Groß Santersleben l Vor 100 Jahren – genau am 17. Juli 1916 – wurde die Orgel in der Groß Santersleber Kirche eingeweiht. Wilhelm Rühlmann aus Zörbig bei Halle, einer der bekanntesten Orgelbauer der Region am Anfang des 20. Jahrhunderts, hat sie damals gebaut, nachdem die Vorgängerorgel nicht mehr repariert werden konnte. Der Bode-Orgel, die 1841 erbaut wurde, fehlte ganz einfach die Pflege.

So reihte sich die Groß Santersleber Orgel laut des Rühlmann-Kataloges von 1915 neben den Orgeln der Hallenser Marienkirche und der Magdeburger Ulrichskirche ein, die ebenfalls von Wilhelm Rühlmann und seinen Mitarbeitern gebaut wurden. Und das, obwohl die Kassen klamm waren. Doch letztlich sprang die Dorfgemeinde ein.

Jedoch stand die Zukunft der Groß Santersleber Rühlmann-Orgel nicht immer unter einem guten Stern. So wurden schon im Jahr 1917 die Prospektpfeifen zu Kriegszwecken eingeschmolzen. Dank einer Spende des Bauern Ewald Launroth gelang es zwölf Jahre später, neue Prospektpfeifen einzubauen.

Insgesamt hat die Orgel 756 Pfeifen. Zum 80. Geburtstag hat sie eine Sanierung erfahren. „Auch heute bedarf die Orgel einer Reparatur, aber wenn der entsprechende Ton nicht angespielt wird, bekommt es niemand mit“, erklärte am Sonnabend Pfarrer Thomas Wolter.

Anlässlich des runden Orgel-Geburtstages hatte er alle Mitglieder der Kirchengemeinden aus seinem Pfarrbereich und auch noch darüber hinaus eingeladen und freute sich, dass sich die Groß Santersleber Kirche so gut gefüllt hatte. „Wir haben uns vorgenommen, mehr Feste gemeinsam zu gestalten“, erklärte er den Hintergrund für die Ausrichtung eines Gemeindefest. Im Vergleich zum ersten Gemeindefest, das im vorigen Jahr in Klein Ammensleben stattfand, konnte er schon eine Steigerung der Gästezahl feststellen.

Mit dabei war auch der Mauritius-Chor aus Klein Ammensleben unter der Leitung von Nicole Kindermann, der sowohl ein Ständchen für die Orgel in der Kirche brachte, als auch beim anschließenden Gemeindefest auf dem örtlichen Hopfenhof sang.

Musikalisch erinnerte der Chor beispielsweise daran, dass Gott tröstet, und gab somit die Vorlage für Thomas Wolter. Er, der kurz vor dem Festgottesdienst gerade einem frisch verheirateten Ehepaar den Segen gegeben hatte, wies darauf hin, wie dicht Freude und Leid doch zusammenliegen und wie oft Trost nötig ist. Parallel zum Gottestdienst wurde auf dem benachbarten Friedhof eine Trauerfeier abgehalten und tags zuvor hatte es die Katastrophe in München gegeben. „Wir brauchen Menschen, die trösten können, Eltern ihre Kinder, Frauen die Männer, Männer die Frauen, Kinder ihre Eltern“, zählte er auf. Auch wenn es die Anschläge nicht gebe, gebe es viele Tränen.

Von Tränen, aber auch vom Dank an Gott erzählen auch die Lieder, die im kirchlichen Gesangbuch zu finden sind, stellte der Pfarrer fest. Sein Beispiel war „Liebe, Glaube, Hoffnung“ mit einem Text von Christian Fürchtegott Gellert. Es ist in einer Zeit entstanden, als viele Kirchen während des 30-jährigen Krieges zerstört worden waren. Erst später fanden die Menschen Kraft, die Kirchen wieder aufzubauen. „In dieser Zeit haben Dichter ihren Dank an Gott in ihren Zeilen ausgedrückt“, so Pfarrer Wolter. Auch den Dank für die Schönheit der Natur, die jeder heute, so wünschte es sich der Pfarrer, wieder bewusster genießen sollte.

Zwar nicht die Natur genießen, aber durchaus entspannen konnten die Festgottesdienstgäste, als die Rühlmann-Orgel erklang. Chorleiterin Nicole Kindermann sorgte dafür, dass das „Geburtstagskind“ selbst reichlich Aufmerksamkeit erfuhr. Sie streichelte die Tastatur der Orgel und entlockte ihr so die schönsten Töne.

Mit Orgelklang wird auch die Festwoche rund um die 100-jährige Orgel fortsetzen. Magdalena Freytag, die viele Jahre im örtlichen Pfarrhaus verbracht hat, da ihr Vater hier Pfarrer und ihre Mutter Organistin war, lädt seit gestern Abend bis zum kommenden Freitag jeden Abend um 18 Uhr zur kleinen Orgelandacht in die Kirche ein. Für heute Abend ist ab 18 Uhr ein Diavortrag über Groß Santersleben geplant. Dieser wird im Pfarrhaus gezeigt werden. Parallel dazu ist im Pfarrhaus eine Ausstellung aufgebaut, in der viele Zeitzeugen und Schriftstücke, wie zum Beispiel ein Liederbuch von 1772, zu betrachten sind.