Calvörde l „Nach Kriegsende bis zum Juli 1946 haben die Russen noch in der Villa gewohnt. Drei Keller des Hauses hatten sie als Gefängnis in Beschlag“, sagte Inge Dietz, die Tochter der damaligen Villa-Eigentümer. Sie begrüßte nun die Calvörder Heimatfreunde und deren Gäste. Die Villa war nämlich bei dem geschichtlichen Rundgang durch den Flecken, zu dem der Heimatverein eingeladen hatte, eine Station.

„Meine Großeltern Auguste und Walter Böwing und meine Eltern Hildegard und Walter Böwing mussten in der Zeit, in der hier die Kommandantur war, aus dem Haus raus. Dadurch bin ich am 13. April 1946 im Haus der Jugend – also im benachbarten Gebäude – geboren. Meine Eltern, die sich eigentlich ganz gut mit den Russen verstanden haben, durften aber zum Füttern ihrer Tiere auf den Hof. Ich habe die Russen in unserem Haus noch erlebt. Meine Mutter hat erzählt, dass sie sehr kinderlieb waren und mich oft auf dem Arm gehalten hatten“, erzählte Inge Dietz, die gerade ihren 70. Geburtstag gefeiert hat.

Inge Dietz zeigte auf die Gitter der Kellerfenster, die die Hausbesatzer damals einbauten, um dort ihre Gefangenen unter Kontrolle zu haben. Ein anderer Kellerraum war ohne Fenster. „Alle, die nicht akkurat waren, sind in dieses Gefängnis gekommen“, erklärte die heutige Hausbewohnerin. Noch immer gibt es eine Öffnung in der schweren Holztür, durch die die Aufpasser die Insassen beobachten konnten. Das Besondere sind die über 70 Jahre alten Zeichnungen. Die Gefangenen haben sich nicht nur mit ihren Namen und Sprüchen verewigt, sondern auch mit Malereien. „Als mein Mann die Kellerwände geweißt hat, habe ich ihn natürlich gebeten, die Zeichnungen zu belassen und nur drum herum frische Farbe anzubringen“, erzählte sie.

Bilder

So ist es möglich, dass auch noch heute zwei Bilder von nackten Frauen – Akte, die mehr oder weniger kunstvoll gezeichnet wurden – an den Wänden zu erkennen sind. Ein anderes Motiv zeigt einen Bauern. „Hier saßen drei Freunde, steht daneben geschrieben“, übersetzte Inge Dietz den russischen Schriftzug. Darunter stehen die Namen der Gefangenen. Ein Datum zeigt, dass sie vom 30. Juni bis zum 5. Juli 1946 im Raum saßen. An der Tür steht geschrieben: „Falls wir nicht überleben, hier sind unsere letzten Spuren zu finden.“

An alle Kellerbesucher verteilte die Hausherrin nun ein kleines Glas Schlehenschnaps, den sie selbst zubereitet hatte.

Im Haus gibt es noch einen sichtbaren Gewehreinschuss in der Diele. „Das ist ein Steckschuss in der Täfelung. Nach den Erzählungen der Leute, wollte damals ein Soldat seinen Kommandanten erschießen“, berichtete Inge Dietz. Zu den Erzählungen ihrer Eltern gehörte auch die Toilettengeschichte. „Wir hatten oben im Haus schon eine Wassertoilette. Darin haben die Russen Kartoffeln gewaschen. Sie zogen und sagten, es wäre eine Zapzarap-Maschine. Die russischen Besatzer sollen auch mal bei Trinkgelagen mit Gläsern geschmissen haben“, weiß Inge Dietz noch aus Erzählungen der Zeitzeugen.

Einer, der sich noch gut an diese Zeit erinnern kann, ist Günter Baake. „Die Kommandanten hatten eine Gruppe von Sicherheitskräften, die im Ratskeller gegessen haben. In der Küche hat meine Großmutter damals mitgeholfen“, erinnerte sich der Calvörder, der damals elf Jahre jung war. Baake erzählte, dass einer der Kommandanten ein Reitpferd und einen Burschen, der Piccolo hieß, hatte. „Das war ein kleiner Mongole, der das Pferd jeden Tag ausgeritten hat. Er kam immer bei uns die Straße runter. Wir Kinder haben dann immer freudig gerufen: „Oh, da kommt Piccolo angeritten“, dachte Baake zurück.

Christa Merker, die Vorsitzende des Heimatvereins, zeigte auf ein Buch mit dem Titel „Schicksal Elbe“ von Paul Kehlenbeck. Der Autor war bis zum Kriegsende Soldat und ist mit seinen Kameraden auch durch Calvörde gekommen, als sie sich vor der anrückenden amerikanischen Armee zurückziehen mussten. „Deshalb beschreibt er im Buch seine Erlebnisse und Eindrücke auch zu unserem Ort. Paul Kehlenbeck hat nach dem Krieg studiert und in Hamburg als Rechtsanwalt gearbeitet. Pfarrer Andreas Knauf hatte ihm bei einem Besuch des ehemaligen Soldaten in Calvörde den Friedhof gezeigt“, sagte Christa Merker.

Die Soldaten hatten ihre Unterkunft von 1945 bis zum Juli 1948 im Grieps. Die Calvörder nannten das Lager „Klein Moskau“. „Zuerst waren ja die Amerikaner in Calvörde, die dann weiter nach Gardelegen zogen. Erst später – acht Wochen nach Kriegsende – kamen die Russen“, weiß die Vorsitzende aus alten Aufzeichnungen.

Gelesen hatte Christa Merker auch, dass im 12. April 1945 in der Villa gerade Geburtstag gefeiert wurde, als die Amerikaner kamen. Damals wurden noch deutsche Soldaten, die mit einem Lkw ankamen, im Keller versteckt. Am nächsten Tag sollen sich die Soldaten, die nicht mehr weiter kämpfen wollten, ergeben haben. „Das muss der Geburtstag meines Großvaters gewesen sein“, erklärte Inge Dietz. „Am 12. April ist auch ein deutscher Soldat gefallen, der sein Land noch verteidigen wollte“, erzählte Heimatfreund Reinhard Rücker. Inge Dietz kann sich auch erinnern, dass ihr Großvater einem befreundeten Russen noch viele Jahre später Schuhe schickte, weil es dort in der Sowjetunion schlecht welche gab.