Das steht in der Chronik der Feuerwehr zum Stadtbrand in Havelberg

Es ist Mittag am 6. Februar 1870. Die Havelberger werden um zwölf Uhr durch Sturmgeläut aller Kirchenglocken aus ihrer sonntäglichen Ruhe gerissen. Das Gebäude eines Schlächtermeisters in der Schulstraße 149 steht in hellen Flammen. Die im Hinterhaus einquartierten Soldaten hatten wegen der strengen Kälte einen Ofen zu kräftig geheizt. Das auf dem Boden liegende Stroh war durch das glühende Eisen des Ofens in Brand gesteckt worden. Einwohner eilen zu Hilfe. Es weht jedoch ein derart starker Nordostwind, dass die Flammen schnell auf die Nachbarhäuser übergreifen. Eisige Kälte lässt die Schläuche am Boden an- und die Pumpen einfrieren. So kann sich das Feuer wie ein Flammenmeer schnell ausbreiten.

Das Havelberger Löschaufgebot, gebildet aus den Handwerkergilden der Stadt und der Umgebung, kann das Feuer nicht eindämmen. Die Löschkräfte bergen das Mobiliar aus den bedrohten Häusern. Doch schon bald laufen sie zu ihren eigenen Wohnungen, um auch hier zu retten, was noch zu retten war. Nachmittags gegen vier Uhr geben die letzten Mutigen die Spritzen auf. Havelberg war den Flammen ausgeliefert.

In ihrer Verzweiflung schickt die Stadtverwaltung durch Bürgermeister Grindt einen Hilferuf an das Kommando der Berliner Feuerwehr: „Bitten dringend um Abordnung einer starken Feuerwehrabteilung mittels Extrazuges, da die ganze Stadt in größter Gefahr! Der Magistrat.“ Der Innenminister setzt sich unverzüglich mit König Wilhelm I. in Verbindung. Zusammen mit Branddirektor Carl Ludwig Scabell wird beraten, ob dem Hilferuf stattgegeben werden könne.

Wenige Stunden später trifft aus Havelberg ein zweites Telegramm der Polizeiverwaltung ein: „Wenn die Hilfe nicht sofort kommt, ist alles verloren!“ Kurze Zeit später erhält Scabell vom Innenminister den Auftrag, „auf königlichen Befehl Hilfstruppen der Berliner Feuerwehr nach Havelberg“ zu entsenden. Diesem Einsatz ist es zu verdanken, dass nicht die gesamte Stadtinsel Havelbergs ein Raub der Flammen wird.

Bei der Hamburger Bahn wurde ein Sonderzug nach Glöwen bestellt. Noch bevor die Verhandlungen mit der Berlin-Hamburger Bahnverwaltung und dem Berliner Polizeipräsidenten für die Bereitstellung des Sonderzuges abgeschlossen waren, lässt Branddirektor Scabell bereits auf dem alten Hamburger Bahnhof einen Extrazug bereitstellen, auf den eiligst drei Löschzüge verladen werden.

Als Scabell am 7. Februar nachts um drei Uhr mit 159 Berliner Berufsfeuerwehrleuten in Glöwen eintrifft, stehen dort alle verfügbaren Fahrzeuge aus dem Umland bereit. Der strapaziöse Anmarsch der Löschtruppen in Richtung Havelberg beginnt. Bei dichtem Schneetreiben auf sehr holpriger Landstraße müssen die zehn Kilometer bis Havelberg in kürzester Zeit zurückgelegt werden. Da die Spritzen wegen der starken Vereisung erst aufgetaut werden müssen, lässt Scabell kurzerhand ganze Häuserblocks niederreißen, um das weitere Ausbreiten des Feuers zu unterbinden.

Scabell hatte schon große Kessel mit heißem Wasser und Strohbündel bereitstellen lassen, um die Pumpwerke der Spritzen vor dem Einfrieren zu schützen und um es zum Auftauen einsetzen zu können. Mit dem in Havelberg stationierten 24. Infanterie-Regiment stehen in relativ kurzer Zeit genügend Löschkräfte zur Verfügung.

Gegen Mittag des 7. Februar ist das Feuer so weit unter Kontrolle, dass es sich nicht mehr ausbreiten kann.

Nicht zu verhindern war, dass fast die Hälfte der Unterstadt bis auf die Grundmauern niederbrannte. Nur das Rathaus, die Kirche und die Apotheke konnten gerettet werden. Den angerichteten Schaden bezifferten Versicherungsgesellschaften mit 2,2 Millionen Goldmark.

Es wurden 89 Häuser zerstört. 173 Familien, 700 Personen umfassend, waren obdachlos geworden.

Sieben Jahre später gründete sich die Havelberger Feuerwehr. Gerade hatte es am 10. April 1877 in der Steinstraße gebrannt und neun Tage später in der Mühlenstraße. Zwar war nach den Erfahrungen des Großbrandes vom Februar 1870 im November 1871 ein neues Feuerlösch-Reglement aufgestellt. Doch dauerte es noch weitere gut fünf Jahre bis zur Gründung.

Das Reglement bezweckte eine geregelte Leitung des Feuerlöschwesens und die Gewinnung besoldeter Arbeitskräfte zur Bedienung der Spritz- und Wasserzufuhr. Es basierte jedoch immer noch auf der allgemeinen Feuerwehrpflicht aller einen eigenen Hausstand bildenden körperlich tauglichen Mitglieder der Gemeinde vom 18. bis zum 50. Lebensjahr.

Der Aufruf in der Zeitung blieb nicht unerhört. Aus dem Männerturnverein kam die Anregung, eine Turnerfeuerwehr zu gründen. Der rührige Vereinsvorsitzende, Herr Goldarbeiter Heinzelmann, nahm in Verbindung mit namhaften Männern wie O. Hollefreund, Obitz, Stutzer, Daase und O. Reder die Sache in die Hand. Die Stadtverwaltung bewilligte zur ersten Anschaffung von erforderlichen Utensilien 186 Mark, später kommen weitere 514 Mark hinzu.

Freudig gingen die Mitglieder der Turnerfeuerwehr an die Arbeit. Ihre Zahl war schnell auf 70 angewachsen. Viele Bürger, vor allem Handwerker und Gewerbetreibende, waren dem Aufruf gefolgt. Unter der Leitung ihres Oberführers O. Hollefreund wurde alle Woche eine Übung abgehalten.

Am 25. Juli 1877 genehmigt der Magistrat das Statut der Wehr. Es ist der Gründungstag der heutigen Freiwilligen Feuerwehr Havelberg.

Im Jahre 1881 löste sich die Feuerwehr vom Turnverein und nannte sich von nun an Freiwillige Feuerwehr Havelberg.

Havelberg l „Es ist Mittag am 6. Februar 1870. Die Havelberger werden um zwölf Uhr durch Sturmgeläut aller Kirchenglocken aus ihrer sonntäglichen Ruhe gerissen. Das Gebäude eines Schlächtermeisters in der Schulstraße 149 steht in hellen Flammen. Die im Hinterhaus einquartierten Soldaten hatten wegen der strengen Kälte einen Ofen zu kräftig geheizt. Das auf dem Boden liegende Stroh war durch das glühende Eisen des Ofens in Brand gesteckt worden. Einwohner eilen zu Hilfe. Es weht jedoch ein derart starker Nordostwind, dass die Flammen schnell auf die Nachbarhäuser übergreifen. Eisige Kälte lässt die Schläuche am Boden an- und die Pumpen einfrieren. So kann sich das Feuer wie ein Flammenmeer schnell ausbreiten.“

So wird in der Chronik der Havelberger Feuerwehr beschrieben, wie es vor 150 Jahren zum großen Stadtbrand in Havelberg gekommen ist. Einer, der diese Geschichte sehr genau kennt, ist Manfred Philipp. Seit vielen Jahren kümmert er sich um die Chronik der Feuerwehr, hat 2017, als sie ihr 140-jähriges Bestehen gefeiert hat, maßgeblich an der Ausstellung mitgearbeitet. Die beleuchtete nicht nur die Geschichte der Feuerwehr, sondern auch das, was zuvor passiert war. Dazu gehört der Stadtbrand, der ausschlaggebend für die Gründung der Feuerwehr am 25. Juli 1877 war.

Denn eine Feuerwehr gab es 1870 noch nicht. In der Chronik heißt es: „Das Havelberger Löschaufgebot, gebildet aus den Handwerkergilden der Stadt und der Umgebung, kann das Feuer nicht eindämmen. Die Löschkräfte bergen das Mobiliar aus den bedrohten Häusern. Doch schon bald laufen sie zu ihren eigenen Wohnungen, um auch hier zu retten, was noch zu retten war. Nachmittags gegen vier Uhr geben die letzten Mutigen die Spritzen auf. Havelberg war den Flammen ausgeliefert.“

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Hilferuf an Berliner Feuerwehr

In ihrer Verzweiflung schickte die Stadtverwaltung einen Hilferuf an das Kommando der Berliner Feuerwehr: „Bitten dringend um Abordnung einer starken Feuerwehrabteilung mittels Extrazuges, da die ganze Stadt in größter Gefahr! Der Magistrat.“ Der Innenminister setzte sich mit König Wilhelm I. in Verbindung. Zusammen mit Branddirektor Carl Ludwig Scabell wird beraten, ob dem Hilferuf stattgegeben werden könne. Dann ein zweites Telegramm: „Wenn die Hilfe nicht sofort kommt, ist alles verloren!“ Kurze Zeit später erhält Scabell vom Innenminister den Auftrag, „auf königlichen Befehl Hilfstruppen der Berliner Feuerwehr nach Havelberg“ zu entsenden. Diesem Einsatz ist es zu verdanken, dass nicht die gesamte Altstadt Havelbergs ein Raub der Flammen wird.

Noch heute steht Manfred Philipp, der der Havelberger Wehr seit 1956 angehört und nach Beendigung des aktiven Dienstes in der Altersabteilung mitwirkt, in engem Kontakt mit dem Förderverein des Feuerwehrmuseums Berlin, wo die Erinnerung an den Stadtbrand und die Hilfeleistungen noch immer wach gehalten werden. Und er bekommt ab und an auch immer noch neue Dokumente dazu. So erst vor einigen Monaten einen Auszug aus einer alten Gerichtszeitung zu diesem Thema. „Mit Horst Gormann und Günter Strumpf telefoniere ich regelmäßig und wir plaudern über alte Zeiten“, erzählt Manfred Philipp.

Damit die Geschichte bewahrt wird, hält er die umfangreiche Chronik der Feuerwehr zusammen und will sie irgendwann dem Prignitz-Museum übergeben. Dort werden auch schon alle Tafeln aufbewahrt aus der Ausstellung von 2017.