Lockdown

Für Tätowierer geht‘s ans Eingemachte

Andy Steinke ist zwar kein Friseur, doch trotzdem teilt er aktuell deren Schicksal: Sein Tattoo-Studio in Haldensleben ist geschlossen.

Von Jens Kusian

Haldensleben l Wer sich von Andy Steinke tätowieren lassen möchte, muss Geduld mitbringen. Nicht nur für den eigentlichen Termin, sondern schon im Vorfeld. „Normalerweise habe ich ein halbes Jahr Vorlauf“, sagt der Tätowierer. Doch normal ist bei ihm im coronabedingten Lockdown gar nichts mehr. „Das Auftragsbuch ist voll, doch ich darf niemanden tätowieren“, erzählt er. Er teilt wie viele Einzelhändler, Friseure und Kosmetiker dasselbe Schicksal: Sein Geschäft darf nicht öffnen. Das bringt ihn allmählich in Existenznöte.

„Ich habe zwar keine Einnahmen, doch meine laufenden Kosten muss ich trotzdem begleichen“, schildert er seine Lage. Ob er finanzielle Hilfe vom Staat bekommt, ist für ihn noch unklar. Da Steinke sein Geschäft erst Mitte Dezember schließen musste, kann er weder die November- noch die Dezember-Hilfe in Anspruch nehmen. „Unternehmen, die bundesweit erst ab Mitte Dezember 2020 schließen mussten (u.a. Friseursalons, Einzelhandel), sind nicht antragsberechtigt. Sie sollten stattdessen eine Antragstellung auf Überbrückungshilfe prüfen“, heißt es dazu auf der Informationsseite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Die entsprechenden Auszahlung würden am 15. Februar beginnen.

Im ersten Lockdown hatte er Hilfe beantragt und auch bekommen. „Doch das Geld war ausschließlich für die Geschäftskosten vorgesehen. Für den Lebensunterhalt war es nicht gedacht“, blickt er zurück. Aktuell lebt Andy Steinke von seinen Ersparnissen. Doch je länger der Lockdown dauert, umso dünner wird die finanzielle Decke. „Ich muss im März, spätestens im April wieder öffnen, sonst war‘s das“, ist der Tätowierer, der seit 19 Jahren selbständig ist, überzeugt.

Andy Steinke hat kein Verständnis dafür, dass die Hilfen nicht schneller bei den Betroffenen ankommen. „Die Ausgaben laufen ja weiter. Ich kann doch nicht einfach die Heizung abstellen, nur weil keiner kommen darf“, meint er. Kredite oder Stundungen seien keine Lösungen, um sich über Wasser halten zu können. „Das Geld muss ja irgendwann zurückgezahlt werden. Mit solchen zusätzlichen Belastungen habe ich doch gar nicht kalkuliert“, erklärt er.

Dass der Tätowierer den Neustart nur mit Schulden beginnen kann, wird für ihn immer wahrscheinlicher. „Da muss ich mich stark einschränken. Doch mehr arbeiten geht ja gar nicht“, weiß er. Schließlich steht beim Tätowieren Qualität an erster Stelle, wer rumpfuscht, bleibt nicht lange im Geschäft. Zwei Kunden am Tag, mehr sei nicht zu schaffen. „Schließlich mach‘ ich das ja hier allein“, sagt er.

Unklar ist aktuell noch, unter welchen Auflagen er im März wieder sein Geschäft öffnen darf. Eines steht aber jetzt schon fest: Die Kosten werden steigen. „Der Preis für ein Paket Handschuhe, die ich zum Arbeiten brauche, ist inzwischen um 150 Prozent gestiegen. Und sie werden wohl noch teurer werden“, vermutet der Tätowierer. Eine ähnliche Entwicklung erwartet er auch bei den Farben. „Natürlich ist Tätowieren ein Luxus. Aber ich kann die Kosten doch nicht so einfach an meine Kunden weitergeben. Wir leben ja hier nicht in München, wo die Leute sowieso mehr Geld haben“, meint er.

Weshalb gerade die Tattoostudios schließen müssen, ist ihm noch immer ein Rätsel. Ein Ansteckungs-Brennpunkt sei sein Studio nicht, meint er. „Hier ist es genauso hygienisch wie in einer Arztpraxis. Wenn das Virus hier reinguckt, dann geht es vor Angst gleich weiter, so viele Mittel stehen hier“, betont Steinke. Schließlich ist eine gute Hygiene Grundvoraussetzung fürs Tätowieren.

Etwas Positives kann Andy Steinke der Zwangspause aber abgewinnen. „Ich habe jetzt mehr Zeit für die Kinder, kann mich um sie kümmern, bis meine Freundin von der Arbeit kommt“, erzählt er. Auch habe er nun wieder Zeit, Bassgitarre zu spielen. Doch das sei eben nur ein Hobby, aktuell nicht mehr als „brotlose Kunst“.