Rätzlingen l „Tage wie diese sind Highlights im Leben einer Kirchengemeinde“, sagt Dieter Kerntopf, Mitglied im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Der Pfarrer im Ruhestand begrüßt beim Richtfest des Gemeindezentrums in Rätzlingen die Gäste.

„Der Weg war steinig. Es gab einige unerwartete Wendungen. Aber mit Gottes Hilfe und mit Menschen, die uns Mut machten, ist es gelungen“, sagt Pfarrerin Rabea Reinhold in ihrer Predigt im Gottesdienst, den sie in der sehr gut besuchten Kirche, gleich neben der Baustelle, hält. Die Geistliche kann sich noch gut erinnern: „Als ich vor einigen Monaten hier in Rätzlingen ankam, gab es auf der Baustelle nur ein abgestecktes Stück voller Gestrüpp.“

Rückblick: Im Zusammenhang mit dem Verkauf des Pfarrhauses musste eine neue Möglichkeit geschaffen werden, kirchliche Veranstaltungen ganzjährlich durchzuführen. Die Idee entstand, aus der alten Pfarrrscheune ein Gemeindezentrum zu bauen. 2017 waren die ersten Anträge an den Kirchenkreis und an die Landeskirche gestellt worden. „Mit dem Erlös vom Pfarrhausverkauf waren schon mal mindestens 100.000 Euro vorhanden. Ein Grundstock aus dem mehr gemacht werden sollte, denn bei allen öffentlichen Fördermitteln ist immer ein Eigenanteil notwendig“, erklärt Kerntopf, der der Gemeinde beim Vorhaben beratend zur Seite steht. Am 1. Februar 2018 wurde der Antrag an Leader, einem Förderprogramm der EU zur lokalen Entwicklung in ländlichen Gebieten, gestellt.

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Am 10. August 2018 kam der Zuwendungsbescheid in Höhe von 239.630 Euro. Das waren 75 Prozent Förderung. „Der damalige Pfarrer war auf dem Absprung, die Pfarrstelle wechselte, um zu schauen, wie man aus dieser Klemme herauskommen könnte. Es bedurfte vieler Argumente, die Überlegungen für diesen Bau nicht abzubrechen und damit auf die große Förderung zu verzichten“, denkt Kerntopf zurück. Die Gewerke wurden noch mal ausgeschrieben. Es gab eine Preissteigerung, aber auch die Zuwendungen wurden erhöht. 422.000 Euro hoch war die Gesamtsumme.

Dann kam es noch zu einem Baustopp. „Nach dem alle Unklarheiten im Bauordnungsamt und der Unteren Denkmalbehörde beseitigt waren, wurde der Baustopp am 8. August wieder aufgehoben“, berichtet Kerntopf, der sich bei den Planern und allen Mitwirkenden bedankt. Seitdem ging es kontinuierlich voran.

Weinglas als gutes Omen

Der Rohbau ist fertig. Und auch das Dach hat bereits Ziegeln. Ingo Pätz, Meister im Dachdeckerhandwerk und sein Altgeselle Frank Steacker sorgen für die traditionelle Zeremonie des Richtfestes. Die Zimmerleute trinken auf das Wohl der Hausbesitzer Rotwein und werfen am Ende des Richtspruches das Glas vom Dach. Es zerspringt am Boden. Das ist ein gutes Omen.

Karl-Michael Schmidt, Gemeindepädagoge des Kirchenkreises Haldensleben-Wolmirstedt, schlägt in luftiger Höhe gekonnt den letzten Nagel ins Holz. „Wir haben es geschafft. Die nächsten Schritte sind bereits in Planung. Es soll ein Haus sein, in dem viele Menschen eine Heimat finden“, blickt Rabea Reinhold voraus. Die Pastorin gesteht, dass sie jetzt schon gespannt sei, wie der Inhalt des Hauses aussehen wird. „Möge es ein herrliches Haus sein, in dem sich alle wohlfühlen“, wünscht sie. „Hier entsteht eine Begegnungsstätte, in der die Gemeindearbeit mit den verschiedenen Generationen in Zukunft wesentlich geprägt wird“, ergänzt Kerntopf.

Grüße von der Leitung des Kirchenkreises und Gottes Segen für das Vorhaben überbringt Superintendent Uwe Jauch. Er betont, dass es eine gute und wichtige Entscheidung war, das Pfarrhaus zu verkaufen und ein modernes Gemeindezentrum zu bauen. „Die Pfarrerin kommt in Zukunft angereist. Aber sie hat ein kleines schnelles Auto. Sie bekommen hier ein modernes Gemeindezentrum, in dem Sie – wenn es doch mal richtig Winter wird – bei angenehmen Temperaturen Gottesdienste feiern können“, sagt Jauch.

Das Gebäude soll für Gruppen und Kreise ein Ort der Begegnung über die Grenzen der evangelischen Gemeinde hinaus sein. „Es ist auch Gottes Wille, dass wir miteinander richtig schön feiern. Und das nicht mit einer Plörre, sondern auch mit Rotwein, wie wir das eben bei den Handwerkern gesehen haben“, blickt der Superintendent schmunzelnd voraus. Der Einwand kommt, dass nach dem Rohbau erst die lang andauernden Feinarbeiten beginnen. „Als unser lieber Herrgott die Welt erschaffen hat, da hat er das in sieben Tagen gemacht. Aber da war auch erst nur der Rohbau fertig. Jetzt bauen wir noch in seiner Welt und leben darin“, sagt Jauch und lädt zum Feiern ein.

Norbert Sierig vom Gemeindekirchenrat dankt allen am Bau Beteiligten. Nach dem jetzigen Planungsstand und wenn die Witterung es zulässt, soll das Gemeindezentrum in der Woche vor Pfingsten fertig werden. „Pfingsten – der Geburtstag der Kirche – wäre ein willkommener Anlass“, sagt Kerntopf.