Eimersleben l „Mühlenfreunde, die wie ich im Osten Deutschlands aufgewachsen sind und nun in der Mitte ihres Lebens stehen, werden sie noch kennen: Die Windmühlenruinen, die zumeist am Ortsrand der Dörfer ein klägliches Dasein fristeten und deren Substanz im Laufe der Jahre immer weniger wurde“, erklärte Thorsten Neitzel von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Börde in der Zeitschrift „Molina. Mühlen und Menschen“. Im Fachblatt für Mühlenexperten werden Erfahrungen ausgetauscht und Tipps für den Erhalt und Betrieb von Mühlen gegeben. Er beschäftigte sich mit der Entwicklung der Mühlenlandschaft in den ostdeutschen Bundesländern am Beispiel der Magdeburger Börde.

Neitzel erinnerte sich an seine Jugend, in der Mühlen oft beliebte „Abenteuerspielplätze“ waren. Dabei wurde auf den Balken herumgeturnt, Bretter abgerissen, Buden in der Mühle gebaut und manch anderer Blödsinn veranstaltet. Der mitgebrachte Kassettenrecorder lieferte, auf den Steinen des Mahlganges liegend, den notwendigen Soundtrack. Leider wurde von einigen dieser „Mühlengäste“ auch gezündelt, was manche Mühle nicht überlebte, heißt es in seinem Artikel über die Mühlen in der DDR.

Durch solch unerlaubte Besuche fand Neitzel selbst Interesse an historischen Mühlen. Schon als Schulkind faszinierten ihn die gewaltigen mechanischen Kraftübertragungselemente. Und das so sehr, dass er selbst eine verfallende Holländerwindmühle in Mecklenburg Vorpommern erwarb und mit Hilfe seiner Frau und guter Freunde instand setzte. Doch das ist eine andere Geschichte

Bilder

Mühle wurde 1848 erbaut

Zurück zur Ruine in Eimersleben: Seit 1952 lag die Mühle, die 1848 erbaut wurde, still. Irgendwann war nur noch ein Mühlengerippe übrig, Flügelreste und Kammräder ragten hervor. Nur ein großes Wunder konnte der Bockwindmühle noch helfen. „Als klägliches Gerippe blickte sie noch 1984 über die Felder. Als ich ein paar Jahre später daran vorbei fuhr, drehten sich – ich traute meinen Augen kaum – die Flügel“, dachte Neitzel zurück.

Der damals 25-jährige Wilfried Schmidt aus Morsleben kaufte 1985 die Mühle und schuf aus einer Ruine ein Kleinod. Der Mühlenfreund hat aus den noch vorhandenen Fragmenten, denn mehr als ein Gerippe war nicht mehr vorhanden, wieder ein Schmuckstück gestaltet. Im Inneren der Mühle hat er einen Schatz nostalgischer Gegenstände angesammelt.

Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von 1986 zeigt den „Mühlenwundertäter“. Das Bild ging damals durch die Mühlenwelt, da wir in der armen und gebeutelten DDR den Mühlenfreunden in Ostfriesland oder in den Niederlanden zeigen wollten, dass man auch hier mit Liebe zur Sache und entsprechendem Engagement etwas erreichen kann. „Und das für kleines Geld: Der Mühlenaufbau mit Abriss- und Müllkippenbrettern war preiswerter als der anschließende Maschendrahtzaun drum herum“, erinnerte sich Neitzel. „So eine Mühle ist eine Lebensaufgabe“, weiß Schmidt nur zu gut. „Wenn ich etwas anfange, mach ich es auch zu Ende“, betonte der 62-jährige Morsleber. Und so gibt es an der Mühle immer etwas zu tun. Das weiß auch sein Sohn Paul Giesecke, der in seiner Kindheit viel Zeit auf dem Mühlengelände verbracht hat und bei den Arbeiten stets mit anpackte. Inzwischen ist er 22 Jahre alt. „Ich bin mindestens ein Mal in der Woche bei ihm“, erzählte Giesecke, der die Mühlenleidenschaft sozusagen in die Wiege gelegt bekam.

2017 gab es neue Flügel

2017 schenkte Schmidt seinen Mühlendame neue Flügel. Er entwarf, schraubte, baute und schweißte die Flügelkonstruktion mit den Jalousien allein. Leute aus der Region halfen damals, die Flügel mit den auffallend roten Jalousien und dem grünen Segel an der Seite anzuheben und auf das Mühlengelände zu stemmen.

Erst vor kurzem bekam die Mühlendame Streifen. „Die Sommer werden durch die nahende Klimakastrophe immer heißer. Ich hatte schon eine Temperatur von 83 Grad Celsius auf den Brettern der Mühle“, schilderte Schmidt. Das sei – seiner Ansicht nach – sehr gefährlich. Das Holz könnte sich selbst entzünden. Die weißen Latten sollen die Sonne etwas ablenken.

Liebe zu Oldtimern

Die Liebe zur Mühle wurde durch seine Oldtimer-Leidenschaft ergänzt. „Ich habe Turbinen, die funktionieren. Ich sammel außerdem alte Motoren“, zählte Schmidt auf. Neben seiner Sammelleidenschaft, die ihn – nach seinen Ausführungen – jung hält, verfügt Schmidt über eine große Portion Humor. So steht auf seinem Mühlengrundstück auch ein Schild „Maulwurf zu verkaufen, Stück 10 Euro“. „Ja, Maulwurf mit Spargel war eine Delikatesse. Ist aber jetzt ausverkauft“, erklärte der Mühlenherr seinen Gag schmunzelnd.

Seine Mühle hingegen sei unverkäuflich. „Wilfried hatte mir 1989 bei unserem Holländer in Rövershagen geholfen, als wir als erstes Vorhaben das Dach abgedichtet haben“, erinnerte sich Neitzel an gemeinsame Stunden mit dem „Mühlenwundertäter“ von Eimersleben.