Elb-Havel-Region l Die Zeit der Zwölften galt auch als eine geheimnisvolle Zeit voller Zauber. Da geht, wie es heißt, allerhand Spuk wie Hexen, Werwölfe und dergleichen in Tiergestalt um. Deshalb nannte man die Tiere zu dieser Zeit nicht bei ihrem wirklichen Namen. Als es im Havelland noch Wölfe gab, hätte kein Schäfer das Wort „Wolf“ in den Mund genommen, aus Furcht, er zöge ihn damit herbei. Man sagte statt Fuchs „Langschwanz“, statt Maus „Bonlöper“ (Bodenläufer) oder gebrauchte ähnliche Umschreibungen.

Auch in Betreff der Speisen gab es allerhand Vorschriften, die besonders auf dem Lande streng gehalten wurden. In den Zwölften, wo die neue Zeit anbricht, durfte man nicht alte Frucht vom vorigen Jahr essen, namentlich keine Erbsen und Linsen; sonst wird, wie man sagte, Mensch und Tier krank.

Was in der Natur dann noch frisch und grün war, das war an der Tagesordnung.

So gehörte auch der Grünkohl zu dem Fest. Selbst in den Städten der Mark aß man oft am heiligen Abend oder am ersten Weihnachtsfeiertag Grünkohl, den man aber nicht stehlen durfte. Wer es trotzdem tat, dem erging es so, wie dem Mann im Mond:

Im ganzen Havelland behaupten nämlich die Leute, im Mond stehe ein Mann, der einen Kohlstrauch in der Hand habe. Einige sagen auch, er heiße Christoph. Dieser Mann wollte gern am Christabend Kohl essen; und weil es nun einmal so Sitte ist und das ganze Jahr über Glück bringt, stahl er ihn, obgleich es der liebe Gott ausdrücklich verboten hatte.

Den Weihnachtsmann vom Himmel geholt

Zur Strafe dafür wurde er nach seinem Tod in die Sonne gesetzt, aber da war es wohl doch gar zu heiß, sodass er es nicht aushalten konnte. Da bat er den lieben Gott, er möge ihn doch da fortnehmen. Das geschah auch, und nun kam er in den Mond. Dort kann man ihn bei Vollmond noch mit seinem Kohlstrauch in der Hand sehen.

Der grüne Tannenbaum, früher auch die dann noch grünende Mistel, gehörten ebenfalls zu dem Fest, das man in der Hoffnung auf den mit Licht wieder sich nähernden Sommer feierte.

Der Tannenbaum hat sich unter der Form des Christbaums allgemein erhalten, ja noch mehr ausgebreitet, sogar in Gegenden, wo er früher nicht war.

Nach einem altem havelländischem Brauch hatte die männliche Jugend den Weihnachtsmann vom Himmel herunterzututen. Neun Abende vor Weihnachten musste diese Aufgabe erfüllt werden. Der Gemeindekuhhirte gab dabei den Kapellmeister ab. Davon erzählt auch der Kotzener Schriftsteller Fritz Schmidt­Lening, der seinen plattdeutschen Roman „Dree Wiehnachten“ 1885 herausgab.

Dort tuten aber die Gemeindeschäfer und seine Begleiter auf Bockshörnern und Trichtern. Auch Ziegen- und Kuhhörner fanden Verwendung. Jeder der mitwirkenden Knaben und Burschen verstand es, dem Horne wundersame Töne zu entlocken. Diese alle zusammen verursachten ein mächtiges Getöse, ähnlich dem Heulen von Hunden. Diese Musik tönte aus allen Dörfern im Havelland laut und vernehmlich und war über dreiviertel Meilen weit zu hören...

Einmal fiel ein Bläser von der Bank

Noch 1894 wurde in Schollene getutet. Dort hieß es: Schäfer Eichhorn tutet die elf Stufen bis Weihnachten.

Auch in Buschow war dieser Brauch noch lange üblich. Das letzte dazu benutzte Horn ging 1945 verloren.

Die fleißigen Bläser erhielten auch einen Lohn. Am Heiligen Abend bekamen sie Kuchen und die Bärensuppe, die aus Kornbranntwein und Pefferkuchen bestand. Jeder bekam davon zwei „runde Löffel“ voll.

Manchmal mag wohl etwas mehr ausgeschenkt worden sein, denn aus Alt-Rathenow ist bekannt, dass einmal ein Bläser mitten beim Weihnachtsgottesdienst von der Bank fiel.