Das große Fressen

Everinger Landwirt mäht Wiesen und eröffnet damit das „Bufett“ für Wildvögel

Es ist nicht zu übersehen: Wird eine Wiese gemäht, geben sich nach kurzer Zeit Störche, Reiher, Greifvögel und andere Vogelarten ein Stelldichein. Der Grund: Mäuse, Kröten und andere Kleinsttiere werden durch Landmaschinen aufgescheucht. Es entsteht freie Sicht auf den gedeckten Tisch. So etwas lassen sich die Vögel nicht entgehen.

Von Anett Roisch
Landwirt Sebastian Scholz (vorn)  zeigt auf einer Wiese bei Everingen dem Auszubildenden Benjamin Borth, wie mit Traktor und Schwadmäher das Grün geschnitten und auf den Boden gelegt wird. Gleich hinter der Technik finden Störche ihr Futter.
Landwirt Sebastian Scholz (vorn) zeigt auf einer Wiese bei Everingen dem Auszubildenden Benjamin Borth, wie mit Traktor und Schwadmäher das Grün geschnitten und auf den Boden gelegt wird. Gleich hinter der Technik finden Störche ihr Futter. Foto: Anett Roisch

Everingen/Eschenrode/Etingen - Für die Störche der Region ist es wie ein Festmahl: In diesen Tagen werden die Wiesen gemäht, so dass die Vögel spielend leicht an ihre bevorzugte Nahrung wie Insekten, Würmer und Mäuse kommen. So lassen sich die Adebars auf einer Fläche zwischen Everingen und Lockstedt nicht einmal von der Mähmaschine beeindrucken. „Das Buffet ist eröffnet“, heißt es für die gefiederte Gesellschaft, die die Leckereien zwischen der frischen Mahd aufpicken.

Mit dem Schwadmäher fährt Sebastian Scholz, Angestellter beim Landwirtschaftsbetrieb Jürgen Roland in Everingen. Scholz ist gelernter Landwirt und hat Benjamin Borth, einem Lehrling des Unternehmens, an seiner Seite. Geduldig erklärt der erfahrene Facharbeiter seinem jungen Kollegen die technischen Möglichkeiten und verrät einige Tricks. Die Erntemaschine legt das Gras in Schwaden auf dem Boden ab. „Das Gras, welches ich breit abgemäht habe, wird auf einen Hucken gepackt. Morgen früh kommt der Häcksler und zerkleinert das Grün. Es dient als Futter oder hier - im konkreten Fall - soll das Grün in die Biogasanlage kommen“, beschreibt Scholz und setzt seine Arbeit fort. Bis zum Sonnenuntergang soll das Werk vollbracht sein. Für die Vögel bedeutet dies, noch vor der Nachtruhe einige Leckerbissen mit den Schnäbeln abzugreifen.

In Etingen und Zillbeck gibt es insgesamt drei Horste

Offensichtlich schätzen die geflügelten Gäste den „Service“ der Bauern auch auf einer Wiese zwischen Etingen und Kathendorf. In Etingen gibt es gleich drei Horste. Auf dem Schornstein eines Fachwerkhauses Im Sack brüten die Adebars schon seit 1978. Auf dem Schild der Biosphärenreservatsverwaltung Drömling ist zu lesen, dass die langbeinigen Bewohner von 1991 bis 2010 insgesamt 34 Junge hatten. 2011 waren es drei, 2012 zwei und 2013 wieder drei Junge. Und auch in den vergangenen Jahren hatten die klappernden Segelflieger mehrere Jungtiere großgezogen. Ein weiteres Nest ist auf den Kuhstallanlagen und ein drittes auf einem hohen Pfahl in Zillbeck zu finden. Und auch im benachbarten Kathendorf ist die Kinderstube der Familie Langschnabel gut besucht. Zum gemeinsamen Abendfressen stolzieren neun Adebars über eine Wiese und machen scheinbar leicht reichlich Beute. „Für die Störche ist das ideal“, sagt Thomas Klöber, Mitarbeiter der Biosphärenreservatsverwaltung Drömling.

Auf einem Areal zwischen Weferlingen und Eschenrode kreist neben den Störchen ein Mäusebussard über einen frischgemähten Acker. Der Mäusebussard dürfte – gemeinsam mit dem Turmfalken – die häufigste Greifvogelart in der Drömlingsregion sein. Der Bussard sei - nach den Ausführungen von Klöber - häufig auf den Wiesen und Feldern anzutreffen, weil sie jetzt gemäht und größtenteils abgeerntet sind – und so dem Bussard und anderen Greifvögeln freie Sicht auf mögliche Beutetiere bieten. Lediglich Mais- und Zwischenfruchtfelder – sowie einige Blühstreifen und Zuckerrübenfelder bieten den Kleinsäugern, Vögeln und anderen Beutetieren noch etwas Schutz. Auch Hecken und andere Feldgehölze  sind Versteckmöglichkeiten.

Der Mäusebussard schlägt seine Beute nur am Boden. Er nimmt vorwiegend Mäuse, jahreszeitlich auch Insekten und Würmer, aber auch Aas, wie Fallwild und Verkehrsopfer. Trotz seiner Größe sei der Mäusebussard nicht in der Lage, gesunde erwachsene Hasen, Fasane oder Rebhühner zu schlagen. In deckungsarmen Fluren kann er allerdings einen gewissen Anteil an Jungwild erbeuten sowie im Winter geschwächte Rebhühner.

„Milane ernähren sich sowohl von lebender Beute als auch von Aas“, erklärt Friedhelm Voigtländer. Der Braunschweiger beobachtet vom Straßenrand aus mit dem Fernglas Rotmilane, die über einen Acker bei Etingen kreisen. „Der Schwarzmilan soll – wie ich auch - eine Vorliebe für Fisch haben“, sagt der Hobby-Ornithologe mit einem Augenzwinkern. Das Verbreitungsgebiet des Rotmilans sei heute im Wesentlichen auf Zentral-, West- und Südwesteuropa beschränkt.

Der Schwarzmilan sieht seinem nächsten Verwandten, dem Rotmilan, relativ ähnlich. Trotzdem könne man die beiden an einigen Details gut unterscheiden. „Erstens ist der Schwarzmilan etwas kleiner als der Rotmilan. Zweitens fehlen dem einheitlichen dunkelbraunen Vogel das rötliche Gefieder und die hellen Flügelfedern an der Unterseite. Beim Schwarzmilan sind nur Kopf, Kehle und Nacken sowie ein Band auf der Oberseite heller gefärbt“, beschreibt Voigtländer. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal würde sich erst im Flug zeigen. Im Gegensatz zum Rotmilan ist der Schwanz des Schwarzmilans gegabelt und beinahe dreieckig.

Ein Landwirt mäht sein Grünland bei Eickendorf. Das lockt ungewöhnlich viele Greifvögel an. „Auch Milane - vorwiegend Rotmilane und einige Schwarzmilane sind hier heimisch“, weiß Klöber, der sich in der Aufnahmestation in Kämkerhorst um verletzte Vögel kümmert. Erst im letzten Sommer päppelte der Naturwächter unter anderem sechs verwaiste Turmfalken wieder auf.

Verletzte Vögel werden in Kämkerhorst aufgepäppelt

Die Aufnahmestation gibt es seit Anfang der 1990er Jahre. Die Auslastung sei laut Klöber in den Jahren sehr unterschiedlich: „Wenn wir sechs Turmfalken, drei Bussarde, zwei Rotmilane und zwei Käuze betreuen, ist das schon viel.“ Dennoch bleiben einige Kurzzeitbewohner in Erinnerung. Denn auch die beiden größten Greifvögel des Biosphärenreservates, Seeadler und Uhu, wurden dort schon aufgepäppelt und erfolgreich wieder ausgewildert.