Haldensleben l Wenn Kinder selbst noch nicht lesen können, wird ihnen meist von den Erzieherinnen in der Kita vorgelesen. Das bereitet nicht nur den Kindern Freude, sondern hat nebenbei auch einen positiven Lerneffekt.

Dieser Meinung ist auch Saskia Gerecke, Logopädin aus Haldensleben, denn das Vorlesen beeinflusse die Sprachentwicklung der Kinder. „Der Wortschatz wird aufgebaut und erweitert und auch grammatikalische und komplexe Satzstrukturen werden gefördert“, sagt Saskia Gerecke. Für sie gilt die Devise, je früher, desto besser: „Schon ab dem dritten Lebensmonat sollte den Kindern täglich vorgelesen werden.“

In vielen Kitas ist das Lesen und Anschauen von Büchern schon fest verankert. Wie zum Beispiel in der Kita Märchenburg in Haldensleben. „Wir lesen viel im Laufe des Tages. Morgens vor dem Frühstück oder auch vor der Schlafenszeit“, sagt Erzieherin Dagmar Kwasny. Da jede Kitagruppe eine eigene Bücherkiste hat, können sich die Kinder von selbst ein Buch zum Stöbern herausnehmen. „Sie fragen dann auch mal, ob jemand daraus vorlesen kann und die Kinder bringen sogar auch eigene Bücher von Zuhause mit“, sagt Dagmar Kwasny. Sie selbst ist Oma, liebt die Vorleserituale mit ihren Enkeln und ist davon überzeugt, dass das „Lesen ungemein bildet“.

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Bücherwürmer und Lesemuffel

Ob viel oder wenig vorgelesen wurde, wird vor allem im Sprachverhalten deutlich, meint Saskia Gerecke. „Kinder, denen nicht vorgelesen wurde, können sich schlechter konzentrieren und lassen sich leicht ablenken. So haben zum Beispiel Zweijährige häufig einen geringen Wortschatz von nur etwa 50 Wörtern und sprechen meist nur in Ein- oder Zweiwortsätzen“, sagt die Logopädin.

Wenn aber vorgelesen wurde, sei das Kind kreativer und flexibler in Satzstrukturen und Satzmustern. „Größeren Kindern fällt das Lesen lernen leichter, da sie besser wissen wie Wörter klingen und ausgesprochen werden“, meint Saskia Gerecke. Daraus resultiere der Lese- sowie Schulerfolg, da das Interesse an Buchstaben und Wörtern und somit die Lesefreude geweckt würde.

Für Jessica Tscheppik gehört das abendliche Vorlesen im Tagesablauf einfach dazu. „Wir schnappen uns jeweils ein Kind und lesen vor. Unser Großer geht schon in die zweite Klasse und liest auch selbst mal etwas vor“, sagt Jessica Tscheppik.

Erste positive Erfolge des Vorlesens werden auch in der Einrichtung Rappelkiste deutlich, denn die Kinder hören immer konzentriert den Geschichten oder auch Hörspielen zu, sagt Leiterin Krimhild Grahn. Die Kinder können jedoch auch selbst kreative Geschichtenerzähler werden, wenn sich die Erzieherinnen zusammen mit den Kindern Bilderbücher anschauen und sie sich dazu eigene spannende und lustige Geschichten ausdenken können.

Krimhild Grahn bemüht sich darum, dass die Lesekompetenz nicht nur in der Kita gefördert wird. „Wir bitten die Eltern bei Gesprächen darum, dass auch Zuhause weiter gelesen wird, aber das ist eher selten“, sagt sie. Allerdings gibt es auch Kinder, die sogenannte „Lesemuffel“ sind. Doch mit dem ein oder anderen Trick, können auch ihnen Bücher schmackhafter gemacht werden.

Zusammen Zeit verbringen

Saskia Gerecke empfiehlt den Eltern jeden Abend vorzulesen, denn dadurch würde nicht nur die Sprachentwicklung gefördert werden, sondern „diese Zeit stärkt auch die Bindung zwischen Eltern und Kind“. „So kann dies als regelmäßige gemeinsame Zeit genutzt werden, in der auch der Alltag der Kinder noch einmal reflektiert und besprochen werden kann“, sagt Saskia Gerecke. Das Vorlesen gehört für den kleinen Lenny Heinrichs aus der Kita Märchenburg schon zu seinem abendlichen Ritual. Dass er ein kleiner Rabauke ist, lässt sich schnell erahnen, denn „nach dem Vorlesen spiele und tobe ich manchmal noch ein bisschen im Bett“, meint Lenny mit einem verschmitzten Lachen. Dass er gerne vorgelesen bekommt, machte er mit einem lauten Ja deutlich.

Die Kita Sonnenblume in Wedringen versucht mit Veranstaltungen das Interesse für Bücher zu wecken. „Im vergangenen Jahr, anlässlich des bundesweiten Vorlesetags, kam eine Mutter zu Besuch und las den Kindern vor. Das kam sehr gut an“, sagt Kita-Leiterin Anja Ulrich. Der bundesweite Vorlesetag ist seit 2004 eine Initiative von der Zeitung „Die Zeit“, Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung und ist auch Deutschlands größte Vorleseveranstaltung. Damit soll ein öffentliches Zeichen für die Bedeutung des Vorlesens gesetzt werden und soll sowohl Kinder als auch Erwachsene für Geschichten begeistern.

Auch in diesem Jahr soll der Vorlesetag in der Kita Sonnenblume wieder integriert werden. „Vielleicht bringen dieses Mal Familien mit Migrationshintergrund Bücher mit, die in ihrer Heimat zur Grundliteratur für Kinder gehören“, meint Anja Ulrich.

Neben der Kita Sonnenblume, arbeitet auch die Kita Märchenburg eng mit der Bibliothek und dem Bücherkabinett von Ursula Fricke zusammen. So werden unter anderem regelmäßige Vorlesetage in der Bibliothek, dem Rathaus oder dem Museum veranstaltet. Aber auch die Geburtstage werden als Leseanreiz genutzt. Denn anstelle von Süßigkeiten werden Bücher zum Vorlesen von den Eltern mitgebracht. Im vergangenen Jahr gab es für die Kleinen keinen Schokokalender, sondern einen mit Pixie-Büchern gefüllt. Dann wurde jeden Tag eine kleine Geschichte für die Kinder vorgelesen.

Das Vorlesen spielt für die Kitas eine große Rolle und auch viele Eltern der Kita Sonnenblume nutzen die gemeinsame Zeit mit dem Kind, um zur Ruhe zu kommen und in eine Abenteuerwelt abzutauchen. Leiterin Anja Ulrich ist selbst Mutter und ein regelrechter Bücherwurm, denn sie liest jeden Tag mindestens eine Stunde in einem Buch. „Ich sage immer: Seid ein Vorbild, legt das Smartphone weg und lest.“