Haldensleben l Die Veranstaltung stand seit Wochen im Kalender. Knapp 900 Schüler aus dem gesamten Bördekreis sollten am kommenden Montag dem bundesweit bekannten Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl unter dem Motto „Eine Stadt gegen Mobbing“ lauschen. Doch dann sagen die Schulen massenhaft ab, die Veranstaltung wird schließlich ganz abgesagt. Eltern und Schüler sind erbost, im Internet gibt es heftige Diskussionen. Was ist passiert?

Mehrere Wochen Planung lagen hinter dem Veranstaltungsteam, Sponsoren wurden akquiriert, der Anti-Mobbing-Coach angefragt. Bis zum 6. Dezember stand die Veranstaltung fest im Plan der Schulen. Doch dann flatterten bei Hauptorganisator Henning Schneider mehrere Absagen ein. Vier Tage später haben seinen Angaben nach bereits zwei Drittel der Schulen abgesagt – die Veranstaltung war nicht haltbar. Als Grund der Absage sollen einige Schulleiter in persönlichen Gesprächen mit Henning Schneider „Druck von oben“ genannt haben.

Umstrittener Carsten Stahl

Das liegt offenbar an der umstrittenen Person Carsten Stahl. Er ist laut, aggressiv, emotional und nimmt kein Blatt vor den Mund. Viele Eltern und Kinder jubeln ihm zu, Experten sehen seine Methoden kritisch – und doch ist er erfolgreich. „Ich wurde früher gemobbt und hatte Suizidgedanken. Deswegen setze ich mich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche für dieses Thema sensibilisiert werden“, sagt Carsten Stahl.

Er ist ein großer Mann, muskelbepackt und tätowiert bis zum Hals. Dass seine Person umstritten sei, wisse er selber. Doch der Erfolg seines Programms gebe ihm recht: über 54 000 Schüler habe er in den vergangenen sechs Jahren bereits gecoacht. Experten halten dagegen: Carsten Stahl ist kein Sozialpädagoge, seine Arbeit nicht langfristig angesetzt.

Coach redet mit Schülern

Der Coach redet direkt mit den Schülern, spricht ihre Sprache. Oftmals wird er gerufen, wenn alle anderen Maßnahmen nichts gebracht haben. Ein Beispiel aus einem Video von 2017: Stahl fragt einen Jungen, wann er das erste Mal zugeschlagen hat. „Mit sechs Jahren“, antwortet der Schüler. Sein Vater habe ihm gesagt, er solle zurückschlagen. „Du denkst, das ist Stärke. Aber das hat nichts mit Stärke zu tun“, sagt Carsten Stahl. „Nur ein starker Mann kann Schwache unterstützen. Eine Pfeife macht sie fertig.“ Stahl erzählt, sein Schlagen habe ihn dazu gebracht, dass er sein eigenes Kind begraben musste und er damit leben müsse, dass sein Kind tot ist. „Ich frage dich: Willst du dein eigenes Kind begraben?“, fragt der Coach. Der Schüler schüttelt verschüchtert den Kopf.

Zurück nach Haldensleben: Was ist mit dem „Druck von oben“ gemeint, der einige Schulleiter laut Veranstalter zur Absage gebracht habe? Über die Schulen wacht das Landesschulamt. Der dort integrierte Schulpsychologische Dienst hat bereits im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit Carsten Stahl verweigert, als ein Schüler sich in Burg (Landkreis Jerichower Land) aus dem Fenster gestürzt hatte.

Schulen entscheiden über Teilnahme

Hat das Landesamt den Schulen die Absage der Haldensleber Veranstaltung vorgeschrieben? „Das Schulamt hat keinen Druck auf Schulleiter hinsichtlich der Teilnahme an der Veranstaltung ausgeübt. Allein die Schulleiter entscheiden über die Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen“, schreibt Stefan Thurmann, Pressesprecher des Bildungsministeriums Sachsen-Anhalt, in einer Stellungnahme.

Für die Veranstalter ist es eine bittere Pille, das Programm abzusagen. „Wir müssen nun alles rückabwickeln. Wir haben einen Vertrag mit Carsten Stahl, der gekündigt werden muss“, sagt Henning Schneider. Ihn ärgere, dass keine der Schulen im Vorfeld Bedenken angemeldet hat. Es wurde bereits gemunkelt, die Veranstalter – es sind noch drei weitere Personen beteiligt – hätten die Veranstaltung aus internen Gründen abgesagt.

Deswegen veröffentlichte Henning Schneider im Internet eine Stellungnahme zu der Absage. Dort stellte er klar, dass nicht interne Querelen an der Absage Schuld waren, sondern die Schulen, die ihre Teilnahme zurückgezogen haben. Auch der „Druck von oben“ spielt in der Stellungnahme im Internet eine Rolle. Der Beitrag schlägt im sozialen Netzwerk Facebook hohe Wellen. Inzwischen wurde er fast 3000 Mal geteilt, 600 Kommentare offenbaren wütende Nachrichten.

Schule im Zentrum der Debatte

Doch nicht nur die Veranstalter, auch Stahl äußert sich bei Facebook zu den Vorkommnissen in Haldensleben. Dabei macht ihn vor allem ein Brief einer Schule wütend. Die Schule war ebenfalls mit einer Klasse bei der Veranstaltung angemeldet. Am Dienstag, als die Veranstaltung abgesagt wurde, gab der Schulleiter einen Brief an alle Eltern der Klasse heraus. In dem Brief, der der Volksstimme vorliegt, begründet der Schulleiter die Absage.

Dort steht, es habe „in den letzten Tagen vermehrt Warnhinweise gegeben, dass der Besuch der Veranstaltung „bei einigen Kindern schwere psychische Probleme auslösen kann“. Für Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl ist das eine Verleumdung. In einem neunminütigen Video droht er dem Schulleiter bei Facebook mit einer Anzeige und dass er diesen Fall bundesweit öffentlich machen will. Die Schule war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Carsten Stahl lässt verlauten, dass die angekündigte Anzeige bereits erfolgt sei. Er könne die Verleumdung der Schule nicht auf sich sitzen lassen, betont er.

„Man kann über meine Methoden diskutierten, aber hier wurde meine Arbeit verurteilt“, sagt Carsten Stahl auf Volksstimme-Anfrage. „Ich kann damit leben, als Idiot beschimpft zu werden, aber mit diesem Brief kann ich nicht leben.“

Besuch beim Bildungsminister

Am Mittwoch war der Anti-Mobbing-Coach unabhängig von der Haldensleber Veranstaltung zu Gast bei Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU). Thema des Gespräches sei Mobbing-Prävention gewesen. Das Bildungsministerium bestätigt das.

Für die Mobbing-Veranstaltung in Haldensleben hat Landrat Martin Stichnoth (CDU) im Vorfeld die Schirmherrschaft übernommen. Hatte er Bedenken bezüglich der Veranstaltung? „Für mich als von der Bevölkerung direkt gewählter Landrat kann ich so viel sagen, dass ich Aktivitäten und präventive Maßnahmen, die sich mit dem Thema beschäftigen, grundsätzlich im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstütze“, schreibt er in einer Stellungnahme. Er sehe Politik und Gesellschaft in der Pflicht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Er habe die Absage zur Kenntnis genommen.

Trotzdem will Carsten Stahl nach Haldensleben kommen. Die Veranstalter rund um Henning Schneider wollen das Programm im Jahr 2020 wiederholen – dann jedoch als private Veranstaltung über Kartenverkäufe. Der Anti-Mobbing-Trainer lässt verlauten, dass auch ein Verein aus dem Bördekreis Interesse an einer privaten Veranstaltung angemeldet habe. „Im kommenden Jahr werde ich nach Haldensleben kommen, um zu zeigen, dass ich mich nicht abschütteln lasse“, sagt Stahl.