Haldensleben l Briefe und Formulare ließen Manfred Gaida und André Bohrmann meistens von Freunden und Bekannten ausfüllen. Im Alltag retteten sich die beiden Männer oft mit Tricks und Strategien, um ihr Problem geschickt zu verbergen. Manfred und André gehören laut der LEO-Studie der Uni Hamburg zu den rund 6,2 Millionen Menschen in Deutschland, die als funktionale Analphabeten gelten.

Um das stigmatisierende Wort „Analphabet“ jedoch zu vermeiden, werden Leute, die Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben aufweisen, heutzutage als „gering Literalisierte“ bezeichnet. Da Lesen und Schreiben ganz selbstverständlich zu unserer Grundbildung gehört, werden die Probleme die damit einhergehen oft nur Einzelpersonen zugeordnet. Dabei handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Bildungsproblem. Allein in Sachsen-Anhalt gibt es schätzungsweise 160.000 Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. 60 Prozent davon sind Männer. Bei 52 Prozent der Betroffenen ist Deutsch die Muttersprache. Viele der Betroffenen schämen sich für ihre Defizite. Ermutigung, auch im Erwachsenenalter richtig Lesen und Schreiben zu lernen, fehlt häufig.

Kurse in der Börde

Seit 2014 bietet deshalb die Kreisvolkshochschule Börde (KVHS) gesonderte Kurse zur Alphabetisierung und Grundbildung für Erwachsene an. Dabei unterscheidet sich das Bildungsprogramm von herkömmlichen Deutsch-Kursen. Die Ausgangspunkte und Niveaustufen der einzelnen Teilnehmer im Alphabetisierungskurs sind ziemlich unterschiedlich. Während Menschen mit Migrationshintergrund eher vor der grundlegenden Herausforderung stehen, eine komplett neue Sprache zu erlernen, können gering literalisierte Personen mit Deutsch als Muttersprache zwar oft einzelne Sätze lesen und schreiben, haben aber Schwierigkeiten zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen.

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In diesem Sinne versucht Lehrerin Jana Wlodasch de Rivera jedem Teilnehmer in den drei Kurstagen pro Woche eine individuelle Sprach- und Leseförderung zu ermöglichen. In dem heterogenen Feld der Lernenden sieht die Lehrerin neben dem Spagat, allen Niveaustufen gerecht zu werden, durchaus auch Vorteile. Zum einen werden kulturelle Barrieren aufgrund der unterschiedlichen Herkünfte der Erwachsenen schnell abgebaut. Egal ob Muttersprachler oder Hinzugezogener: die Lernatmosphäre ist entspannt und gegenseitige Rücksichtnahme im Lerntempo selbstverständlich. „Es ist schön zu sehen, wie sich die einzelnen Teilnehmer gegenseitig unterstützen“ so Wlodasch de Rivera.

Starke Gemeinschaft

Auch die Kursteilnehmer empfinden die starke Gemeinschaft als Motivation. „Beim gemeinsamen Lernen konnte man bereits einige Freundschaften schließen, sodass man auch außerhalb des Kurses viel zusammen unternimmt und sich gegenseitig unter die Arme greift“, sagt André Bohrmann. Der 38-Jährige ist in einer Schausteller-Familie groß geworden und hat die Schule nur bis zur 4. Klasse besucht. Seit 2013 ist er bereits im Alphabetisierungskurs der Kreisvolkshochschule Börde in Haldensleben und holt so seine Grundbildung nach.

Mit jeder Unterrichtseinheit sieht er Fortschritte und tankt Hoffnung, bald eine geeignete Arbeitsstätte zu finden. Die Bewerbungen dafür kann er mittlerweile fast selbstständig schreiben. Auch Manfred Gaida lernt in jedem Kurs dazu. Vor allem konnte er seine Hemmungen beim Lesen ablegen. „Früher hatte ich richtig Angst, laut Vorzulesen“, so der Rentner.

Digitales Lernen möglich

Sylvia Wolf, die Leiterin der Kreisvolkshochschule, betont: „Mit jedem, der zu uns in den Kurs kommt, formulieren wir vorab ein Lernziel, dass erreicht werden soll.“ So konnten bis zum Jahr 2019 bereits 127 Teilnehmer selbstbewusst aus der Erwachsenenbildung der KVHS im Rahmen des ESF Projektes „Alphabetisierung von Erwachsenen“ herausgehen. Für die nahe Zukunft haben sich Netzwerkpartner, Politik und Bildungseinrichtung die vermehrte Nutzung und Einbindung digitaler Lernmedien in der Grundbildungsarbeit als zentrales Arbeitsthema vorgenommen. So sollen Menschen, die Schwächen beim Lesen, Schreiben und der Grundbildung besitzen, auch online die Möglichkeit bekommen, ihre Lernziele zu erreichen.

Vom Landkreis gefördert

Auch in der aktuellen Förderperiode von 2019 bis 2022 bietet die Kreisvolkshochschule an den Standorten Haldensleben und Oschersleben kostenlose Grundbildungskurse für Erwachsene an. Gefördert wird das Projekt durch die Landesinitiative „Alphabetisierung und Grundbildung Sachsen-Anhalt“ und den Landkreis Börde. Landrat Martin Stichnoth betont: „Mir ist es wichtig, ein Bewusstsein für dieses wichtige Bildungsthema zu schaffen und erreichbare, kostenfreie Bildungsangebote für erwachsene Lerner im Landkreis Börde zur Verfügung zu stellen.“

 

Der Kurseintritt ist jederzeit möglich. Informationen dazu gibt es bei der Kreisvolkshochschule Börde unter der Telefonnummer 03904/72 40 72 66, per E-Mail an kvhs@landkreis-boerde.de und im Internet auf der Seite www.landkreis-boerde.de/kvhs