Muttertag

Für die vierjährige Zoey aus Haldensleben ist klar: „Zwei Mamas sind cooler“

Am 9. Mai 2021 Muttertag. Für die vierjährige Zoey aus Haldensleben ist das ein besonderer Tag, denn sie hat zwei Mütter. Die Volksstimme hat mit ihr und ihren Müttern über das Leben in einem Drei-Frauen-Haushalt, über Ämter-Wahnsinn und Vorurteile gesprochen.

Von Lena Bellon

Haldensleben

„Natürlich feiern wir keinen Muttertag“, sagt Diana Otto. „Das ist uns einfach nicht wichtig und Zoey ist dafür noch zu klein.“ Die beiden Haldensleberinnen Nadine und Diana Otto sind seit sieben Jahren ein Paar und leben seit fünf Jahren in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Kurz darauf wird Tochter Zoey der Mittelpunkt der Frauenpower-Konstellation. „Die Ehe für alle gibt es erst seit 2017, wir haben daraufhin überlegt noch einmal zu heiraten, aber gerade wollen wir das nicht. Wenn die Pandemie vorbei ist, können wir das vielleicht noch machen“, sagt Diana Otto.

Dass sie nicht zu zweit bleiben wollen, war den beiden Frauen von Anfang an klar: „Wir wussten schon immer, dass wir gerne ein Kind hätten.“ Der Traum eines Kindes ließ sich aber gar nicht so leicht erfüllen – stundenlanges Warten auf Ämtern, unzählige Anträge, noch viel mehr Telefonate. Doch bis heute hat Zoey auf dem Papier offiziell nur eine Mama. „Zoey wird bald fünf und ich habe keinerlei Rechte an ihr, obwohl ich meine Pflichten als Mama erfülle“, beschreibt Diana Otto ihre missliche Lage. Da ihre Ehefrau das Kind zur Welt gebracht hat, ist sie auch offizielle Alleinerziehende – so sieht es das deutsche Gesetz vor. Eine zweite Mama ist dort nicht vorgesehen.

Adoption zieht sich seit Jahren hin

Die 38-jährige Diana Otto müsste Zoey adoptieren, erst dann darf sie offiziell auch ihre Mama sein. Das Adoptionsverfahren laufe genauso ab, als sei Zoey ein fremdes Kind – obwohl sie ihre Tochter seit der Geburt gemeinsam großziehen. „Die Adoption ist immer eine Frage des Geldes, aber auch der vielen Richtlinien, die dafür notwendig sind. Dann kommt eine fremde Person zu uns und beurteilt an einem Tag, ob ich die Mutter meines Kindes sein darf“, erklärt die 38-Jährige. Dass sie die Pflichten genauso erfüllt wie ihre Ehefrau, spiele hierbei keine Rolle. Wenn Nadine Otto mit Zoey im Flugzeug verreisen oder den Wohnsitz ummelden möchte, dann brauche sie immer eine sogenannte Negativbescheinigung vom Jugendamt. Die bescheinigt, dass es keinen sorgeberechtigten Vater für Zoey gibt – erst dann, kann sie für Zoey kurzfristig alleine sorgen.

„Ich würde mir wünschen, dass gleichgeschlechtlichen Paaren weniger Steine in den Weg gelegt werden. Das Adoptionsverfahren ist veraltet und müsste längst überholt sein – genau wie die Rollenbilder, die in den Köpfen vieler Menschen verankert sind“, sagt die Friseurin. In dem Salon, in dem sie arbeitet, gebe es sogar eine Kundin, die ihre Haare nicht von ihr geschnitten bekommen möchte – eben weil sie eine Frau liebt. „Was andere Menschen über unsere Beziehung oder Familie denken, ist mir egal“, sagt Diana Otto. Das Schubladendenken der Menschen sei das Problem: „Was ist schon eine Musterfamilie? Es gibt so viele diverse Familienbilder und trotzdem ist in den Köpfen die alte Rollenverteilung noch so eingeprägt.“ Die beiden Mütter glauben, dass sie von knapp 20.000 Haldenslebern das einzige gleichgeschlechtliche Paar mit einem Kind sind. „Klar gibt es manchmal blöde Blicke, aber wer uns nicht akzeptieren will, soll es eben lassen“, sind sich die Haldensleberinnen einig.

Zoey wird Aufgeschlossenheit beigebracht

Seit fast fünf Jahren krempelt die aufgeweckte und neugierige Zoey nun das Leben ihrer Mamas um. Ihnen sei besonders wichtig, dass Zoey ein glückliches und unbeschwertes Leben genießen kann. „Sie soll Respekt und Anstand von uns lernen, damit sie gegenüber allen Menschen aufgeschlossen ist“, betont Nadine Otto. Die Mütter legen Wert darauf, dass Zoey ihre Privilegien zu schätzen weiß: „Wir bringen ihr jetzt schon bei, dass nicht alle Kinder so viel Spielzeug, Geborgenheit und immer genug zu essen haben.“

Der Alltag der Familie ist durchgetaktet: Morgens früh steht der Spaziergang mit dem Hund an, Zoey muss in den Kindergarten „Max und Moritz“ gebracht werden, dazu kommen Aufgaben im Haushalt und schließlich gehen beide Frauen arbeiten. Manchmal wird Zoey von ihren Großeltern vom Kindergarten abgeholt, um noch Zeit mit ihnen zu verbringen.

Zweiter Geburtstag mit Corona-Einschränkungen

Am Wochenende müssten dann abwechslungsreiche Freizeitaktivitäten auf dem Programm stehen. „Sie spielt so gerne mit anderen Kindern, das ist für sie total schwer zu verstehen, dass so vieles aufgrund der Corona-Pandemie nicht geht“, bedauert die 31-jährige Nadine Otto. „Durch die Schließung des Friseursalons hatte ich eine lange berufliche Zwangspause und war den ganzen Tag zu Hause. Die Alleinunterhalterin für eine Vierjährige zu sein, hat mich wirklich herausgefordert.“ Am Wochenende zieht es die Familie in die Natur, auf Spielplätze oder in Tierparks, wenn die Beschränkungen das zulassen. „Zoey muss schon ihren zweiten Geburtstag unter Corona-Bedingungen feiern. Wir versuchen trotzdem, unsere Familie zu sehen und ihr einen schönen Tag zu bereiten“, sagt die 31-Jährige. Ab und zu dürfe sie auch kurze Filme oder eine Serie schauen, aber das wird von den Mamas gezielt ausgewählt: „Wir wollen, dass sie aus den Sendungen etwas lernen kann, viele Unterhaltungen für Kinder sind uns zu stumpf – da achten wir sehr darauf, was sie schauen darf.“

Dabei würden sich die Mütter wünschen, dass auch Kinderbücher und –filme mehr auf Diversität eingehen. Überwiegend wird dort nur das traditionelle Familienbild gezeigt: Mutter, Vater und Kind. „Den Kindern müsste mehr Vielfalt gezeigt werden. Kein Wunder, dass Zoey jetzt langsam anfängt zu fragen, warum andere einen Papa haben und sie nicht“, sagt Diana Otto. Wenn sie gefragt wird, warum sie zwei Mamas hat, reagiert sie ganz locker und sagt: „Weil das so ist.“ Diana und Nadine Otto haben ihr dann beigebracht zu sagen: „Weil zwei Mamas cooler sind“ – das hat sie jetzt als Antwort übernommen.