Havelberg l Zwei Anwohnerinnen beobachten die Arbeiten seit einiger Zeit und machten sich so ihre Gedanken, welche sie der Redaktion in entsprechenden Schreiben mitteilten. So heißt es in einer Mail: „Wir konnten seit Tagen zahlreiche Kipplaster und Bagger am Havelufer auf Höhe Wöplitz beobachten, die dort im Dauerbetrieb arbeiten und Wege und natürliche Flächen auch im Ort erheblich beanspruchten. ... Bereits im Frühjahr, zur Nist- und Brutzeit, wunderten wir uns über Holzungsarbeiten im Bereich des Panzerweges. Nun wurde auch dieser Bereich des Havelufers mit schwerem Gerät bearbeitet, Deckwerk ausgehoben und die Pflanzen- und Tierwelt erheblich beeinträchtigt.“

Bei der ganzen Renaturierung vergesse man, dass Deiche und Deckwerk an der Havel nicht nur einen Sinn haben, sondern auch zum wichtigen und wertvollen Lebensraum für zahlreiche Arten wurden, heißt es weiter. Unter dem Deckmantel des Naturschutzes werde die Natur dort nunmehr rücksichtslos zerstört.

Kommt man dann noch ans Ufer?

Eine weitere Anwohnerin sorgt sich, dass man nach der Renaturierung nicht mehr ans Ufer gelangen könnte. Dabei befinden sich gerade hier die idyllischen Plätzchen, welche die Großstädter so sehr schätzen. „Werden nicht eher Lebensräume zerstört, wenn die Bäume und Büsche abgeholzt und der Boden einfach weggebaggert wird?“ heißt es in dem Schreiben weiter. Zum Abschluss schreibt die Leserin: „Dort war Natur - aber eben anders, als der Nabu es sich vorgestellt hat.“

Die Projektleitung bei der Havelrenaturierung wurde dem Naturschutzbund Nabu übertragen, das Büro befindet sich in Rathenow. Projektleiter und „geistiger Vater“ der Renaturierung ist Rocco Buchta. Anliegen ist, die Havel wieder zu einem naturnahen und ökologisch durchgängigen Flusslauf zu machen – ungefähr so, wie sie sich vor dem massiven menschlichen Eingriff vor über 100 Jahren präsentiert hatte.

Die Aderlanke war bislang von der Hauptströmung abgeschnitten, ohne Durchfluss verschlammte und verlandete das Gewässer immer mehr. Das bestätigt auch Joachim Karp, Leiter des Rathenower Wasser- und Schifffahrtsamtes sowie einstiger Havelberger: „Die Aderlanke ist zum Modderloch verkommen, ihr Zustand kann nur besser werden.“ Inzwischen ist bereits eine Öffnung zur Havel geschaffen worden, so dass in dem für seine Trauerseeschwalben-Kolonie bekannten Gewässer sogar etwas Strömung zu sehen ist. Das Anlegen einer Badestelle hat das WSA hier allerdings nicht geplant.

Damm wird bei den Arbeiten etwas abgesenkt

Der Damm parallel zum Ufer war vor über 100 Jahren beim Havelausbau angelegt worden, um die Aderlanke von der Wasserzufuhr abzuschneiden, informierte Rocco Buchta auf Nachfrage am Telefon. Seitdem wurde das Gewässer nicht mehr durchströmt. Der Damm wird nun bei den Bauarbeiten etwas abgesenkt, so dass beim Winterstau Wasser darüber hinwegfließen und die Lanke durchspülen kann. Der Rückbau von Verwallungen erfolgt an vielen Stellen am Havelufer – dadurch kann nach Überschwemmungen das Wasser wieder rascher abfließen und auch die Fischbrut die überfluteten Wiesen verlassen.

Zur Sorge, dass man später in dem Bereich nicht mehr baden könne, erklärte der Nabu-Projektleiter, dass man das auch weiterhin könne. Die Panzerstraße werde auch weiterhin als Weg nutzbar sein, ein Teil wird abgetragen, damit das Wasser aus der Havel über diese Senke in die Lanke fließen kann. Der Schilfgürtel bleibt erhalten und wird später wieder größer.

Badestrände sind neu angelegt

Im Zuge der Renaturierung entstanden zum Beispiel bei Schollene und Kuhlhausen neue oder größere Badestellen, denn auch die Entfernung von Deckwerk ist ein wichtiger Bestandteil der Renaturierung. Dazu erfolgten im Vorfeld Untersuchungen, wo man die Steine entnehmen kann, ohne dass später das Ufer geschädigt wird. Insgesamt sollen so 29 Kilometer Ufer von den Steinpackungen befreit werden, womit Laichplätze entstehen.

Vor den Baumfällungen erfolgte eine artenschutzrechtliche Untersuchung, wonach es zum Beispiel keine Fledermäuse oder seltenen Käfer gab. Durch knapp 1500 Neuanpflanzungen werden die etwa 100 an der Panzerstraße gefällten Bäume ersetzt. Teils sind es Gehölze der Hartholzaue wie Eichen, Buchen und Weißdorn sowie in der Weichholzaue wachsende Korb- und Mandelweiden. Denn im Zuge der Renaturierung sollen auch 89 Hektar Au- und Uferwald entstehen.