Havelberg l In fast allen Betrieben fanden große Partys für die dort beschäftigten Frauen statt. Im VEB Polstermöbel Havelberg war das immer die größte Feier des Jahres im Betrieb. Schließlich waren in diesem und seinen angeschlossenen Betriebsteilen in Hohengöhren und Schollene hauptsächlich Frauen beschäftigt.

Eine Tulpe zum Arbeitsbeginn

„Schon gleich zum Arbeitsbeginn sind die Meister beziehungsweise Brigadiere, welche damals alles Männer waren, durch ihre Bereiche gegangen und haben jeder Frau an ihrem Arbeitsplatz mit einer Blume zum Frauentag gratuliert“, erinnert sich Margret Scheel, die im VEB Polstermöbel damals für die Kantine zuständig war. Mit dieser schönen Geste hätte der Frauentag immer schon mit einer super Laune begonnen. Auch für die Männer, die viel Freude am Überbringen der kleinen Blumenpräsente hatten. „Ich weiß noch, wie vor diesem Tag dann immer die Gärtnereien im Umkreis abgeklappert wurden, um Tulpen heranzuschaffen. Denn dass jede Frau zu ihrem Ehrentag eine Tulpe überreicht bekam, gehörte zu DDR-Zeiten zu einer Selbstverständlichkeit für uns im Betrieb“, so Hans-Joachim Frey, damals Jugendbrigadier.

Einrücken in den Speiseraum

Wenn der 8. März ein Arbeitstag war, dann bedeutete das für alle Frauen, nach getaner Arbeit gemeinsam in den Speiseraum einzukehren, in dem dann ausgiebig gefeiert wurde. Ich selbst kann mich aus meiner Lehrzeit im VEB Polstermöbel noch daran erinnern, dass die Arbeitszeit dann auch mal zwei Stunden früher beendet wurde, damit mehr Zeit für die Geselligkeit und für das gemeinsame Anstoßen blieb. Was mir als Jugendlicher auch ganz recht war – denn ich konnte früher als sonst nach Hause. Aus dieser Sicht hätte ich mir öfter im Jahr einen Frauentag gewünscht.

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Meister bereiteten alles vor

Für Margret Scheel war an diesem Tag die Kantine übrigens immer eine Sperrzone, „alles, was für die Frauentagsfeier hier zu organisieren und weiter vorzubereiten war, erledigten die Meister und Brigadiere aus dem Betrieb. Wir Frauen hatten überhaupt nichts damit zu tun“, erzählt sie im Gespräch mit der Volksstimme. Zur Männerarbeit gehörte vor allem auch die Ausgestaltung des Speisesaales, das Eindecken der Tische und die Bedienung der Frauen. Zudem sorgten sie für ein weiteres kleines Geschenk für jede Frau.

Männer waren als Erste angetrunken

Und natürlich auch für das Ansetzen und spätere Ausschenken der traditionellen Bowle. „Davon hatten wir dann immer eine ganze Badewanne voll“, schmunzelt Margret Scheel. Und fügt an: „Die vielen vorherigen Verkostungen merkte man den Männern dabei schon deutlich an.“

Trotz der großen Menge reichte die Bowle zumindest in einem Jahr nicht. „Da erhielt dann der Betriebsleiter am Abend noch mal den Auftrag, für Nachschub zu sorgen. Und irgendwie hat er es dann auch geschafft, alle nötigen Zutaten für die Bowle heranzuholen. Woher, das blieb sein Geheimnis, denn die Geschäfte schlossen damals schon früher als heute ihre Türen.“

Schon diese Erinnerungen zeigen: Zu Frauentagsfeiern herrschte immer allerbeste Stimmung bis weit in die Nacht hinein – auch wenn der nächste Tag wieder ein Arbeitstag war. War die Party im Betrieb zu Ende, ging sie meist noch bei Frauen zu Hause weiter. „Besonders bei den auswärtigen Kolleginnen, die mit Kleinbussen vom Typ Barkas nach Hause gebracht wurden, kehrte die ganze Busbesatzung immer noch mal für ein Weilchen ein, um zusammen anzustoßen. Fast ohne Ausnahme bei jeder Frau, die sich im Fahrzeug befand. Das war lustig. Nur für die Fahrer nicht. Für sie konnte es eine ziemlich lange Nacht werden. Aber egal. So ausgelassen gefeiert wurde im Betrieb schließlich nur einmal im Jahr“, möchte Hans-Joachim Frey die längst vergangenen Zeiten nicht missen.

Betriebskapelle spielte auf

Aber nicht immer nur der große Speiseraum im Betrieb wurde für die Frauen am Frauentag zu einem Feiersaal. Im Brigadebuch der Jugendbrigade ist für das Jahr 1985 folgendes vermerkt: „Auch in diesem Jahr feierten die Frauen und Mädchen unseres Betriebes den Internationalen Frauentag. Diese Feier fand ab 17 Uhr im Hotel ,Stadt Havelberg‘ statt. Zuerst hielt unser Betriebsleiter Otto Köke eine Rede, danach gab es Abendbrot. Zum Tanz spielte unsere Betriebskapelle auf. Es wurde ordentlich das Tanzbein geschwungen und getrunken.“

Nach langer Zeit wiederbelebt

Nach der Wende war dann Schluss. Um über die alten Zeiten mal wieder gemeinsam zu reden und dabei den Frauentag genauso groß zu feiern wie zu früheren Zeiten bei den Betriebsfrauentagsfeiern, haben sich einige Mitglieder der Jugendbrigade von 1985 vor fast sieben Jahren zusammengetan und 2013 die erste Betriebsfrauentagsfeier nach der Wende organisiert. Sie fand unter großer Beteiligung von Frauen aus dem VEB Polstermöbel sowie dessen zu DDR-Zeiten angeschlossenen Betriebsteilen in Schollene und Hohengöhren sowie dem heutigen Nachfolgers Hapo – dazu kommt dann auch noch die PGH Raumgestaltung als Polstermöbel-Vorgänger – im Schützenhaus in Sandau statt. Alle dort damals Anwesenden wünschten sich eine Fortsetzung.

Am 24. März sechste Neuauflage

Fünf Jahre später, am 24. März 2018, steigt die nun bereits sechste Auflage der zurück ins Leben gerufenen Polstermöbel-Frauentagsfeier. Und zwar ab 19 Uhr im „Black Magic“ im Havelberger Lindenweg. Hauptorganisatorinnen sind Mar­gret Scheel und Ilona Mudrak. Unterstützt werden sie von Hans-Joachim Frey. „Für Spaß, gute Laune und ein kleines Geschenk wird gesorgt“, verspricht Margret Scheel. „Und auch unsere ehemaligen männlichen Kollegen sind wieder willkommen.“ Unter der Nummer 039387/299 71 können sich Frauen und Männer für die Feier anmelden.