Silstedt l Die hübsche Blondine, die auf dem Bierwagen Getränke ausschenkt, fällt ihm sofort ins Auge. Nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern weil sie eine Unbekannte ist – bei einer Dorffeier kennt doch eigentlich jeder jeden. Das ist beim Schützenfest in Silstedt nicht anders. Umso neugieriger ist er auf die Fremde und spricht sie an ...

Anna Koch hört aufmerksam zu, als ihre Eltern von ihrer ersten Begegnung erzählen. Die Sechsjährige ist ein „kleiner Wossi“, sagt ihr Vater Alexander Koch augenzwinkernd. Viel kann das Mädchen mit dem Begriff nicht anfangen. Ebenso wenig mit DDR, BRD und Mauerfall. „Es ist schwer, einem Kind zu erklären, das Deutschland mal geteilt war“, sagt Nicole Koch achselzuckend. „Ich denke ohnehin nicht, dass das in ihrer Generation noch eine Rolle spielen wird.“ Schon für sie, berichtet die 38-Jährige, sei Ost und West eigentlich nie ein Thema gewesen. „Weder in der Schule, noch später im Beruf oder privat.“ Schließlich war sie bei der Wiedervereinigung selbst noch ein Kind.

Flirt beim Schützenfest

Erst seit sie in Silstedt wohnt und in Wolfenbüttel arbeitet, komme die gebürtige Hamburgerin mit Ost-West-Klischees – in Form von Scherzen und Anekdoten – in Kontakt. „Vielleicht wegen der Grenznähe, in Hamburg ist mir so was jedenfalls nie über den Weg gelaufen“, sagt die Bankkauffrau.

Dabei hat sie gemeinsam mit einem „Ossi“ in der Hansestadt gelernt. Dieser sei zu einem sehr engen Freund geworden. Im Juli 2004 hat er sie eingeladen, ihn auf einen Heimatbesuch in Silstedt zu begleiten. Sein Vater ist Schützenkönig geworden und das sollte kräftig gefeiert werden. Ein kleiner Kulturschock für eine Großstädterin, berichtet Nicole Koch lachend, aber kein unangehmer. Die Familie ihres Freundes sei ihr herzlich entgegengetreten. Deshalb habe sie gern bei der Bewirtung der Gäste geholfen. Nicht ahnend, dass ihr ausgerechnet dabei ihr künftiger Ehemann über den Weg laufen wird.

Auf Anhieb sympathisch

Sympathisch waren sie sich auf Anhieb, berichten beide. Doch das aus ihnen mehr als ein Flirt werden könnte, haben sie nicht geglaubt. „Wir wollten beide keine Fernbeziehung, darum dachte ich, die Sache hat sich schnell erledigt“, gesteht Alexander Koch. Er habe sich nicht einmal ihre Telefonnummer aufgeschrieben. Zum Glück haben das andere für ihn übernommen, denn die Blondine aus dem hohen Norden ging ihm nicht aus dem Kopf.

An einem Mittwoch schrieb er ihr die erste Nachricht. Und schon am Wochenende besuchte er sie in Hamburg. „Das war dann für mich ein Kulturschock“, sagt der Instandhalter und grinst. Das Paar versuchte, sich jede Woche zu sehen. 2007 ist es dann in ein gemeinsames Zuhause gezogen. Dieses liegt idyllisch am Rand von Silstedt, umgeben von Feldern und viel Aussicht auf Natur.

Die kleinen Unterschiede

Über ein gemeinsames Leben in Hamburg habe das Paar zwar gesprochen, es sei jedoch nie wirklich eine Option gewesen. „Ich bin sehr heimatverbunden und hatte immer den Traum vom eigenen Haus“, erläutert Alexander Koch. Zudem ist der 39-Jährige Mitglied des Schützenvereins und hat im Dorf Fußball gespielt. Beides wollte er ungern aufgeben.

Auch Nicole Koch hätte sich nur schwer vorstellen können, in der Großstadt eine Familie zu gründen. „Wären wir nach Hamburg gezogen, dann in einen der Randbezirke und da hätten uns auch ein neues soziales Umfeld schaffen müssen.“

Vorteile

Die Kinderbetreuung, so schätzt sie ein, sei einer der Punkte, in denen bis heute Unterschiede zwischen Ost und West bestehen. „Hier ist es nicht üblich, länger als ein Jahr nach der Geburt zu Hause zu bleiben. Meine Freunde und Verwandten aus Hamburg haben dagegen gesagt: ‚Das Kind soll schon mit einem Jahr in die Krippe gehen? Das ist viel zu früh‘“, erläutert die 38-Jährige. Auch darüber, ob junge Mütter Vollzeit oder halbtags arbeiten gehen sollten, seien die Ansichten unterschiedlich. Was daran liegen könnte, dass es in Hamburg schwieriger sei, eine – bezahlbare – Kinderbetreuung zu finden.

„Viel gravierender als den Unterschied zwischen Ost und West, habe ich aber den zwischen Großstadt und Dorf empfunden“, sagt Nicole Koch. „Hier kennt jeder jeden, in Hamburg kannte ich nicht einmal meine Nachbarn.“ Dennoch sei ihr der Umzug nicht schwer gefallen. „Seine Familie hat mich sehr offen aufgenommen“, betont sie. Das habe es ihr leichter gemacht, sich an die ungewohnte „Nähe und Enge zu gewöhnen“.

Nähe

Vom Leben auf dem Dorf profitiere nicht zuletzt Tochter Anna. „Zur Grundschule kann man laufen und auch ihre Freunde wohnen in der Nähe“, sagt Nicole Koch, die sich in der Region mittlerweile heimisch fühlt. „Meine Frau hat mal gesagt, dass sie wahrscheinlich nicht einmal, wenn wir uns trennen sollten, zurückgehen würde“, berichtet Alexander Koch. Seine Frau nickt. „Ich bin gern mal zu Besuch bei Freunden und der Familie in Hamburg. Aber hier bin ich jetzt zu Hause“, sagt sie.