Hundisburg l Sebastian Anastasow kniet vor einer Gedenktafel. Vor ihm haben es ihm viele Menschen gleichgetan, doch er gedenkt nicht, er arbeitet. Mit einem Skalpell kratzt er an den Namen der Gefallenen, die vor vielen Jahrzehnten in das Metall gegossen wurden. „Der Zustand ist schlimmer als ich dachte“, sagt er und meint damit Rostschäden, die sich über die Jahre an dem Kriegerdenkmal aus Ilsenburg (Landkreis Harz) zu schaffen gemacht haben. Nun ist es seine Aufgabe, den Verfall aufzuhalten.

Als Metallrestaurator beseitigt er Schäden an Objekten, ohne sie jedoch zu beschädigen. Der Beruf ist selten, es gibt nur wenige Praktizierende in Deutschland. Deshalb ist Sebastian Anastasow weit über die Grenzen Hundisburgs hinaus bekannt. Die Thesentür in Wittenberg, Prunksärge in Frankfurt , Kronleuchter der Löwenburg in Kassel – seine Arbeit spricht für sich.

In seiner Werkstatt tummeln sich verschiedenste Objekte. Kleine Figuren mit kleinem Makeln bis hin zu riesigen, tonnenschweren Objekten, an denen der Zahn der Zeit nagt. Leuchter, Skulpturen, Bronzefiguren – alles wartet auf die Expertise des Restauratoren. All diese Dinge wird er restaurieren – und den Objekten in die Seele blicken.

Objekte werden auf Herz und Nieren geprüft

„Ich beschäftige mich ausgiebig mit der Geschichte des Objektes. Ich muss grundsätzlich herausfinden, was vor mir liegt“, sagt Sebastian Anastasow. Seit wann steht es an seiner angestammten Stelle? Warum wurde es errichtet? Welche Veränderungen wurden über Jahrzehnte bereits vorgenommen? Welchen Witterungen ist es ausgesetzt? All das dokumentiert der Metallrestaurator, bevor die eigentliche Arbeit beginnt.

Dabei mache es für ihn keinen Unterschied, ob das Objekt aus dem 15. Jahrhundert oder den 1960er Jahren stammt. Die vier Gedenktafeln aus Ilsenburg beispielsweise, die normalerweise an einen großen Stein montiert sind, wurden von Zierleisten eingerahmt. Eine davon war aus Metall, die andere aus Kunststoff. Hier hat also schon einmal jemand nachgebessert.

Doch das wird Sebastian Anastasow nicht tun. In seinem Metier geht es nicht darum, Dinge auszubessern, sondern sie haltbar zu machen. „Im Prinzip bin ich Konservator“, sagt er und schmunzelt. Die Rostschäden an der Gedenktafel wird er nicht rückgängig machen können, aber er kann den weiteren Verfall aufhalten.

Zu der Kunst, die Dinge kaputt zu lassen, kam er zufällig. Als er damals als Handwerker arbeitete, habe ihn schon die Arbeit mit sehr kleinen Dingen interessiert, ebenso habe er seit jeher eine Begeisterung für alte Sachen gehabt. Sein Lehrmeister habe ihm empfohlen, Restaurator zu werden. In Berlin studierte er deshalb Restaurierung für technisches und archäologisches Kulturgut. Im Jahr 2000 zog der gebürtige Magdeburger nach Hundisburg und eröffnete die Werkstatt, in der er bis heute fast täglich arbeitet.

Auf kirchliche Objekte spezialisiert

Spezialisiert hat sich Sebastian Anastasow auf museale und kirchliche Objekte. Die Schlosskirche in Wittenberg zählt zu einem der größten Werke. Dort restaurierte er nicht nur die Tür, an die Luther im Jahr 1517 die 95 Thesen geschlagen haben soll, sondern auch zwei riesige Leuchter sowie ein Teil der Epitaphien (Grabinschriften). Außerdem restaurierte er die Kirche in Hohenwarsleben, das Franckedenkmal im Nordpark Magdeburg, viele Objekte im Schloss Wörlitz oder dem Schloss Drachenfels in Königswinter.

Dabei erfordert jedes dieser Unikate seine eigene Zeit als auch seine eigenen Arbeitsformen. „Manchmal sitzt man an den kleinsten Dingen einen halben Tag“, verdeutlicht Anastasow die Komplexität seiner Arbeit. Er arbeite synchron an mehreren Werken. Oftmals wird seine Expertise im Vorfeld von Jubiläen angefordert, damit die Objekte dann wieder glänzen können. Das bedeutet aber auch: Je näher das Abgabedatum rückt, desto öfter verbringt der Wahl-Hundisburger auch die Wochenenden in der Werkstatt.

In den nächsten Wochen wartet ein besonders kompliziertes Objekt auf ihn. Es ist ein gemaltes Porträt auf einer Eisenplatte. Das rundliche Gemälde aus der Bismarck-Kirche in Schönhausen (Landkreis Stendal) sieht geradezu zerfressen aus. Die Farbe ist an zahlreichen Stellen abgeplatzt, das Gesicht des Porträtierten nur noch verwaschen zu erkennen. Wenn Sebastian Anastasow es bearbeitet hat, wird es immer noch zerfressen sein, aber konserviert. „Die Kunst ist, den Alterungsprozess verlangsamen und trotzdem etwas optisch ansprechendes kreieren“, so der Restaurator.

Eigene Kreativität ist unerwünscht

Seine eigene Note dürfte er nicht einbringen, das verbietet seine Berufsbeschreibung. Restauratoren sollen nicht kreativ tätig sein, aber es trotzdem beherrschen – das ist die Gratwanderung des Metiers. „Im Prinzip sind wir ja Denkmalschützer, aber eben die Praktiker“, sagt er. Am Ende seiner Arbeit steht ein gepflegter Gebrauchszustand.

Es ist vor allem eine einsame Arbeit mit den Objekten. Deswegen ist der Restaurator auch Teil des Magdeburger Museums. Dort kann er sich mit anderen Fachleuten austauschen. Dabei hat er in der Landeshauptstadt noch etwas erschaffen, das aus dem Rahmen all seiner Arbeiten fällt: Er hat den Zeitzähler, jene Kugel am Elbbahnhof Magdeburg mit der Echtzeit von 19 Flüssen, nach Entwürfen von Gloria Friedmann gefertigt. Er hat sie errichtet und sorgt seither dafür, dass die Uhren im Mekong-, Nil- und Amazonas-Takt ticken. Keine Restaurierung, sondern eine Neuerschaffung.

Oftmals sei es so, dass die Menschen mit Aufträgen auf ihn zukommen, sagt Anastasow. Das spricht für seinen Ruf. „Renommiert“ ist das Wort, das man in Zusammenhang mit seinem Namen hört. „Das wundert mich eigentlich“, sagt er und lacht. Er sei ein Idealist, vielleicht mache das seine Arbeit aus. Dann setzt er die Lupe wieder auf seinen Kopf und widmet sich konzentriert wieder den vielen Namen auf der Gedenktafel.