Schönhausen l Neben der Deutschen Messe von Franz Schubert und einigen klassischen Volksliedern standen auch überraschende, moderne Interpretationen von bekanntem Liedgut auf dem Programm. Pfarrer Ralf Euker begrüßte als Hausherr Chor und Gäste. Er betonte die enge Gemeinschaft zwischen Chor und Gemeinde in vielen Bereichen. Singen, so Ralf Euker in seiner Festansprache, sei eine Lebensäußerung seit jeher in der Geschichte der Menschheit. Chorsingen bedeute, Kultur zu schenken. In diesem Sinn dankte er dem Chor dafür, dass er mit seinen Aufführungen das kulturelle Leben in Schönhausen schon seit so langer Zeit mit viel Einsatz bereichere.

Ingo Pollee, Mitglied im Vorstand des Chores, dankte Pfarrer Euker für die Möglichkeit, in der Kirche aufzutreten. Er dankte auch dem Posaunenchor der Kirchgemeinde, der das Programm mit Klassikern und jazzigen Interpretationen von bekannten Liedern wie dem „Lobe den Herren“, „Dat du min Leevsten büst“ oder „Hoch auf dem gelben Wagen“ einrahmte und bereicherte.

Ingo Pollee dankte auch Organisatoren und Sponsoren. Durch ihre Unterstützung konnten in der Konzertpause allen Besuchern Getränke und von der Bäckerei Groß gefüllte Blätterteig-Häppchen angeboten werden. Um die Frage zu beantworten, warum das Singen für den Einzelnen und auch für den Chor selbst und für die ganze Gemeinschaft eine so große Bedeutung hat, zitierte Ingo Pollee Friedrich Schiller: „Es schwinden jedes Kummers Falten, so lang des Liedes Zauber walten.“

Begleitung an der Orgel

In der ersten Hälfte des Konzerts führte der Chor unter Leitung von Gero Wiest die Deutsche Messe von Franz Schubert (1797 bis 1828) auf. Schubert hatte diese Messe zwei Jahre vor seinem Tod als Auftragswerk für Johann Philipp Neumann geschrieben, der zuvor die Texte für diese Komposition verfasst hatte. Neumann wollte damit – anders wie es bis dahin in der katholischen Kirche üblich war – Kirchenlieder in deutscher Sprache in den katholischen Messritus einführen. Dabei hielt er sich nicht wortwörtlich an die lateinische Vorlage des Messritus, sondern interpretierte die Texte neu und im Stil der Zeit, der frühen Romantik. Dieser Schritt wurde als allzu revolutionär ausgelegt, so dass der Erzbischof von Wien die Aufführung während des Gottesdienstes zunächst verbot. Bald allerdings wurden die Lieder in einstimmiger Ausführung sehr populär und fanden Eingang in die Gesangbücher vieler katholischer Diözesen.

Der Schönhauser Chor führte die vollständige Komposition vierstimmig auf. Chorleiter Gero Wiest begleitete werkgetreu an der Orgel. Das bedeutete für den Chor allerdings eine hohe Herausforderung, denn er musste das ganze Werk letztlich selbstständig ohne Dirigenten durchhalten. Das ist dem Ensemble hervorragend gelungen. Welche Arbeit für eine solche Leistung in die Proben investiert werden muss, kann man nur erahnen.

Wünsche vom Spatzennest

Nach der Pause überreichte zunächst der Kindergarten „Spatzennest“ einen musikalischen Blumenstrauß als Gratulation für den Chor. Mit drei fröhlichen, rhythmischen Liedern zeigten die Kinder, dass es für das Singen kein Mindestalter gibt. Das letzte Stück bot dann sogar Weltliteratur: Zum Text „Jeder Tag im Kindergarten ist für mich ein schöner Tag“ sangen die „Spatzen“ die Melodie der „Ode an die Freude“ – dem letzten Satz aus der 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Es folgten zahlreiche Ehrungen des Deutschen Chorverbandes, des Chorverbandes Sachsen-Anhalt und des Sängerkreises Elbe-Havel, überreicht von Norbert Jankiewicz als Vorsitzendem des Sängerkreises Elbe-Havel.

Moderne Interpretationen

Anschließend führte der Chor einige bekannte Volkslieder auf. Der unbestrittene Höhepunkt des Konzertes jedoch folgte zum Schluss mit drei modernen Interpretationen von bekanntem Liedgut, wiederum begleitet von Gero Wiest am Klavier. Mit anspruchsvollen Harmonien machte „Wenn ich ein Vöglein wär“ den Beginn; es folgte „Jetzt kommen die lustigen Tage“ mit schmissigen Rhythmen, perfekt abgestimmt und mit großer Leichtigkeit, die unter Beweis stellte, dass der Schönhauser Chor ein erfahrener Chor mit großer musikalischer Gabe ist. „In einem kühlen Grunde“, bekannt auch von den Comedian Harmonists, war dann das Finale, ein ebenfalls modernes, anspruchsvolles Arrangement großartig interpretiert, die letzten Zeilen „ich möchte‘ am liebsten sterben, da wär’s auf einmal still“ in dramatischem Pianissimo, ganz großes Kino!

„Wir haben Arrangements gewählt, die von Rhythmus und Harmonien her anspruchsvoll sind, aber nicht vier-, sondern dreistimmig gesetzt mit nur einer Männerstimme“, erläuterte Gero Wiest zu diesen drei modernen Interpretationen. „Denn wie die meisten Chöre haben auch wir ein Problem, genug Sänger für Tenor und Bass zu finden. Dadurch, dass wir alle Männer in einer Stimme zusammengeführt haben, konnten wir die Proben anders gestalten und uns auch an diese neue Literatur heranwagen.“

Als Zugabe bewies der Chor mit „Can’t buy me love“ von den Beatles, dass seine Reise in die Moderne gerade erst begonnen hat.

Chorleiter Gero Wiest verlässt den Chor nach diesem Auftritt, um sich neuen Aufgaben zuzuwenden.