Gesundheitsversorgung

Havelberger pilgern 150 Kilometer für den guten Zweck nach Magdeburg

Von Andrea Schröder
Gut 20 Pilger aus Havelberg und Sympathisanten aus dem Bereich Magdeburg und Genthin trafen sich zum Ende der Tour vor dem Sozialministerium mit Staatssekretärin Beate Bröcker (links). Foto: Andrea Schröder

Havelberg

Es waren einige Steine, die den Pilgern schon vor dem Start ihrer Tour in den Weg gelegt worden sind. Doch sie haben sie überwunden und am Dienstag ihr Ziel erreicht: Ein Treffen mit Staatssekretärin Beate Bröcker (SPD) vor dem Sozialministerium in Magdeburg. Dabei übergab Holger Schulz eine Mappe mit 150 Unterschriften von Firmen und Einrichtungen, die das Ziel des Vereins „Pro Krankenhaus Havelberg“ für eine vernünftige Gesundheitsversorgung rund um die Uhr an jedem Tag der Woche unterstützen. Er ist der Vorsitzende des Vereins, hatte sich ebenso wie weitere Mitglieder und Unterstützer aber privat auf die als Pilgerfahrt geplante Tour begeben. Corona-Bestimmungen sprachen gegen eine offizielle Genehmigung der Pilgerfahrt und der kleinen Demonstrationen, die ursprünglich in Tangermünde und Stendal vorgesehen waren.

Auch das Treffen mit der Staatssekretärin stand immer wieder auf der Kippe. Die einstige Betriebsratsvorsitzende des im September 2020 geschlossenen Krankenhauses Sandra Braun und Stellvertreterin Anke Görtz erhielten öfter Anrufe zu diesem Termin, die den Eindruck erweckten, dass das Treffen doch besser verschoben werden sollte. Für den 4. Mai wurde eine Zusammenkunft mit Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) vorgeschlagen. Doch ließen sich die Havelberger nicht beirren und marschierten die 150 Kilometer in sechs Etappen in die Landeshauptstadt.

„Die Frustration ist überall auf dem Land groß“

Hold war ihnen an allen Tagen der Wettergott. Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein begleitete die Pilger, zu denen viele ehemalige Mitarbeitende des Havelberger Krankenhauses gehörten. Unterwegs gab es Treffen mit Bürgermeistern zum Beispiel in Schartau, Rogätz und Hohenwarte. In Sandau und Tangermünde wurden die Pilger verköstigt. Die Gastwirte Detlef Ballendat und Christian Schulze sorgten dafür. Auch Politiker wie Havelbergs Bürgermeister Bernd Poloski (parteilos), Sandaus amtierender Bürgermeister Wolfgang Hellwig (CDU), Landtagsabgeordneter Wulf Gallert und die Kreistagsabgeordneten Katrin Kunert und Mario Blasche (alle Linke) sowie die Havelberger Stadträte Jürgen Kerfien und Lothar Frontzek (beide SPD) gingen ein Stück des Weges mit. Auf der zweiten Etappe am Freitag von Sandau nach Tangermünde machten Fahrradkuriere einen Abstecher nach Stendal, um auch Landrat Patrick Puhlmann (SPD) die Mappe mit den 150 Unterschriften zu überreichen. Die sechs Etappen waren aufgeteilt in einzelne Abschnitte, die von mindestens zwei Pilgern beschritten wurden. Sympathisanten waren eingeladen, auf Abstand mit zu gehen.

„Die Frustration ist überall auf dem Land groß, die Menschen fühlen sich abgehängt“, berichtet Holger Schulz Dienstagmittag der Staatssekretärin, als er ihr die Unterschriftenmappe überreicht. Auch da sah es fast so aus, als würde das Treffen nicht stattfinden. Schon frühzeitig vom Herrenkrug aus auf der letzten Etappe am Elbufer mit Blick auf den Magdeburger Dom vorbei am Ministerium angekommen, machte ein Sekretär die gut 20 Pilger darauf aufmerksam, dass Beate Bröcker noch in einer Sitzung sei und das Warten verkürzt werden könnte, indem er die Mappe entgegen nimmt. Doch die Pilger, zu denen auch junge Leute von der Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Halle, der Freie Arbeiterinnen Union sowie des Nachbarschaftsladens aus Magdeburg gehörten, harrten aus und kurz nach Zwölf – das akademische Viertel war noch nicht vorbei – kam die Staatssekretärin aus dem Bürogebäude.

Konzept möglichst vor der Landtagswahl

„Wir möchten Sie bitten, uns noch vor der Landtagswahl ein Gerüst für das Konzept der Salus für Havelberg vorzulegen. Wir brauchen was Konkretes“, machte Holger Schulz deutlich, dass nach 16 Monaten Kampf – zunächst ums Krankenhaus, dann für eine 24/7-Grund- und Notfallversorgung – nicht mehr gewartet werden kann. Der von der landeseigenen Krankenhausgesellschaft Salus anvisierte Termin für ein Konzept bis 1. August sei recht spät.

Recht schnell ein Konzept vorlegen zu können, liege auch in ihrem Interesse, sagte Beate Bröcker und machte nochmals deutlich, dass dieses als Blaupause für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum gedacht ist. Die medizinische Versorgung unterliege Veränderungen. Viele Krankheiten müssten heute nicht mehr oder nicht mehr so lange wie früher stationär behandelt werden und der technische Fortschritt nehme zu. Krankenhausstandorte werden sich verändern müssen, sagte die SPD-Politikerin. Die ohne Havelberg nun noch 46 Krankenhäuser in Sachsen-Anhalt seien abgesichert. Für den aus dem Krankenhausplan herausgenommenen Standort Havelberg werde nach einer Lösung gesucht. „Daran arbeiten wir jetzt.“ Beate Bröcker machte deutlich, dass mit den Krankenkassen als Kostenträger und der Kassenärztlichen Vereinigung Partner dabei sind, die die Entwicklung eines Modellprojektes unterstützen wollen. Sie sicherte zu, über Entwicklungsschritte zu informieren und erinnerte daran, dass Salus bei der Erarbeitung des Konzeptes den Pro-Krankehaus-Verein mit einbeziehen will.Digitales Treffen mit dem Ministerpräsidenten„Das Treffen ist besser gelaufen als ich dachte“, sagte Sandra Braun mit Blick auf die Schwierigkeiten der Terminabsprache. Sie sei zufrieden und habe die Hoffnung, dass es vor August ein Konzept gibt. „Wer weiß, was nach den Wahlen ist.“ Und Anke Görtz schätzt ein: „Dass Frau Bröcker heute noch nichts Genaues sagen kann, wussten wir. Es war klar, dass noch kein Ergebnis vorliegt. Dennoch ist das ein guter Tag heute, unser Weg hat sich gelohnt.“

Der Vereinsvorsitzende hatte sich mehr erhofft. Doch zeigt auch er sich zuversichtlich, dass sich in Sachen medizinische Versorgung in Havelberg was ändern wird. „Wir haben schon so viel bewegt, uns kann keiner mehr aufhalten“, macht er deutlich, dass der Kampf für 24/7 weitergehen wird.

Eine nächste Gelegenheit, auf die Forderungen aus dem Elb-Havel-Winkel aufmerksam zu machen, sollte der Verein am 4. Mai bekommen. Da war der Termin mit dem Ministerpräsidenten vereinbart, weil er zum Ende der Pilgerfahrt keine Zeit hatte. Wegen Corona wurde das gestern abgesagt, die Staatskanzlei bot dafür einen digitalen Termin an, berichtet Anke Görtz.

Mit in Magdeburg dabei war Lutz Nitz aus Genthin. Dort währt der Kampf um eine Portalklinik seit vier Jahren, nachdem die Johanniter Stendal das Krankenhaus zugunsten der Investitionen in der Rolandstadt geschlossen hatte. Im Stadtrat Genthin gibt es einen Sonderausschuss, der sich der medizinischen Versorgung widmet. Zwei kleine Orte, die ähnliche Ziele haben – deshalb haben die Genthiner Verbindung mit den Havelbergern aufgenommen, erklärte das Stadtrats- und Kreistagsmiglied von Bündnis 90/Die Grünen im Gespräch mit der Volksstimme.

Dass sich auch junge Leute dagegen wehren, dass die ländliche Region abgehängt wird, machten Saskia und Alexandra Pagels deutlich. Die Geschwister stammen aus der Altmark, sind in Stendal zur Schule gegangen. Alexandra arbeitet ehrenamtlich im Nachbarschaftsladen Stadtfeld in Magdeburg mit, Saskia ist durch ihr Studium mit sozialen Fragen vertraut. Gerade durch Corona habe sich ihr Blick auf die Gesundheitsversorgung geschärft. Sie unterstützen Aktivitäten für ein Gesundheitssystem, das zum Beispiel nicht mit Fallpauschalen arbeitet. Deswegen marschierten auch sie einen Teil des Weges der Havelberger mit.

Jürgen Kretschmann (links) und Joachim Müller unterstützen den Kampf „Pro Krankenhaus“ von Anfang an.
Foto: Andrea Schröder