Haldensleben l Manche schreien und schimpfen, andere sind vollkommen starr und ruhig. Einige wollen es nicht wahrhaben, glauben es gar nicht, andere sind orientierungslos. Viele aber sind einfach nur hilflos in dem Moment, wenn sie nach einem Unglück vom Tod eines geliebten Menschen erfahren. Das sind die Momente, in denen Notfallseelsorger zum Einsatz kommen. Wenn denn jemand kommen kann.

„Wir brauchen ganz dringend neue Leute“, sagt Ines Meyer, die vor kurzem gemeinsam mit Benita Dymeck die Leitung des Notfallseelsorgeteams vom Kreisfeuerwehrverband übernommen hat. Das Team sei in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden, berichtet sie. Zuletzt hätten sich bei ihnen nur noch acht Ehrenamtler die 60 Bereitschaftsschichten im Monat untereinander aufgeteilt. Eine Schicht dauert zwölf Stunden. Weil die Notfallseelsorger den Anspruch haben, im Falle eines Unglücks innerhalb von einer halben Stunde am Unglücksort zu sein, können sie während ihrer Bereitschaftsdienste nur eingeschränkt ihre Freizeit planen.

Schwierig ist die Situation schon länger. Bereits seit zwei Jahren könnten sie die Bereitschaftsschichten teilweise nicht mehr besetzen, berichtet Dymeck. Bislang habe das bei ihnen allerdings noch nicht dazu geführt, dass sie bei einem Einsatz keinen angeforderten Seelsorger schicken konnten, sagt Dymeck.

Im vergangenen Jahr verzeichnete das Team 19 Einsätze. Die Gründe für die Einsätze sind sehr unterschiedlich. Drei Mal mussten sich die Seelsorger um Hinterbliebene nach einem Suizid kümmern, vier Seelsorger wurden nach Verkehrsunfällen gerufen, zwei begleiteten Polizisten beim Überbringen einer Todesnachricht.

„Wir sind immer weniger geworden“, bestätigt Notfallseelsorger Olaf Pichler. Er ist kurz nach der Gründung der Gruppe dazugestoßen. Das war im Jahr 2004. Damals seien sie noch 26 Seelsorger gewesen, erinnert er sich.

Kein landesweites Problem

Um ein landesweites Problem handelt es sich laut Thea Ilse nicht. Sie ist Landesbeauftragte für die Notfallseelsorge in Sachsen-Anhalt. Immer mal wieder würden Leute in einzelnen Teams fehlen, berichtet Ilse, das sei aber hierzulande „kein flächendeckendes Problem“. Die Ausbildungskurse seien voll, sagt sie. Insgesamt gebe es im Land 22 Teams mit rund 360 Notfallseelsorgern. Seit zehn Jahren veränderten sich diese Zahlen kaum. „Wenn 15 Leute im Team sind, ist das gut“, sagt Ilse, „bei zehn Leuten wird es eng“.

Die Landesbeauftragte betont außerdem, dass es bei ihnen anders als bei Rettungskräften nicht auf fünf Minuten ankomme. Wenn in der südlichen Börde niemand bereitstehe, frage die Einsatzleitstelle bei den beiden Gruppen in Magdeburg oder dem Team der nördlichen Börde an, erläutert Ilse.

In der Börde nördlich der Autobahn 2 verzeichneten die Notfallseelsorger im vergangenen Jahr 30 Einsätze – eine eher durchschnittliche Einsatzzahl verglichen mit den Vorjahren. Im Team Börde-Nord, organisiert von der Evangelischen Kirche, sind laut Einsatzkoordinator Steven Majchrzak zwölf Seelsorger aktiv. Zwar würden auch bei ihnen ständig neue Notfallseelsorger gesucht. Um das Besetzen von Schichten gehe es ihnen dabei allerdings nicht.

„Wir haben ein Territorialprinzip“, erläutert Majchrzak. Bei Einsätze werde der Notfallseelsorger gerufen, der dem Einsatzort am nächsten ist. Wenn keiner könne, fragten sie andere Teams an, berichtet er. Im Durchschnitt sei ein Notfallseelsorger in der nördlichen Börde 32 Minuten nach der Alarmierung am Einsatzort, betont Majchrzak.

Wer Notfallseelsorger werden möchte, muss zwischen 25 und 70 Jahre alt sein. Eine gewisse „psychische Stabilität“ sei wichtig, sagt Pichler. „Auch Einfühlungsvermögen“, fügt Meyer hinzu. „Auch die Bereitschaft, Stille im Gespräch auszuhalten“, müsse man mitbringen, ergänzt Dymeck. Die Wochenend-Ausbildung zum Notfallseelsorger dauert laut Dymeck etwa ein halbes Jahr.

Wer das Team der Notfallseelsorger des Feuerwehrverbandes verstärken will, kann sich per E-Mail bei Benita Dymeck melden: benita@dymeck-bedachung.de