Flechtingen l Drei Tage hat Dr. Olaf Karlson aus Halle im ältesten Gebäudeteil des Flechtinger Rathauses zugebracht. Das Haus am Lindenplatz 11 wurde einst als Rentamt erbaut, als eine Art Finanzbehörde des Flechtinger Schlosses. Hier wurden Pachten für den Burgkrug, die Schlossmühle und andere Betriebe eingezahlt, Löhne ausgezahlt, die Finanzen der Patronatsfamilie von Schenck organisiert.

Vor 80 Jahren gab es neben den Amtsräumen des Rentmeisters mit Mitarbeiter und Lehrling hier auch Dienstwohnungen für den Rentmeister, den Chauffeur und die Gesellschafterin der gnädigen Frau. Das Gebäude ist allerdings noch älter, besonders ein Teil des Kellers. Auch wurden von Vorgängerbauten Balken und Türangeln wiederverwendet. Das genaue Alter untersucht der Spezialist für historische Bauforschung Olaf Karlson derzeit.

Gesamten Dachstuhl aufgemessen

Den gesamten Dachstuhl hat der Fachmann mit den altersbedingten Verformungen aufgemessen. Alle Balken und Sparren, auch die klassenzimmergroße Räucherkammer hat er kartiert. Um das Alter des Gebäudes und einzelner Bauteile zu ermitteln, hat er zudem zehn Bohrproben aus dem Balkenwerk genommen und zur dendrochronologischen Untersuchung in ein Speziallabor verschickt. Dort wird das Alter des Holzes ermittelt. In einigen Wochen wird sein Bericht fertig sein.

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Er ergänzt die bereits vorliegende Befunduntersuchung des Diplom-Restaurators Eckhard Lemke aus Schönebeck zu den vorhandenen Putzschichten, Tapeten und Anstrichen, besonders auf den alten Wandpaneelen und Türen im Obergeschoss. Die Bauforschung ist notwendig, um die von der Gemeinde Flechtingen geplanten Baumaßnahmen in diesem als Einzeldenkmal geschützten Gebäude umsetzen zu können.

„Im Herzen des Grundzentrums Flechtingen stand dieses ortsbildprägende Gebäude zu zwei Dritteln leer. Der Dachstuhl war nicht mehr tragfähig, die Elektrik komplett veraltet, die Treppen nicht mehr nutzbar, keine modernen Sanitäranlagen vorhanden, für mobilitätseingeschränkte Personen gab es nur Hindernisse“, sagt Flechtingens Bürgermeister Tim Krümmling. Da musste etwas passieren. die Gemeinden könnten nicht von den Bürgern erwarten, dass sie sich um denkmalgeschützte Häuser in den Ortszentren kümmern, und selbst ein so prägendes Einzeldenkmal dem Verfall preisgeben.

Barrierefreie Büroräume geplant

Der Gemeinderat hatte sich deshalb entschlossen, mit gutem Beispiel voranzugehen und die Ortsmitte mit ihrer historischen Bausubstanz zu stärken. „Gleichzeitig erreichen wir damit für unsere Bürger einen optimalen Verwaltungskomfort“, ist Tim Krümmling überzeugt.

Die Bauarbeiten haben vor allem das Ziel, moderne und barrierefreie Büroräume zu schaffen. So wird der Bereich vor dem Rathaus ebenerdig gepflastert, wo jetzt noch Bordsteinkanten den Zugang für Rollstuhlfahrer erschweren. Eine Rampe erleichtert den Zugang in das Gebäude, die Eingangstür wird über einen Taster gesteuert. Mit einem Druck auf den Taster kann man so vom Rollstuhl aus die Tür selbst öffnen. Auch eine behindertengerechte Toilette und ein Fahrstuhl werden eingebaut.

Das umfangreiche Vorhaben wird etwa zu zwei Dritteln aus Eigenmitteln der Gemeinde und zu einem Drittel aus Fördermitteln der Europäischen Union aus dem ELER-Programm (Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes) finanziert. Mit Beginn der Bauarbeiten am 20. März 2019 wurde die Begehbarkeit des oberen Lindenplatzes eingeschränkt. Der Briefkasten der Deutschen Post wurde deshalb bereits an die Kirchenmauer versetzt. Tim Krümmling freut sich, dass es endlich losgeht. Er und sein Büro sind in der Zwischenzeit im Gebäude Lindenplatz 13 im Dachgeschoss zu erreichen.