Havelberg l „Ist das schön – endlich wieder Musik und Konzerte.“ Mit diesen Sätzen begrüßte Renate Lewerken das Publikum zum ersten Konzert im Arthotel in Havelberg nach langer Corona-Pause. Die Tische und Stühle standen im Kunstquartier noch weit auseinander, aber lieber so als noch länger ohne Kultur, darin waren sich Veranstalterin, Musiker und Publikum einig. Natürlich, um das vorweg zu sagen, war der Abend mit dem neu gegründeten Trio Tango de luxe kein Tanzabend. Tango ist eine Kunstform, spätestens seit Astor Piazolla, dem der Abend gewidmet war. Aber dazu später.

Der argentinische Tango ist aus einer überschäumenden Rezeptur aus Leid, Wut, Verzweiflung entstanden und dazu Musik, Tanz und Sex für ekstatische Momente des Vergessens. In seiner ursprünglichen Form ist der Tango ein Balztanz aus den elenden Kaschemmen von Buenos Aires, im augehenden 19. Jahrhundert gemischt aus afrikanischen, kubanischen und kreolischen Elementen mit einem Schuss Mazurka und Polka, rauh, angespannt und immer ganz knapp vor dem Gewaltausbruch. Erst später wurde er in einer gezähmten europäischen Fassung zum Mode-, dann zum Standardtanz.

Aber nicht um den Standardtanz ging es an diesem Abend: Das Programm bestand in der Hauptsache aus Kompositionen von Astor Piazolla, jazzig, wild, virtuos, und deshalb hier zunächst ein Ausflug zu diesem größten Tango-Komponisten der Moderne. Als Kind italienischer Eltern erst in Buenos Aires, dann in Italien und wieder zurück in Argentinien aufgewachsen, hatte der junge Piazolla Zerrissenheit und Verlorenheit seiner Eltern zwischen den Welten – das Grundgefühl des Tango - erlebt, war mit dem Tango aufgewachsen, verdiente sich schon als Jugendlicher sein Geld mit dem Bandoneon-Spielen in den Kneipen der Großstadt. Er studierte dann durchaus ernsthaft Komposition, bis ihm eine berühmte Kompositionslehrerin in Paris die klassischen Flausen austrieb und ihn zu nichts weniger als einer Revolution anstiftete: Hol dir den Tango.

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Mit neuem Stil die Welt erobert

Der junge Musiker machte sich an die Arbeit. Er löste die vertraute Tanzmusik auf, zerlegte, zerstörte sie und erfand sie danach völlig neu. Ravel, Strawinski und Bartok standen Pate und auch alte Meister wie Bach und Vivaldi, der Jazz drang mit Macht durch alle Luken ein, die wilden, alten Wurzeln wurden freigelegt. Der „Neue Tango“ oder auch Tango nuevo war nicht mehr tanzbar. Piazolla war das egal. Er schüttelte sich, wenn jemand das trotzdem versuchte und eroberte mit seinem völlig neuen Stil die ganze Welt, Tango als Kunstform.

Das Trio Tango de Luxe kommt ohne Bandoneon aus, man darf das natürlich, Hauptsache es trifft den Kern. Javier Moreno am Flügel und Manfred Preis mit der Klarinette als Tango-nuevo-Veteranen wissen wie das geht. Die feine französische Geige von Marco Reiß weint und schluchzt dazu, als hätte ihr gerade eben ein argentinischer Hafenarbeiter das zarte Herz aus geflammtem Ahorn gebrochen. Die Klarinette von Manfred Preis, Mitglied nicht nur der Berliner Philharmoniker, sondern auch von Bolero Berlin, die im vergangenen Jahr beim Jazzfest in Jerichow begeisterten, singt, stöhnt, braust, perlt aufs Allerfeinste, ein bisschen Klezmer klingt an, Weltmusik. Und Javier Moreno, Pianist aus Buenos Aires und Berlin, spielt den Tango nicht, er lebt ihn, führt das Publikum in Havelberg in die dunklen, dunstigen Spelunken, in denen der Tango ausgebrütet wurde, und mit viel Charme und Wissen durch den Abend.

Viel Jazz, viel Spaß, Weltklasse dieser Abend auf der kleinen Bühne des Arthotels und ein Luxus, das vor der Haustür zu haben. Gern wieder.