bereits: Als Weihnachtsmann für die drei Enkel oder für Nachbarskinder.

Obwohl der 66-Jährige eigentlich Rentner ist, hat er dieser Tage mächtig Stress. „Ich bin völlig ausgebucht“, berichtet der Bärtige. Allein am Heiligabend ist er achtmal im Einsatz. Er bringt nicht nur Geschenke in Familien in der Region, auch in einem Wernigeröder Hotel sorgt er für die Bescherung.

Glücksfall für den Weihnachtsmarkt

Und schon vor dem eigentlichen Fest ist er gefragt – zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt in Halberstadt. „Ein absoluter Glücksfall“, sagt Stadtsprecherin Ute Huch. „Er ist wirklich der perfekte Weihnachtsmann – und dabei ist er spontan eingesprungen.“ Gleich zwei Weihnachtsmänner, die eigentlich für den Markt vorgesehen waren, mussten aus gesundheitlichen Gründen absagen. Ehrensache für Kurt Schubert, dass er den Job übernimmt.

Und seine Termine neu koordiniert. Schließlich ist er bei diversen Weihnachtsfeiern als Ehrengast eingeladen – bei denen im Kindergarten ebenso wie in Betrieben. Wer ist leichter zu bescheren – Kinder oder Erwachsene? „In der Öffentlichkeit zieren sich die Erwachsenen mehr. Dafür werden sie im Privaten mutig“, verrät Schubert lächelnd. Da wird laut und schief gesungen.

Bei Kindern verhalte es sich andersherum. Betritt der Weihnachtsmann vollgepackt mit Geschenken das Wohnzimmer, werden selbst die Vorlautesten still. „Da merkt man gleich, dass die Eltern mit dem Weihnachtsmann drohen, wenn sich die Kinder nicht benehmen“, berichtet Schubert lachend. Das funktioniere aber nur in einer bestimmten Altersgruppe. Ältere Kinder glauben nicht mehr an ihn und bei den ganz Jungen löst der Bärtige Erstaunen oder gar Angst aus.

Die Elfen sind schuld

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen fragt Schubert die Mädchen und Jungen nur selten nach ihren Wünschen. Aus guten Gründen: Mit den englischen und technischen Bezeichnungen für die Geschenke könne er nicht viel anfangen. Nintendo, Playstation und Co. gab es in seiner Jugend noch nicht. „Außerdem fragen sie mich dann, ob ihr Wunschzettel nicht angekommen ist“, berichtet der 66-Jährige. Was antwortet er darauf? „Dass die Elfen Schuld sind, weil sie die Post zu langsam sortieren“, sagt er und knufft seiner Ehefrau neckend in die Seite.

Er und Erika Schubert sind seit 45 Jahren verheiratet. Sie begleitet ihren Mann bei einigen seiner Auftritte und trägt dann ein leuchtend grünes Elfen-Kostüm. Überredungskunst und Überrumpelungstaktik sei dank. „Ich wollte erst nicht, weil ich eher schüchtern bin, und die Fragen der Kinder bringen mich schnell aus dem Konzept“, gesteht sie.

Kurt Schubert ist dagegen um keine Antwort verlegen. Wollen die Kinder wissen, wo seine Rentiere sind, „dann sage ich ihnen, dass zu wenig Schnee liegt und der Schlitten deshalb mit den Rentieren auf dem Brocken steht.“ Polizei und Feuerwehr bringen ihn dann mit den Präsenten ins Tal.

Was sich unter dem Geschenkpapier verbirgt, weiß er oft nicht. „Die Geschenke werden meist erst ausgepackt, wenn ich schon wieder weg bin.“ Dafür wisse er, ob die Kinder brav waren. „Ich telefoniere vorher mit den Eltern und frage, wo es hakt“, berichtet er. Zähneputzen, Schlagfengehen, Fleiß in der Schule – hapert es in einem der Punkte, kommt das vor der Bescherung zur Sprache. Doch selbst dem größten Schluderjahn droht er nicht mit der Rute. „Die brauche ich nur, wenn es schneit, um mir den Schnee vom Mantel zu klopfen.“

Meist folgt Schweigen

Bevor er den Mädchen und Jungen die Geschenke überreicht, fordert er sie zum Singen oder Gedicht Aufsagen auf. Oft folgt dann jedoch Schweigen. „Ich glaube, dass in vielen Elternhäusern nicht mehr viel gesungen wird oder Gedichte gelernt werden.“ Das bedauere er sehr.

„Als unsere Kinder noch klein waren, haben wir das viel gemacht“, sagt Erika Schubert. „Wir haben in der Adventszeit auch viel gebastelt und Plätzchen gebacken.“ Und während die Kinder ihren Mittagsschlaf hielten, haben die Eltern heimlich den Christbaum aufgestellt und geschmückt.

Blechspielzeug von der „Westtante“

Auch an die Weihnachtsfeste in ihrer Kindheit erinnern sich die beiden gern. Obwohl nicht alle Geschenke, die sie bekommen haben, gut ankamen. „Meine Oma hat mir selbst genähte Schlafanzüge geschenkt. Über den ersten habe ich mich noch gefreut. Aber nach dem dritten Jahr in Folge ...“, berichtet Kurt Schubert lachend. In seiner Kindheit waren es eher praktische Dinge und Kleinigkeiten, die er bekommen hat. Von der „West-Tante“ gab es mal etwas Besonderes – einen Bagger aus Blech.

Dagegen sei Weihnachten heute in vielen Familien ein Fest des Überflusses. „Manchmal reicht mein Sack gar nicht für alle Päckchen aus – dabei gibt es in der Familie nur ein Kind.“ Das sei zu viel. „Die Kinder können sich gar nicht richtig freuen, sie sind manchmal regelrecht überfordert.“ Dennoch habe er Spaß an seinem Job – besonders, wenn ihm die Kinder ein selbst gemaltes Bild schenken und ihn dankbar umarmen. Es sei spannend mitzuerleben, wie Familien Weihnachten begehen.

Bleibt ihm selbst überhaupt noch Zeit, selbst zu feiern? „Na klar“, sagt Kurt Schubert bestimmt. Zehn Kisten voller Weihnachtsschmuck werden Jahr für Jahr ausgepackt, um Wohnung und Balkon zu dekorieren. „Aber dezent, nicht bunt“, sagt Erika Schubert. Um das Essen am heiligen Abend muss sie sich keine Gedanken machen – ihr Mann kocht schon am Vortag: Ente, Rotkohl und Klöße kommen bei den Schuberts auf den Tisch.

Mit der Familie – zwei Kinder und drei Enkel – wird dann ganz in Ruhe an den beiden Feiertagen gefeiert – ohne Kostüm. „Dafür sind sie schon zu alt“, sagt Kurt Schubert. Schön werde es trotzdem.