Havelberg l Bevor 16 Monate nach Einführung der gelben Tonne die Erfahrungen mit dem Dualen System am Dienstagabend in der Sitzung des Kreisausschusses für Ordnung, Umwelt und Landschaftsschutz eine Rolle spielten, lernten die Mitglieder, Mitarbeiter der Kreisverwaltung und Gäste das Haus der Flüsse in Havelberg kennen. Ausschussvorsitzender Uwe Klemm (SPD) begrüßte die Teilnehmer in seiner Heimatstadt. Beim Rundgang erklärte Armin Wernicke vom Biosphärenreservat Mittelelbe, der das Projekt von der Entwicklung bis zur Baufertigstellung im vergangenen Juli geleitet hatte, das Infozentrum „Natura 2000“. Er gehört dem Ausschuss als sachkundiger Einwohner an. An 27 multimedialen Stationen werden Informationen über Flusslandschaften, Havelrenaturierung, Leben und Arbeiten der Menschen sowie über Tiere und Pflanzen vermittelt. So mancher fasste den Entschluss, demnächst die eintrittsfreie Ausstellung mit Familie oder Freunden genauer zu erkunden.

Kreis ist überproportional ausgestattet

Den Großteil der Sitzung nahm dann die gelbe Tonne ein, die im Landkreis zu Beginn des Jahres 2015 flächendeckend eingeführt worden war. Denis Gruber (SPD), 1. Beigeordneter des Landrates, ging zunächst auf den Vertrag mit der Firma Cont-Trans aus Tangerhütte ein, der vorsieht, Verpackungsmüll nach dem Dualen System Deutschland (DSD) abzuholen. Für Privathaushalte stehen dafür 240-Liter-Tonnen zur Verfügung, für Großwohnanlagen 1,1 Kubikmeter fassende gelbe Container. Wie die Praxis aussieht, berichtete Norman Mattke, Projektleiter Entsorgung bei der Cont-Trans.

Bis Ende 2014 waren rund 43 500 gelbe Tonnen aufgestellt worden. Es gab ständig Nachforderungen. Inzwischen sind es 45 250 Tonnen. Angesichts dessen, dass 22 000 Einwohner im Landkreis in Großwohnanlagen leben, wo Leichtverpackungen in Containern entsorgt werden, bedeute dies, dass – gemessen an der Einwohnerzahl – jeder zweite Bürger mit einer gelben Tonne ausgestattet ist. „Das ist eine überproportionale Ausstattung“, gab Norman Mattke zu verstehen. Von den 1100-Liter-Behältern für Großwohnanlagen sind im Kreis 1558 verteilt.

Monatlich werden 52 000 bis 56 000 Behälter entleert, berichtete er weiter. Hinzu kamen seit Einführung der gelben Tonne über 2,6 Millionen gelbe Säcke. Der Durchschnitt an Verpackungsmüll werde in Deutschland mit 35 Kilogramm pro Einwohner angegeben. Im Landkreis liege diese Zahl bei 48,7 Kilogramm. Für ihn stehe damit fest, dass in die gelben Tonnen nicht nur Verpackungsmüll entsorgt wird. „Wir haben eine sehr, sehr hohe Fehlwurf­quote.“ Das reiche von Essensresten über Windeln und Zigarettenkippen bis hin zu toten Haustieren. Hinzu käme Plastikmüll wie Autoradkappen, Blumenübertöpfe, Eimer und zersägte Gartenstühle, die in der gelben Tonne nichts zu suchen haben. Das Duale System ist für Verkaufsverpackungen eingeführt worden und nur solche gehören in die gelben Tonnen. So wurde die Lizenzabgabe mit dem Handel vereinbart. Die gelbe Tonne ist keine Wertstofftonne, in die artgleicher Plastikmüll entsorgt werden könnte.

Für rote Zettel gibt's keine Prämie

Die Cont-Trans ist angehalten, die Tonnen zu kontrollieren, denn sie muss gegenüber dem DSD ihren Vertrag erfüllen (siehe Volksstimme-Beitrag vom Dienstag). 800 bis 900 Behälter werden pro Monat reklamiert, sprich, mit einem roten Klebezettel versehen. Dabei sind 95 Prozent sogenannte Erstsichtsreklamationen. Ist eine Tonne allerdings sehr schwer, hat keinen Barcode oder steht dort, wo sonst keine ist, kontrollieren die Müllwerker genauer. Eine Prämie – wie öfter von Bürgern vermutet – bekommen sie jedoch nicht, so Norman Mattke. Noch immer würden monatlich bis zu 14 000 durchsichtige oder gelbe Säcke zusätzlich zu den gelben Tonnen entsorgt. Diese sogenannten Beistellungen würden mitgenommen, wenn es sich um Leichtverpackungen handelt. Insgesamt sei das Maß dessen, was 2014 noch in den damals verbreiteten gelben Säcken entsorgt wurde, überschritten.

Dass oftmals gelbe Säcke stehen gelassen werden, sprach Kreistagsmitglied Gesine Seidel (Die Linke) an und nannte die Osterburger Straße in Stendal. Zudem würde es ihrer Erfahrung nach noch viele Fälle geben, wo die gelbe Tonne fehlt. „Wenn uns plausibel gemacht wird, dass der Bedarf vorhanden ist, liefern wir eine gelbe Tonne“, sagte Norman Mattke.

Neben der Anzahl der gelben Tonnen und dem Abholrhythmus von vier Wochen stand in jüngster Zeit auch die Tatsache in der Kritik, dass in ländlichen Bereichen nicht mehr jedes Grundstück von Cont-Trans angefahren wird. Dabei war doch bei der Ausschreibung bekannt, wo gelbe Säcke zu entsorgen sind, sagte Uwe Klemm, der das Beispiel eines Waldgehöftes bei Havelberg nannte. Zu diesem führt ein geschotterter Weg, es gibt keinen Wendeplatz. Während Rest-, Bio- und Papiertonnen durch andere Entsorger dort abgeholt wurden, sollte das für die gelbe Tonne nicht mehr möglich sein.

„Für uns ist es ein Wunder, dass das 20 Jahre so funktioniert hat“, sagte Norman Mattke und ging auf rechtliche Vorgaben ein, gegen die regelmäßig verstoßen wird, etwa wenn durch Straßen mit Fahrverbot über zwei Tonnen, Privatwege und rückwärts in Sackgassen gefahren wird. Die Berufsgenossenschaft spielt dabei eine Rolle. „Sie sagt uns klipp und klar, dass eventuelle Unfälle nicht versichert sind. Wir versuchen, mit den Gemeinden Lösungen zu finden, können uns aber nicht über geltendes Recht hinweg setzen.“

Können nicht alle Straßen schottern

Steffi Friedebold (Landwirte für die Region), Kreistagsmitglied und Bürgermeisterin von Schollene, befürchtet mit dieser Verfahrensweise einen schleichenden Rückbau der ländlichen Infrastruktur. „Als betroffene Kommune waren wir zunächst außen vor“, berichtete sie von mehreren Beispielen in ihrer Gemeinde und im gesamten Elbe-Havel-Land. Haushalte hatten Post vom Umweltamt erhalten, dass Sackgassen nicht mehr von den Müllentsorgern angefahren werden. „Man kann doch von niemandem verlangen, seine Mülltonnen anderthalb Kilometer zu einem Sammelpunkt zu bringen. Es sind öffentliche Wege, wir schottern sie und schaffen Wendepunkte, aber wir können nicht alle Straßen asphaltieren“, gab sie zu bedenken und bat darum, im Sinne der Bürger nach Lösungen zu suchen. Das geschehe auch so, versicherte Madlen Gose, Geschäftsführerin der Abfall­entsorgungsgesellschaft ALS. Etliche Vororttermine habe es bereits gegeben, auch mit der Berufsgenossenschaft. Von 160 problematischen Fällen seien noch rund 15 offen. Ein kleineres Fahrzeug, wie öfter gefordert, würde das Problem nicht lösen. Nächsten Montag gibt es zu diesem Thema in der Kreisverwaltung ein Treffen aller Ordnungsamtsleiter.