Haldensleben l Die Krise ist nicht gerecht. Während einige Beschäftigte in diesen Tagen mehr zu tun haben, müssen andere um ihren Job bangen und mit Kurzarbeitergeld klarkommen. Wie unterschiedlich die Menschen in Haldensleben betroffen sind, zeigt sich eindrücklich an den beiden größten Arbeitgebern der Stadt: Hermes und Ifa.

Gemeinsam beschäftigen beiden Unternehmen mehr als 5000 Menschen in Haldensleben. Wobei die Ifa-Mitarbeiter derzeit eher weniger beschäftigt sind. Wie Unternehmenssprecherin Stefanie Steinhöfel auf Nachfrage mitteilt, befinden sich 46 Prozent der Beschäftigten in Kurzarbeit. Weltweit habe die Firma die Produktion in den Werken heruntergefahren, einzige Ausnahme sei das Ifa-Werk in Shanghai. Dort werde seit Mitte März wieder produziert, berichtet Steinhöfel.

Weltweit beschäftigt Ifa nach eigenen Angaben 3200 Mitarbeiter, davon etwa 1800 in Haldensleben. Neben dem Werk in Shanghai produziert das Unternehmen auch in den USA und Polen. Spezialisiert ist der Automobilzulieferer auf die Herstellung von Antriebswellen und Gelenke. Kunden sind die großen Autohersteller.

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Mehrere Autokonzerne haben zuletzt angekündigt, ihre Produktion nach dem Corona-Schock schrittweise wieder hochzufahren, darunter Volkswagen und Daimler. Aufgrund der Ankündigungen bereite sich nun auch Ifa auf ein Ende des Produktionsstopps vor, berichtet Steinhöfel. „In Haldensleben haben wir den Produktionsstopp genutzt, um das Werk durch veränderte Anordnung der Anlagen zu optimieren“, berichtet die Sprecherin. Derzeit stelle das Unternehmen einige Teile her, die Autobauer beim Hochfahren der Produktion benötigten. Allerdings nur „in sehr kleinen Mengen“, wie Steinhöfel erläutert.

Ifa muss Leiharbeiter abmelden

Klar ist, für die Sanierung des Unternehmens sind die umfassenden Produktionsausfälle Gift. Ifa war in der Vergangenheit in finanzielle Schieflage geraten, bis zum Jahr 2022 sollte die Sanierung abgeschlossen sein. Doch daraus wird nun nichts. „Es ist in der Tat so, dass wir in diesem Jahr die Kredite nicht in dem Umfang zurückzahlen können, wie wir uns das eigentlich vorgenommen haben“, sagt Steinhöfel. „Der Sanierungsprozess wird länger dauern, das lässt sich nicht vermeiden“. Dabei sei es vor der Krise noch ganz gut gelaufen für den Autozulieferer. Steinhöfel betont, man habe vor der Krise im operativen Geschäft wieder schwarze Zahlen geschrieben und Kredite zurückgezahlt.

Ob es aufgrund der Krise auch zu Entlassungen kommen werde, kann Steinhöfel derzeit nicht sagen. Sie versichert: „Wir tun alles, damit das nicht notwendig wird.“ Knapp 100 Leiharbeitnehmer habe das Unternehmen bereits abgemeldet, berichtet die Sprecherin.

Steinhöfel sagt, vieles werde auch davon abhängen, wie schnell sich die Wirtschaft insgesamt wieder erholt und ob es staatliche Unterstützungsprogramm bei Autokäufen geben werde. „Wenn sich der Markt schnell erholt, dann wirkt sich das naturgemäß auch positiv auf die Autozulieferer aus“, betont sie. Darüber hinaus prüfe das Unternehmen mögliche finanzielle Hilfen von Bund und Land.

Währenddessen stehen die Paketbänder bei Hermes Fulfilment in Haldensleben nicht mehr still. Im Frühjahr herrscht in dem Versandzentrum – eines der größten in Europa – Hochsaison. „Das ist in Zeiten von Corona nicht anders als sonst“, sagt Stefan Nießen, Leiter des Versandzentrums in Haldensleben. Das Bestellaufkommen liege aktuell rund 40 Prozent über dem Niveau, das Hermes Fulfilment im April des Vorjahres hatte. Im März meldete das Versandzentrum noch kein erhöhtes Bestellaufkommen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Nach fünf Wochen bestellen immer mehr Menschen dringend benötigte Dinge online. Durchschnittlich 300.000 Sendungen werden pro Tag in Haldensleben verladen.

Zusatzschichten bei Hermes

Ein Grund dafür dürfte laut Stefan Nießen die Nachfragesituation einiger Handelsunternehmen sein, die zur Otto Group gehören. Mit Beginn des schönen Wetters ist auch Bekleidung wieder mehr gefragt als noch vor ein paar Wochen. „Damit unsere Mitarbeiter die steigenden Mengen logistisch abwickeln können, sind mit dem Betriebsrat Zusatzschichten vereinbart worden“, bestätigt Stefan Nießen auf Volksstimme-Nachfrage. Bei Hermes steht also Mehrarbeit statt Kurzarbeit auf dem Programm.

„Unsere Mitarbeiter machen einen großartigen Job. Ihre Gesundheit und ihr Schutz vor Infektionen stehen an erster Stelle“, so Stefan Nießen. Deshalb hat Hermes Fulfilment die bereits ergriffenen weitreichenden Maßnahmen, die zu sicheren Abläufen im Arbeitsalltag führen, noch einmal angepasst.

Neben kleineren Teams, zeitlich versetzten Schichten, erhöhten Reinigungseinsätzen und regelmäßigen Desinfektionsrunden gehören Hinweise auf die Einhaltung von Hygienestandards und Mindestabständen dazu. Lautsprecherdurchsagen in mehreren Sprachen machen die Belegschaft laufend darauf aufmerksam, denn die 3800 Mitarbeiter kommen aus mehreren verschiedenen Ländern.