Haldensleben/Weferlingen l Es ist der Abend des 9. November 1989. In und vor der Haldensleber St. Marien-Kirche drängen sich die Menschen, der damalige Pfarrer und Superintendent Eberhard Resch schätzt ihre Zahl auf etwa 1000. Nur das Hauptportal ist geöffnet – wer hinaus will, kann nur dort hindurch. Plötzlich der Ruf: „Die Mauer ist offen!“

Jetzt könnte Chaos ausbrechen. Aber das passiert nicht. „Niemand verließ die Kirche, niemand machte sich auf den Weg zur Grenze“, erinnert sich Eberhard Resch. Nach der Kirchenveranstaltung, die mit „Gebet für gesellschaftliche Veränderungen“ überschrieben ist, verlassen alle Besucher geordnet das Gotteshaus. Doch warum ist der Ruf untergegangen? „Ich glaube dass die Menschen das nicht für voll genommen haben, weil es für die meisten unvorstellbar war“, sagt Eberhard Resch. Und so geschieht der Mauerfall für viele Haldensleber eher nebenbei, ohne dass jemand die Nachricht wirklich fassen oder begreifen kann.

Mauerfall eher nebenbei

Auch Heinz Nimmich, der damalige Vorsitzende des Rates des Kreises Haldensleben, ist am 9. November in der Marienkirche. Als politischer Vertreter hört er sich Sorgen und Probleme der Bürger an, schreibt sie auf, versucht Antworten zu geben. Bereits einige Tage vorher findet eine ähnliche Veranstaltung statt. Eigentlich ist es ein Gemeindeabend, den Kirchenmitglieder organisiert haben. Für das Thema „Bleiben und leben in der DDR - aber wie?“ interessieren sich so viele Haldensleber, dass man vom Gemeinderaum am Gärhof in die Kirche umziehen muss.

Bilder

„Persönliche Probleme, aber auch eine Vielzahl von Dingen, die unsere ganze Gesellschaft betreffen, kamen zur Sprache“, ist später in der Volksstimme zu lesen. Und: „Den meisten Bürgern, die ans Mikrofon gingen merkte man an, dass es ihnen schwer fiel und sie bekannten auch ganz offen, dass sie die Angst überwinden mussten. Angst vor dem öffentlichen Reden und nicht weniger Angst vor möglichen Folgen im privaten und beruflichen Leben.“

Demonstrationen für freie Presse und freie Wa

Trotzdem gehen die Menschen zu den Kirchen-Treffen und auch Demonstrationen gibt es in Haldensleben. Nach den großen Veranstaltungen, von denen eine auch im Volkspark stattfindet, gehen Menschen für freie Presse und vor allem für freie Wahlen auf die Straße. Schon Anfang November wird außerdem ein Runder Tisch gegründet.

Wie Heinz Nimmich heute erzählt, haben er und andere Mitglieder des Rates des Kreises schon 1988 Verbindungen nach Helmstedt und Grasleben – die westdeutschen Nachbarn des Kreises Haldensleben – aufgenommen, nehmen an deren Ratssitzungen teil. „Das waren Begegnungen, die uns geformt haben“, sagt Heinz Nimmich heute. „Zum Beispiel darin, auf eine selbstständige Art und Weise weiter zu arbeiten und mehr zu hören auf das, was die Bevölkerung haben will“. Mit diesen Erfahrungen leitete Nimmich die ersten Runden Tische mit den neu gegründeten Parteien und Bürgerbewegungen. Auch im Kreis Haldensleben wird das Neue Forum gegründet. Schon vor dem 9. November gibt es zudem Menschen, die aus dem Kreis Haldensleben zu den Montagsdemonstrationen im und am Dom nach Magdeburg reisen. Die Haldensleber und die Menschen im Kreis sind vor und nach dem Mauerfall also keinesfalls tatenlos – der Umbruch spielte sich nicht nur in Berlin oder direkt an der Grenze ab.

15.000 Bürger fahren an erstem Wochenende r&#

An den Tag des Mauerfalls aber gibt es ganz individuelle Erinnerungen. Zum Beispiel die des Haldenslebers Joachim Hoeft. 1989 wohnte er mit seiner Familie noch in Weferlingen, direkt im Grenzgebiet. Zehn Jahre lebten die Hoefts zum Mauerfall bereits in Weferlingen, brauchten Passierscheine für die Familie, spürten die Grenze zwar, aber sahen sie nie. „Am 9. November habe ich gerade Abendessen vorbereitet - meine Frau sah fern und sagte, die Grenze sei offen“, erinnert sich Joachim Hoeft an den „entscheidenden Moment“. Zwar fuhr die Familie schon am 12. November über Helmstedt in Weferlingens niedersächsische Nachbargemeinde Grasleben. Die Grenze zwischen beiden Orten wurde allerdings erst am 18. November geöffnet. Der passionierte Hobbyfotograf Joachim Hoeft war dabei, als sich morgens um 6 Uhr die Tore öffneten – er hielt den emotionalen Moment mit der Kamera fest.

„Von Freitag bis Sonntag mittag nutzten etwa 15.000 Bürger unseres Kreises die neue Reiseregelung und holten sich (...) ein Reisevisum“, hieß es am 14. November 1989 in der Volksstimme. „Mit dem Bus können die Einwohner unseres Kreises jetzt täglich nach Helmstedt fahren“, las man einen Tag später. Noch lange berichtete die Zeitung über hitzige Zusammenkünfte von Entscheidungsträgern, über Sprit-Knappheit an der Haldensleber Tankstelle, einen Bankenansturm und andere Geschichten, die der Mauerfall nach sich zog, bis es 1990 zur Wiedervereinigung kam.