Haldensleben l Michael Richter legt Wert auf Ordnung. Auch deswegen ist seine Gaststätte an der Holzmarktstraße die urige Wirtsstube geblieben. Tische und Stühle, so berichtet er, stammten aus den 20er Jahren. Von seinem Großvater, der damals eine neue Einrichtung bekam, nachdem ein rausgeworfener Gast ihm aus Rache die Möbel zerschlagen hatte. Mit dem Gedanken, diese Möbel bald zu entsorgen, kann sich Richter nicht anfreunden. „Aber irgendwann muss Schluss sein“, betont der 67-Jährige.

Nachfolger dringend gesucht

Seit Jahren sucht Richter einen Nachfolger. Gefunden hat er ihn noch nicht, trotzdem will er nun „zum Jahresende“ aufhören. Sie seien auch emotional einfach nicht mehr so belastbar, betont seine Frau Birgit, mit der er gemeinsam die Gaststätte betreibt. „Wir sind ja hier auch Seelenklempner“, sagt sie. „Wie viele Ehen wir hier schon kaputtgehen sehen haben“, seufzt die 61-Jährige.

Gewerbe abgemeldet

Seit 2014 haben in Haldensleben mehr als 60 Gastwirte ihr Gewerbe abgemeldet. Ein neues angemeldet haben nicht einmal halb so viele. Insgesamt sind nach Angaben der Stadt aktuell 111 Gastro- und Beherbergungsbetriebe angemeldet. Für viele Haldensleber Gästebettanbieter läuft es mit Blick auf die Übernachtungszahlen allerdings nicht so schlecht. So verzeichnet das Statistische Landesamt in den ersten neun Monaten des Jahres 2019 bereits rund 13.000 Gäste mit etwa 28.000 Übernachtungen in Haldensleben. Das sind schon fast so viele wie in den zwölf Monaten des Vorjahres (rund 30.000 Übernachtungen) und bereits mehr als im gesamten Jahr 2016.

Arbeitskräftemangel

Hotelier Roman Behrens sagt, er sei zufrieden mit seinem Gastgeschäft. Zusammen mit seinem Bruder betreibt er das Hotel Behrens samt Restaurant und Bar in der Bahnhofstraße, ein Familienbetrieb seit 27 Jahren. Für den Bereich Gastronomie bestätigt der 52-Jährige jedoch: „Es ist schwieriger geworden.“ Zurückgegangen sei das Essen à la carte, sagt Behrens. Er habe den Eindruck, ohne Anlass würden die Menschen heute eher weniger gemeinsam Essen gehen als früher. Deswegen setze sein Haus zunehmend auf Events, berichtet der Hotelier. Whisky-Abende, Lesungen und Konzerte stehen für dieses Jahr im Programm. „Damit versuchen wir, die Gastronomie-Szene zu beleben“, sagt Behrens.

Arbeitszeit schreckt ab

Dass die Zeiten für Gastronomen schwieriger geworden sind, hat für Behrens aber noch weitere Gründe. „Es ist schwierig, gutes Personal zu finden“, sagt er. Der Arbeitskräftemangel sei bei ihnen in der Branche ein „ganz großes Problem“. Einige seiner Kollegen würden bis nach Vietnam reisen, um sich Arbeitnehmer zu holen, berichtet Behrens. Er selbst würde gerne eine Restaurantfachkraft einstellen, finde aber keine. Arbeiten an Wochenenden und in den Nachtstunden, davor würden heute viele zurückschrecken. „Das ist auch der Grund, warum viele Gastronomen aufgeben“, betont er.

Kneipensterben

Das Gasthaus Richter hat seine Öffnungszeiten schon vor fünf Jahren eingeschränkt. Seitdem wird die Tür statt 10 Uhr erst um 17 Uhr aufgeschlossen. Vor Mitternacht sei dann selten Schluss, berichtet Michael Richter. „Der Aufwand ist groß“, sagt er. Seine beiden Töchter wohnen in Bayern und wollen die Wirtschaft nicht übernehmen.

Feierabendbier ist out

Richter hat das seit 1920 existierende Gasthaus der Familie vor 36 Jahren von seinem Vater übernommen. Für die Entwicklung der Kneipenszene in Haldensleben insgesmat findet er klare Worte: „Die Kneipenszene stirbt“, sagt er. Ein Problem seien die Taxis, die am späten Abend nicht mehr kommen würden, um seine Gäste nach Hause zu fahren. Auch seien die Leute, die nach der Arbeit zum Feierabendbier in die Kneipe gehen, insgesamt weniger geworden, sagt er.

Richter glaubt nicht, dass das ein finanzielles Problem ist. „Die wirtschaftliche Situation in Haldensleben ist nicht schlechter geworden“, betont der Kneipier. Er sieht ein verändertes Ausgehverhalten. Zu ihren Preisskat-Veranstaltungen vor Weihnachten würden bis zu 60 Gäste kommen. „Die Eventgastronomie ist die Zukunft“, sagt er.

Keine Kneipenkultur

Auf Veranstaltungen setzt auch Stefan Haensch. Der 53-Jährige betreibt die Kneipe „Zum Deutschen Kaiser“ mit angeschlossener Kegelbahn in Althaldensleben. Vor zehn Jahren habe er sich entschieden, seinen Handwerksberuf aufzugeben und Gastronom zu werden. Anfänglich habe er noch täglich geöffnet, mittlerweile nur noch freitags und sonnabends. Wenn dann keiner kommt, mache er gleich wieder zu. Über die Runden komme er wegen seiner Veranstaltungen. Betriebsfeiern, Weihnachtsfeiern und Vereinsversammlungen seien das vor allem. Ihr Bier würden viele heute eben zu Hause trinken, sagt Haensch. „Eine Haldensleber Kneipenkultur gibt es gar nicht mehr“.