Zobbenitz l „Wir haben geprüft, ob am Standort Zobbenitz eine Photovoltaikanlage möglich ist. Nach Verhandlungen mit den Eigentümern sind wir jetzt an dem Punkt, Ihnen das Vorhaben vorzustellen“, sagte Projektentwickler Enrico Wöhl-bier aus Gardelegen.

In großer Zahl waren Zobbenitzer der Einladung gefolgt. Wöhlbier betonte, dass die Veranstaltung nur der Information diene. Der Projektplaner verwies auf seine Referenzliste, auf der auch der Bau der Solaranlage auf dem Gelände der einstigen Konservenfabrik Ogema in Calvörde steht.

„Wir wollen eine Idee umsetzen, aber wir sind noch ganz am Anfang. Es ist nichts, was über Ihre Köpfe hinweg geht, entschieden“, sagte Planerin Monika Bresch und beschrieb Details zum Prozedere im Bauordnungsrecht.

Markus Renz, kaufmännischer Geschäftsführer des Vorhabenträgers Sunovis GmbH, berichtete, dass das Unternehmen 2011 errichtet wurde und es Standorte in Singen und Berlin gibt. „Wir haben uns auf den Bau von Freiflächenanlagen spezialisiert und eine langjährige Partnerschaft mit dem Projektentwickler Wöhlbier“, erklärte Renz.

„Sie haben eine Planung, über die wir demokratisch abstimmen können. Wenn wir jetzt aber schon sagen, dass wir die Anlage nicht brauchen, dann können Sie sich doch den ganzen Arbeitsaufwand sparen“, sagte Susan Bernt, Bewohnerin von Zobbenitz.

Renz stimmte ihr zu und sagte: „Und exakt aus dem Grund treffen wir uns heute. Wir wollen uns ein Stimmungsbild und eine Meinung holen. Erst wenn das überwiegend positiv ist, geht die Planung los.“

Die Fläche beträgt etwa 80 Hektar. „Die Anlage ist sehr groß, da machen wir auch kein Geheimnis draus“, sagte der Geschäftsführer und erklärte: „Es ist eine Fläche, die keinerlei gesetzliche Subventionen mehr erhält. Wir können mit einer Photovoltaikanlage den Strom günstig produzieren – allerdings nur ab einer gewissen Größe.“ Der Strom werde – nach seinen Ausführungen – in das öffentliche Netz eingespeist. „Mit der Anlage produzieren wir Strom für etwa 42.000 Haushalte im Jahr“, ergänzte er.

Von Vorteil sei, dass die Anlage an der höchsten Stelle 2,30 Meter hoch ist und deshalb problemlos hinter einer Hecke zu verstecken sei. Geplant sind Gewächse, die der Natur und dem Landschaftsbild vor Ort entsprechen. Zwei bis drei Jahre würde es dauern, bis die Hecke entsprechend groß sei.

Die Fläche werde nur vor-übergehend der Landwirtschaft entzogen. Nach der Laufzeit von 25 Jahren werde die Anlage wieder abgebaut. „Wir beweiden die Anlage mit Schafen“, schilderte Renz. Er versicherte, dass den Bürgern vor Ort ein Stromtarif angeboten werde. Möglich wäre es auch – nach Ansicht des Betreibers – eine Stromtankstelle zu errichten.

Ulrich Grothe, Ortsteilbeauftragter von Zobbenitz, wollte wissen, von welcher elektrischen Leistung ausgegangen wird. Darauf sagte Renz: „Es ist eine Leistung von etwa 100 Megawatt.“ Grothe äußerte seine Bedenken: „Aufgrund der hohen Ströme, die wir dort zu erwarten haben, wird der Netzverknüpfungspunkt nicht möglich sein. Sie müssen dann ja ein gigantisches Umspannwerk bauen.“ Renz entgegnete, dass der Netzbetreiber sagt, ob die Leitung verfügbar ist oder nicht. Ohne Leitung gebe es auch keine Genehmigung. „Ich halte dieses Projekt für einen sehr schweren Eingriff in die Natur. Wir haben schon Unterschriften gesammelt. Wenn Sie dieses Projekt in der Gemeinde Calvörde beantragen, wird es in Zobbenitz eine Bürgerbefragung geben“, kündigte der Ortsteilbeauftragte an. Er und viele andere Zobbenitzer befürchten, dass die Anlage die Landschaft zerstöre. Kritisch sieht Susan Bernt, dass die Transporter, die das Material zum Bau anliefern, durch den ganzen Ort fahren müssten. „Mein ganzes Haus würde beim Transport so einer Solarplatte wackeln und Ende 2021 vielleicht zusammen fallen“, sagte Susan Bernt. Eine E-Tankstelle würde ihrer Meinung nach keinen Sinn machen, denn die Anlage befindet sich in einer Sackgasse. Einen E-Tankstellen-Tourismus könne sie sich deshalb nicht vorstellen.

„Ich finde solche Solaranlagen gut, wenn sie zum Beispiel auf einstigen Müllkippen errichtet werden, aber doch nicht hier. Sachsen-Anhalt braucht keinen zusätzlichen Strom. Der Strom wird in Bayern gebraucht, aber in Bayern werden keine Solarparks und keine Windkraftanlagen gebaut. Aber hier soll es gehen? Dann wundern sich unsere Politiker, warum hier immer weniger Leute leben und warum die Kinder wegziehen“, sagte Hans-Joachim Feilhaber.

Der Zobbenitzer erinnerte sich an die DDR-Zeit. „Damals, als sie uns die 110-KV-Hochspannungsleitung vor die Nase gesetzt haben, uns fünf Gasleitungen gelegt und einen Schweinestall bauten, konnten wir nichts tun“, erzählte Feilhaber. Nach der Wende – so berichtet Feilhaber - hätten die Dorfbewohner bereits den Bau einer Putenmastanlage, die Errichtung einer Kiesgrube und das Aufstellen von Windrädern verhindert. „Wir werden die Bürger überzeugen, dass diese Solaranlage nichts für uns ist“, gab sich der Zobbenitzer käm-pferisch. Außerdem würde es auf der Fläche, wo die Anlage entstehen soll, vom Aussterben bedrohte Rebhühner geben. „In Sachen Rebhühner ist es die untere Naturschutzbehörde, die prüft, ob das Vorhaben möglich ist“, sagte Renz.

Für den Bau der Solaranlage sprach sich hingegen Ursula Giese, Bewohnerin von Zobbenitz, aus. Sie las einen Brief ihrer Schwester Sigrid Schubert aus Magdeburg vor. Im Schreiben plädierte auch die Magdeburgerin, die Eigentümerin eines der Grundstücke ist, für den Bau der Solaranlage. Darin heißt es: „Der Klimawandel ist auch auf dem Lande angekommen. Jeder Einzelne muss die Verantwortung für den Klimaschutz mittragen. Ich würde keinen Quadratmeter Boden für ein Atom- oder Kohlekraftwerk verkaufen oder verpachten, sei der Preis auch noch so hoch.“

Bernhard Herrmann, sachkundiger Bürger im Calvörder Gemeinderat, ist für die Solaranlage: „Wir stehen jedes Jahr bei der Haushaltsplanung vor dem Dilemma, dass wir kein Geld haben, um Vereine zu unterstützen. Unsere Kinder haben hier keine Arbeit, weil kein Geld da ist, um die Gegend attraktiv zu gestalten.“

„Es wird immer Befürworter und Gegner geben. Wenn die Mehrheit der Zobbenitzer nicht hinter dem Projekt steht, wird die Anlage auch nicht gebaut. Das ist der demokratische Weg“, versicherte Hubertus Nitzschke (UWG), stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Calvörde.