Stolperstein

Spärliche Spuren jüdischen Lebens

Eine jüdische Gemeinde und eine Synagoge gibt es in Haldensleben seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Spuren jüdischen Lebens sind spärlich.

Haldensleben l Eugen Frohnhausen ist ein heimatverbundener Mensch. In Neuhaldensleben ist er beliebt, nach seinem Kriegsdienst für das Deutsche Kaiserreich führt er dort erfolgreich eine Eisenhandlung. Über mehrere Jahrzehnte ist er im Vorstand der Synagogengemeinde des Ortes. Dann kommt Hitler an die Macht.

Seine Frau ist keine Jüdin. Sie will, dass er wie andere Juden das Land verlässt. Frohnhausen sagt, sie sehe das alles zu schwarz. Er bleibt und zieht mit ihr in das neue Haus an der Bornschen Straße 55. Kurz vor dem Weihnachtsfest im Jahr 1942 bekommt Frohnhausen dann die vertrauliche Nachricht, er werde am Folgetag deportiert. Verzweifelt steigt er auf den Dachboden seines Hauses und nimmt sich das Leben.

Damit endet die Geschichte der letzten jüdischen Gemeinde in Haldensleben. Mehr als einhundert Jahre hatte es sie gegeben. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts war sie die drittgrößte Gemeinde im damaligen Regierungsbezirk Magdeburg (nach Magdeburg und Halberstadt). Sie zählte zeitweise bis zu 100 Personen. Ihre Synagoge stand an der Steinstraße. 70 Jahre lang wurde sie genutzt, dann entschloss sich eine infolge von Wegzügen stark dezimierte jüdische Gemeinde im Jahr 1907 zum Verkauf.

Heute ist das Haus in der Steinstraße das offensichtlichste Zeugnis des einstigen jüdischen Lebens in der Stadt. Der Landkreis restaurierte das vom Verfall bedrohte Gebäude in den Jahren 2005 und 2006. Seitdem wird es als „Haus der anderen Nachbarn“ für Veranstaltungen genutzt. Es ist Teil des Haldensleber Museums.

Häufig muss Judith Vater, die Museumsleiterin, die Tür zum Haus allerdings nicht aufschließen. Dem Konzept nach soll es ein Ort für Menschen „anderer“ Herkunft und Religion sein. Wirklich angenommen worden sei es in den vergangenen zwölf Jahren aber nicht, räumt Vater ein. Viele der Kisten, in denen „andere“ Kulturen und Religionen Dinge hineinlegen können, sind weiterhin leer. Veranstaltungen sind selten. Im Jahr bekommen laut Vater zwischen 200 und 250 Menschen das Gebäude von innen zu sehen.

Nein, sie sei nicht zufrieden mit der Nutzung, sagt Vater. Womöglich sei das Thema des Hauses einfach nicht das Thema der Haldensleber, mutmaßt sie. Darüber hinaus sehe sie das Haus allerdings auch als Denkmal und betont dazu: „Es ist gelungen, das Haus vor dem Verfall zu retten.“ Neben dem Haus an der Steinstraße gibt es in Haldensleben noch einen zweiten Ort, der eng verbunden ist mit dem einstigen jüdischen Leben. Und mit dem Tod.

Ganz am Ende der Berggasse, unweit der Bornschen Straße, befindet sich der alte jüdische Friedhof. Ulrich Hauer, der frühere Leiter des Haldensleber Museums, erinnert sich noch an das einstig „verwahrloste Bodendenkmal“ auf dem Trendelberg. In den 70er Jahren sei das gewesen. „Damals wussten die Haldensleber genauso wenig über den jüdischen Friedhof wie über Hünengräber“, sagt Hauer.

Mit Arbeitseinsätzen wollte er den Ort damals zusammen mit Jugendlichen vor dem Vergessen bewahren. Im Jahr 1988 stellte die Stadt Haldenslebendort einen Gedenkstein auf. „Gedenke! Vergiss nie!“, ist darauf zu lesen.

Gegen das Vergessen arbeitet auch der Künstler Gunter Demnig. In ganz Europa hat er mittlerweile mehr als 70.000 sogenannte Stolpersteine verlegt, die an einstige jüdische Bürger erinnern sollen. Seit 2017 gibt es auch in Haldensleben zwei dieser in den Gehweg eingelassen Gedenksteine.

Einer befindet sich vor dem Haus an der Holzmarktstraße 6. Er ist Helene Dreier gewidmet, die dort vor ihrer Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt wohnte. Sie überlebte den Holocaust und kehrte nach Haldensleben zurück. Sie starb im Jahr 1957. Der andere Stolperstein befindet sich an der Bornschen Straße. Er erinnert an Frohnhausen. Im kommenden Jahr soll ein weiterer für den Haldensleber Bernhard Flörke gesetzt werden.