Rätzlingen l „Hamburg – München – Magdeburg – Halle – Rätzlingen“ lauten die Stationen des Tourenplans von Ernst Paul Dörfler, der sein neuestes Buch „Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können“ vorstellt. „Der Schweinestall hier in Rätzlingen ist nicht nur der originellste Ort meiner Buchlesung, sondern auch die erste Lesung, die überhaupt geplant war. Das Buch war noch gar nicht fertig, als mir Jörg Lauenroth-Mago angeboten hat, hier eine Buchvorstellung zu machen. Und siehe da, vor zwei Wochen ist das Buch erschienen und da bin ich“, sagt Dörfler gut gelaunt. Er gesteht schmunzelnd, dass er bei seinem Verlag den Schweinestall als Veranstaltungsraum verschwiegen und als Ort des Geschehens den Galloway-Zuchtbetrieb angegeben habe. „Was sollen die in München von uns denken?“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Wandern bringt zusammen

Kennengelernt hat der Autor den Rätzlinger bei einer Grünkohlwanderung. „Ich habe bei Gesprächen auf der Tour mitgekriegt, dass er Galloways hält. So etwas exotisches und ökologisch Vernünftiges interessiert mich natürlich. Wir haben sozusagen die gleiche Geisteshaltung. Uns geht es um die natürlichen Lebensgrundlagen“, erklärt Dörfler und schwärmt von der Suppe, mit der alle Gäste der Lesung im gut beheizten Stall begrüßt werden.

„Die Rindfleischsuppe haben meine Frau Sabine und Rieke vorbereitet“, verrät der Hofherr und erklärt: „Ernst Paul Dörfler ist Vogelliebhaber und Kenner. Er hat das fundierteste Wissen in Sachsen-Anhalt über die Elbe und die Vögel, die dort leben.“

Im Menschen steckt viel Vogel

„So locker, nett und gastfreundlich wie hier war es noch nie“, schwärmt der Autor und beginnt über das erste Kapitel mit dem Titel „Mensch und Vogel in Liebesbeziehungen“ zu plaudern. „Was können wir denn von den Vögeln lernen?“, fragt der Vogelexperte. „Das Singen“, „Das Frühaufstehen“ und „Das Miteinander“ lauten die Antworten der Zuhörer. „Da sind wir schon beim Thema. Es gibt da so viel, was wir lernen können. In uns Menschen steckt erstaunlich viel Vogel, andererseits verhalten sich Vögel in vielerlei Beziehung verdächtig menschlich“, weiß Dörfler. Das sei seiner Ansicht nach auch kein Wunder, weil beide eine gemeinsame 400 Millionen Jahre währende Entwicklungsgeschichte – die Geschichte der Wirbeltiere – teilen.

„Vögel sind friedfertig, pflegen faire partnerschaftliche Beziehungen und Arbeitsteilung, es gibt kein Blutvergießen, keine Geschlechterkämpfe Männchen gegen Weibchen. Die Männchen kämpfen nicht, sie singen“, beschreibt er. Aber auch die gesunde Lebensweise mit viel Bewegung und naturgemäßer Ernährung hebt Dörfler hervor. Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Zuckerkrankheit und Osteoporose gäbe es in der Vogelwelt nicht.

Kennen ist mehr als Namen wissen

„Für mich bedeutet das Kennenlernen der Vögel mehr, als ihren Namen parat zu haben. Wenn ich die Artenzugehörigkeit eines Vogels kenne, weiß ich noch längst nichts über seine Lebensweise, wo er seinen Tag verbringt und wo er schläft“, erzählt der Vogelfreund, der die bestehende Distanz zwischen Mensch und Vogel längst überwunden hat. Die Zebrafinken sind nur eines von vielen Beispielen: Wenn es draußen wärmer wird als 26 Grad, senden die Altvögel fünf Tage vor dem Schlupftermin spezielle Rufe aus. Ihre Küken drosseln daraufhin das Wachstum und schlüpfen klein genug, um auch bei Hitze gut klarzukommen.

Dörfler erzählt von seiner Kindheit, die er oft bis zum Sonnenuntergang im Freien erlebte. Als Pionier der einstigen DDR-Umweltbewegung wurde er wegen seinem Umweltengagement von der Stasi argwöhnisch überwacht. Er spricht auch von der Enttäuschung nach der Wende. Er habe erkannt, dass die Flüsse in den neuen Bundesländern sauberer geworden sind, aber die kapital getriebene Globalisierung exportiert die Umweltkosten des westlichen Lebensstils in arme Länder. Und so ist dieses Buch auch eine Botschaft. „Wir müssen etwas für die Natur tun. Vögel sterben massiv aus, weil es kaum noch Lebensräume und Insekten gibt“, betont Dörfler und nennt in seinem Buch Vorschläge, um der Natur zu helfen. „Die Zeit drängt“, appelliert er an das Umweltgewissen der Gesellschaft.