Klietz l „Ich bin unheimlich froh, in meinem Alter noch einmal solche tollen Schüler zu haben“, berichtete Alma Herms im schier aus allen Nähten platzendem Raum der Klietzer Winterkirche. Die einstige Russischlehrerin erteilt in ihrem hohen Alter seit etwa vier Wochen wieder Unterricht – diesmal auf freiwilliger Basis.

Ihre Schüler, die syrischen Schwestern Mariam und Madena Al Saleh können inzwischen so gut Deutsch, dass sie einen Vortrag über ihre Flucht und über ihr Leben im Klietzer „Café“ hielten – und zwar in der Sprache der Gastgeber. Alma Herms ist hier in Deutschland – über 2000 Kilometer von der Heimat entfernt – nunmehr wie ihre Oma. Und sie ist mächtig stolz auf ihre gelehrigen und motivierten Schüler.

Mariam „Syssy“ Al Saleh ist 14 Jahr alt. Sie berichtete, dass sie mit ihren drei Brüdern und einer Schwester eine große Familie habe. Ihre Mutter arbeitete als Rechtsanwältin, ihr Vater war Dozent an der al-Furat-Universität in Deir ez-Zor, ihrer Heimatstadt. Die Gouvernements-Hauptstadt mit ihren einst 240 000 Einwohnern liegt im Osten Syriens am Fluss Euphrat, das Haus der Familie befand sich direkt am Ufer.

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Über die Flucht der Familie berichtete Schwester Madena „Mimy“ Al Saleh. Sie ist Ingenieurin für Petrolchemie – die Stadt hatte sich in den letzten 20 Jahren zum Zentrum der syrischen Erdölindustrie entwickelt.

Die Familie war im September mit dem Auto bis zur syrischen Grenze gefahren und hatte es dort zurückgelassen. Ab der Grenze ging es zu Fuß bis ins türkische Urfa, von dort fuhr sie ein Bus nach Izmir. Ein kleines Boot brachte sie nach Griechenland, wo sie drei Tage blieben. Anschließend brachte sie ein Bus zur Grenze nach Mazedonien, von dort ging es mit dem Zug nach Serbien, weitere Stationen der Flucht waren Wien, München und Magdeburg. Ein Bus fuhr sie zum Erstaufnahmelager nach Klietz.

Sehnsucht nach der Heimat

Ebenfalls aus Deir ez-Zor kommt Nachbar Abdullah, er sei Student an der Universität, berichtete er. Die Stadt habe viele Denkmäler, er vermisst seine Heimat sehr, obwohl er auch Deutschland schön findet. Dennoch: „Wenn der Krieg zu Ende ist, fahren wir wieder nach Hause“, beendete er seinen kurzen Vortrag.

Die Syrer beließen es jedoch nicht beim Erzählen, sie zeigten beim Lichtbildvortrag auch einstige und aktuelle Aufnahmen aus ihrer Heimat. Eine bekannte Sehenswürdigkeit der Stadt war die 1930 errichtete Hängebrücke über den Euphrat. – Jetzt stehen von dem Bauwerk nur noch die Pfeiler. Wie alle Brücken in der Stadt fiel auch dieses alte Bauwerk dem seit 2011 tobenden Bürgerkrieg zum Opfer: Ein Foto zeigte Kinder, wie sie mit dem Kahn auf dem Euphrat auf dem Weg zur Schule sind. Der historische und auch bei Touristen beliebte Basar wurde bei Bombardements ebenfalls total zerstört.

Seit August 2011 wird in der Stadt gekämpft, zuerst zogen Panzerverbände des Assad-Regimes ein. Die Freie Syrische Armee eroberte Teile der Stadt im November 2012 zurück, zwei Jahre später rückten dann wieder Regierungstruppen ein. Das Umland beherrscht wiederum der sogenannte Islamische Staat (IS), dessen Offensive die Assad-Truppen abwehren konnten.

Das Gebäude für das Museum der Stadt war übrigens 1996 als deutsch-syrisches Gemeinschaftsprojekt errichtet worden. Ob es ebenfalls zerstört wurde, wie so vieles dort?

Ein Mann zeigte den Deutschen unter Tränen ein Video auf seinem Handy: Darauf zu sehen waren etliche tote Kinder, sie lagen aufgereiht auf dem Erdboden.

Plätze werden knapp

An diesem Tag reichten die Plätze im Begegnungscafé nicht mehr aus. Helfer aus Warnau, Klietz, Kamern, Jederitz, Tangermünde und Stendal zwängten sich durch die Gäste, räumten Teller und Tassen ab und deckten neu ein. Viel zu eng war es auch in der winzigen Teeküche, allein an dem Tag wurden fünf Bleche Kuchen verspeist.

„Kuchenspenden sind immer hoch willkommen“, erklärte Koordinatorin Bianca Weber von der Freiwilligenagentur aus Stendal. Gesucht werden Paten für die Flüchtlinge sowie Deutschlehrer. Aktuell zudem ganz dringend Winterschuhe sowie Kinderwagen.

In der zu klein gewordenen Winterkirche kommen die Asylbewerber mit Deutschen jeden Donnerstag ab 14.30 Uhr in lockerer Atmosphäre ins Gespräch. „Die letzten drei Male war es schon recht voll, doch so wie heute war es noch nie“, berichtete Ursula Rensmann aus Warnau. – Vielleicht könnte man darum künftig die Schulküche nutzen?