Etingen l Eine Bande von gruseligen Gestalten zog trotz Sturm und Regen durch den Drömlingsort. Die Aufgabe der Wurstsänger war es, mit dem wilden Treiben den Winter zu verjagen. Männer und junge Burschen verwandelten sich in ihre Großeltern und hielten beim Wurstsingen das Zepter in den Händen. Bei der 96 Jahre alten Tradition dienten Großmutters Rock und Strickjacke als perfekte Verkleidung. Und auch mit Opas altem Filzhut und Lodenmantel schmückten sich die Sänger. Als Verkleidungen dienten außerdem Zombie- und Clownsmasken. Um sich Respekt zu verschaffen, ließen die finsteren Gestalten Peitschen knallen. „Wir haben in den letzten Jahren einige Neuzugänge erhalten“, sagte ein Etinger mit Schlachterschürze.

„Viele von uns sind verheiratet und haben Kinder. Wir bedanken uns bei den Frauen, die uns ziehen lassen, um den Brauch lebendig zu halten“, sagte ein grauhaariger Alter. Ursprünglich waren es beim Wurstsingen nur Junggesellen, die verkleidet und singend von Haus zu Haus zogen. Das Singen entstand 1924 aus der Not heraus. „Frauen haben beim Wurstsingen nichts zu suchen“, waren sich die Auserwählten einig.

Vom Ursprung her zogen Knechte und Mägde einst durch das Dorf, um von den wohlhabenden Bauern Lebensmittel zu erbitten. Einer der Männer war schon damals der Fleischer, der seine Peitsche knallen ließ. Er wurde von Läufern begleitet. Mit dem Trommeln und Rasseln der Schweineblasen kündigte die wilde Bande ihr Kommen an. „Die Schweineblasen haben wir aufgepustet und getrocknet“, beschrieben die Akteure.

Mehr Pausen als sonst

Wegen des Unwetters machten die Sänger mehr Pausen als sonst. Da ein Bewohner von Etingen Geburtstag hatte, spendierte er gleich zwei Kisten Bier. „Eine sehr gute Teilnehmerzahl – da können wir uns glücklich schätzen, dass so viele Zeit gefunden haben“, erklärte der Schlachter. Manche Familie hatten extra Gäste, die das Spektakel einmal miterleben wollten. Eine ältere Dame erzählte: „Früher in den 60er Jahren fand für die Kinder immer am Nachmittag ein Kostümball statt. Der Höhepunkt war, dass die Wurstsänger in den Tanzsaal kamen und ihre Peitschen knallen ließen, um die Mädchen zu beeindrucken.“

Viele Bewohner von Etingen konnten den Besuch kaum erwarten. Sie rückten - wie schon in den Jahren zuvor - freiwillig Speisen und Getränke heraus. Wer nicht zu Hause war, hatte zuvor klugerweise alles, was die Herzen der jungen Männer begehren, sichtbar und geschützt vor den starken Schauern an die Haustür gehangen. Denn schließlich möchte niemand im Dorf als Geizhals gelten. „Der Maibaum wird in der Freien Nacht vor Pfingsten gefällt. Wer beim Wurstsingen knauserig war, muss dann mit der Schmach und mit dem Kollos vor seiner Tür rechnen“, verrieten die Akteure.

Trotz heftiger Regenschauer hielten die Männer durch und zogen gut gelaunt den Handwagen, der mit Schnaps, hausgeschlachteten Brat- und Leberwürsten, Gurken sowie Bier, Sekt und Wein gefüllt war, hinter sich her. In geselliger Runde verspeisten die Männer zum krönenden Abschluss Eierback und die anderen Köstlichkeiten. Der Rest wurde am Tag danach verspeist. Die nächste traditionelle Veranstaltung wird wohl das Osterfeuer sein, das am Sonnabend, 11. April, bei Einbruch der Dunkelheit am Ortsrand angezündet wird.