Havelberg l Sie gehört zu der Handvoll Mitarbeiter des Havelberger Krankenhauses, die bereits seit Beginn dieses Monats arbeitslos ist. Anja Graff hatte Ende März ihre Kündigung erhalten. Der 30. Juni war ihr letzter offizieller Arbeitstag im KMG Klinikum. Und das soll auch so bleiben, egal, in welche Richtung die Entwicklung der Gesundheitsversorgung in der Hansestadt geht. „Mit der KMG als Arbeitgeber habe ich abgeschlossen“, berichtet die 39-Jährige, dass sie weder das Angebot für einen Arbeitsplatz im geplanten Seniorenheim, das der Konzern anstelle des Krankenhauses plant, noch als Schwester im Kyritzer Klinikum angenommen hat.

Ihre Erklärung zum Arbeitsplatz im Pflegeheim hatte sie schriftlich per Mail an KMG geschickt: Sie finde es mehr als bedauerlich, dass der Konzern es noch immer nicht geschafft habe, das Krankenhaus im Sinne der Mitarbeiter und der Bürger an den Landkreis abzugeben und somit zu seinem Wort, es für einen Euro abgeben zu wollen, stehe. Aber nur mit diesem Schritt könne das Krankenhaus weiterhin seinen Zweck erfüllen und eine ambulante und stationäre Versorgung für die Menschen in der Region gewährleisten.

Eine Berufung

„Einen Vertragsentwurf fürs Pflegeheim bekam ich trotz meiner Absage. Ich kam Montagfrüh aus der Nachtschicht. Das wusste der derzeit eingesetzte Verwaltungsleiter. Trotzdem stand er um 8.45 Uhr vor meiner Tür und klingelte. Mein Sohn machte auf und nahm den Brief entgegen.“

Anja Graff hat die Hoffnung auf eine stationäre und ambulante Gesundheitsversorgung in Havelberg noch nicht aufgegeben. Deshalb befindet sie sich in einer Zwickmühle. „Ich habe Bewerbungen geschrieben und auch schon Reaktionen darauf gehabt, doch möchte ich als Krankenschwester zur Verfügung stehen, wenn hier doch noch was möglich ist“, sagt sie im Gespräch mit der Volksstimme. Beworben hat sie sich für eine Arbeit als Beraterin für Demenzkranke. „Damit habe ich immer schon zu tun gehabt und auch Seminare zu diesem Thema besucht. Wenn es mit dem Krankenhaus in Havelberg nicht weitergeht, gehe ich raus aus der Krankenpflege.“

Dabei war dieser Beruf genau das, was sie wollte. Von 2001 bis 2004 hatte sie ihre Ausbildung am KMG Klinikum in Havelberg absolviert. Weil ihr Wittstock, wie von KMG angeboten, mit zwei kleinen Kindern zu weit gewesen wäre, arbeitete sie im Anschluss in der Altenpflege in Rathenow. Bis sich 2012 ihr sehnlicher Wunsch, wieder im Havelberger Krankenhaus zu arbeiten, erfüllte. „Die Arbeit ist für mich Berufung, sie liegt mir sehr am Herzen. In einem kleinen Krankenhaus wie unserem ist der Patient keine Nummer, es ist wie eine Familie“, begründet sie, weshalb sie noch mit einer Zusage für einen neuen Arbeitsplatz wartet. „Man fühlt sich wie in einer Sackgasse. Es heißt, wir würden gebraucht, wenn es weitergeht. Ich wäre gern dabei“, gibt sie die Hoffnung nicht auf und kämpft mit ihren Kollegen, von denen die meisten zum 30. September gekündigt sind, weiter.

Erfahrung vor der Kamera

Dabei steht sie seit dem Start des Kampfes ums Krankenhaus am 10. Januar stets mit an vorderster Front, bringt sich ein, engagiert sich. Aktuell für die Fahrt am Donnerstag, 16. Juli, nach Stendal, wenn Mitarbeiter und Bürger anlässlich des Sonderkreistages fürs Krankenhaus vor dem Landratsamt demonstrieren wollen. Bei der Großdemo am 25. Juni hielt sie eine emotionale Rede, kämpfte mit den Tränen. Die Achterbahn der Gefühle ist nicht leicht zu bewältigen. Halt gibt ihr, dass ihr Jüngster nach einem gelungenen Schulabschluss in Kürze seine Ausbildung beginnt und ihr Großer im September Papa und sie somit Oma wird.

Auch Kamera-Erfahrung hat die Havelbergerin gesammelt. In der MDR-Sendung „Fakt ist“ und gerade erst am späten Sonntagabend für das Internet-Format der Bild-Zeitung „Die richtigen Fragen“. Das kam recht spontan zustande. Es ging in der Talkrunde unter anderem mit Norbert Walter-Borjans (SPD) und Christian Lindner (FDP) um verlorene Arbeitsplätze in der Corona-Zeit. Auch wenn Corona nicht der Grund für die Schließung des Krankenhauses und somit für den Verlust ihres Arbeitsplatzes ist, erklärte sie sich bereit, von ihrem Wohnzimmer aus mit auf Sendung zu gehen. Damit ist die Situation in Havelberg wieder ein Stück bekannter geworden. Virtuell bei sich wusste sie ihre Kollegen, die weiter für die Gesundheitsversorgung in Havelberg kämpfen. Auch an diesem Donnerstag wieder, wenn um 12 Uhr die 22. Aktive Mittagspause beginnt.