Uthmöden l Fassungslos stehen Torsten und Christian Kruse vor dem Kadaver eines gerissenen Schafes. Die beiden Schäfer aus Uthmöden betreuen zwei Herden mit jeweils 600 Suffolk-Schafen, einer Hausschafrasse aus England. Um diese vor Wolfsangriffen zu schützen, haben die beiden drei Kaukasische Hütehunde auf der Weide. Zudem ist die Weide von einem 1,20 Meter Zaun mit GPS und Kamera umringt.

„Der Angriff vom Montag ist schon der dritte auf meiner Weide bei Potzehne in diesem Jahr“, gibt Torsten Kruse verärgert an. Bereits im März und nun zum zweiten Mal im November wurde seine Schafherde heimgesucht – nach seiner Einschätzung von einem Wolf. Beim ersten Fall ist dies sogar erwiesen. Neben dem gerissenem Schaf verendete dieses Mal auch einer seiner Kaukasischen Hütehunde.

GPS und Wildkamera

Nach den letzten Angriffen hatte der Schäfer seinen Zaun von 90 Zentimetern auf 1,20 Meter aufgestockt und mit GPS und einer Wildkamera ausgestattet. So bekommt er eine SMS, wenn der Zaun fällt, und Bildmaterial. „Ich habe so die höchste Sicherheit“, erklärt Kruse. Doch es fiel kein Zaun, dafür gab es ein Foto von einem vermeintlichen Wolf.

Bilder

„Die sind alle drei Mal drüber weg“, berichtet Torsten Kruse. Dieses Mal erwischte es ein junges Zuchtschaf. „Das Schaf hätte etwa 14 Lämmer gebracht, das sind 1800 Euro“, rechnet der Schäfer vor. In dem Chaos auf der Weide hat es auch einen seiner Hütehunde erwischt, einen jungen und unerfahrenen Kaukasischen Owtscharka.

„Vermutlich wurde er im Gemenge von den Schafen totgetreten“, spekuliert der Schäfer. Der Hund hatte laut Schäfer Christian Kruse einen Wert von etwa 700 Euro.

Nun beklagt der Schäfer seine Verluste. Im März wurde das erste Schaf auf seiner Weide bei Potzehne gerissen. Dem folgte ein erneuter Angriff am 8. November. Wie Torsten Kruse berichtet, seien dabei von einem Schaf nur noch Kopf, Wirbelsäule und Gliedmaßen übrig geblieben. Der Rest war verschwunden.

Zwei Tiere "notgetötet"

Drei weitere Tiere wurden angriffen, wovon zwei so schwer verletzt wurden, dass sie „notgetötet“ werden mussten. Ein Weiteres überlebte den Angriff schwer verletzt. „Der Wolf hat vermutlich im Lauf die Keule geschnappt und diese so gehäutet“, spekuliert der Schäfer.

Nun also der dritte Angriff. Doch Schäfer Torsten Kruse bekräftigt: „Wir haben nichts gegen Wölfe!“ Trotzdem sieht er sich in seiner Existenz bedroht. Wie der Schäfer berichtet, gebe es auf einen Zeitraum von drei Jahren 15 000 Euro als Entschädigung und für Prävention. Sollten diese Geld verbraucht sein, stünde ihm kein weiteres zu, beklagt er.

Dieses Problems ist sich auch der Wolfsschutzbeauftragte des Landes Sachsen-Anhalt, Andreas Berbig, bewusst. „Das Problem der Schäfer ist bekannt und wird diskutiert“, erklärt er. Berbig weiß auch, dass es bereits „neun Fälle mit wahrscheinlicher Wolfsbeteiligung in der Börde gab und zehn im Altmarkkreis Salzwedel“, dort, wo sich die Weide der Uthmödener befindet.

Wolfsangriff genetisch bewiesen

Dass hinter dem Angriff auf die Herde der Kruses im März ein Wolf steckte, sei bereits genetisch erwiesen. Bei den beiden Fällen im November stehe dies noch aus. Laut Berbig ist jedoch nicht auszuschließen, dass es Wölfe waren. Das Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt gehe dagegen davon aus, dass auf dem Foto ein Hund zu sehen sei.

Im Bundesland gab es laut Andreas Berbig 39 Fälle, in denen von einer Wolfsbeteiligung ausgegangen wird. Andreas Berbig rät zudem allen Privat- und Hobbytierhaltern, entsprechende Schutzvorkehrungen zu treffen. Explizit geht es ihm um einen „stromführenden Netzzaun, nächtliche Unterbringung im Stall oder bei Gatterhaltung den Untergrabschutz“.

Dass der Wolf bei Schäfer Kruse gesprungen ist, erklärt Berbig durch die Lernfähigkeit der Tiere. Wenn sie über den Zaun sprängen, fehle ihnen die Erdung, weshalb die Wölfe keinen Stromschlag bekämen.