Volksstimme: Dass die Johanniter eine Portalklinik in Havelberg mit zehn stationären Betten einrichten wollen und möglicherweise eine Geriatrie mit 40 Betten, hatten Sie Anfang Mai bekannt gemacht. Was haben Sie dafür bislang unternommen?

Dr. Thomas Krössin: Wir führen seit Monaten intensive Gespräche mit Vertretern der Landesregierung, dem Landkreis, den Kostenträgern, den Vertretern der Krankenkassen, KMG und nicht zuletzt mit den Betriebsräten aus Havelberg. Wichtig war uns als Johanniter über die Betriebsräte zu signalisieren, dass wir mit Hochdruck an einer Lösung arbeiten. Gleichwohl uns die Rettung beziehungsweise, besser formuliert, der Übergang in eine Portalklinik nur gelingen kann, wenn die Anstrengungen gebündelt werden. Ohne verbindliche Unterstützung der Landesregierung, den Willen der Krankenkassen und in erster Linie den Landrat wird das Modellprojekt Portalklinik mit telemedizinischer, teleradiologischer Anbindung und notwendiger Luftrettung kein Erfolg.

Zur Historie: Die Johanniter sind Anfang des Jahres vom ehemaligen Landrat gefragt worden, ob wir bereit wären, für die Gesundheitsversorgung der Menschen in und um Havelberg Verantwortung zu übernehmen. Die Antwort war ja! Das entspricht unserem Selbstverständnis. An den Johannitern wird das innovative Konzept einer Portalklinik nicht scheitern. Wir sind trotz allem optimistisch. Bei allen Spitzengesprächen spüren wir eine große Ernsthaftigkeit und einen großen Willen, dass die Menschen in Havelberg ein Grundrecht auf eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung haben. Medizintourismus in andere Bundesländer, wie verschiedentlich von Vertretern der Krankenkassen gefordert, ist keine Lösung.

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Im Kreistag klangen Ihre Forderungen an, die damit verbunden wären. Stichworte sind Hubschrauber und Höherstufung der Geburtenklinik in Stendal, Zusage für Kosten für eine Portalklinik in Genthin und die Forderung, fünf Jahre nicht vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen geprüft zu werden. Gibt es das wirklich nur im Gesamtpaket?

Die Gesundheitsversorgung einer Bevölkerung besteht aus verschiedenen Säulen. Die Luftrettung – gerade in strukturschwachen Regionen – ist eine davon. Selbst in Städten wie Bielefeld, mit einer viel höheren Krankenhausdichte als in der Altmark, können die Menschen darauf vertrauen, dass der Rettungshubschrauber in die Luft steigt und sie in einer zeitkritischen, lebensbedrohlichen Situation rettet und in das nächste Krankenhaus fliegt.

Hier führen wir Gespräche mit der Landesregierung und sind sicher, dass unsere Fakten überzeugen. Positiv stimmt, dass die Vertreter der Krankenkassen bei einem gewichtigen politischen Signal ihre Vorbehalte aufgeben. Auch die Krankenkassen sind ihren Versicherten verpflichtet und wissen, dass es wenige Argumente gegen die Stationierung einer Luftrettung in Stendal gibt.

Ist der Bau neuer Rettungswachen die Lösung? Welche Krankenhäuser sollen denn in einer lebensbedrohlichen Situation angefahren werden, wenn es immer weniger Krankenhäuser in der Altmark gibt? Die Notfallversorgung darf nicht die nächste Kostenfrage sein. Es gibt bereits zu viel Ökonomie und zu wenig „Daseinsfürsorge“ im Gesundheitssystem. Förderung der Gesundheitsversorgung ist Wirtschafts- und Strukturpolitik. Erst sterben langsam Kindergärten, dann weiterführende Schulen, dann Kinderarztpraxen, dann die Kinder- und Jugendmedizin in den Krankenhäusern, irgendwann stirbt die soziale Infrastruktur einer Region. Das ist stark vereinfacht die Abwärtsspirale. Dagegen stemmen wir uns mit dem Versorgungskonzept einer Portalklinik.

Was benötigen Sie für eine Portalklinik?

Dazu gehören Förderprogramme für den Aufbau digitaler Infrastruktur wie Telemedizin oder Teleradiologie, eine Luftrettung mit Nachtflug­erlaubnis in Stendal, die Menschenleben rettet, eine mobile KV-Praxis als Modellversuch, die zu festen Zeiten fachärztliche Versorgung in ländlichen Regionen anbietet. Und zuletzt muss eine Liegenschaft wirtschaftlich geführt werden.

Ergänzen möchte ich, dass Genthin, und das ist uns als Signal sehr wichtig, in dem neuen Versorgungskonzept ebenso als Standort mit einer Portalklinik angebunden werden soll. Die Probleme der Gesundheitsversorgung in Genthin sind nahezu identisch mit denen in Havelberg.

Wie könnte die Portalklinik konkret aussehen?

Eine Portalklinik mit angebundener Poliklinik ist für leichtere stationäre und ambulante Fälle vorgesehen, also eine Klinik, die Basis- und Erstversorgung bei nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen bietet. Im ersten Schritt wird entschieden, ob der Patient stationär in der Portalklinik bleiben kann oder ins Johanniter-Klinikum Stendal in eine Fachabteilung verlegt werden muss.

Woher würden Sie das medizinische Personal nehmen?

Wir verfügen über sehr qualifiziertes, hoch motiviertes pflegerisches und ärztliches Personal, hervorragende Therapeuten und Sozialarbeiter in Stendal, sowohl im MVZ als auch im Krankenhaus. Das hat zuletzt die Corona-Pandemie eindrucksvoll bewiesen. Mit der neuen Stiftungsprofessur für Allgemeinmedizin werden wir zukünftig Fachärzte für Allgemeinmedizin ausbilden. Wir erhoffen uns davon einen Klebeeffekt für die Region.

Welche Maßnahmen sind Ihrerseits erforderlich?

Wir haben Dienstplanmodelle für Havelberg simuliert, die eine medizinische Versorgung in Kernzeiten ermöglicht. Dazu gehört ebenso die Kalkulation von Personalkosten für Ärzte und Pflege. Wir planen mit unserer Tochtergesellschaft Johanniter Competence Center die digitale Infrastruktur in Havelberg. Mit einem großen europäischen Anbieter von Medizingeräten und Systemsoftware führen wir seit Wochen Gespräche über Telemedizin in Havelberg oder Genthin, das heißt beispielsweise, dass der Arzt in Stendal sitzt, der Patient in Havelberg.

Wie müssten der Landkreis und das Land unterstützen?

Wir brauchen parteiübergreifend politische und wirtschaftliche Unterstützung. Innovative Versorgungsformen müssen in strukturschwachen Regionen als Modellprojekt gefördert werden. Bisher wurden die berechtigten Forderungen der Johanniter, die direkten und indirekten Bezug zu Havelberg haben, nicht erfüllt. Es gibt keinerlei verbindliche Zusagen, lediglich Absichtserklärungen. Das ist zu wenig, unabhängig davon, wie ein zukünftiger Träger des Krankenhauses Havelberg heißt.

Was erwarten Sie von der Kreistagssitzung am 24. September?

Endlich konkrete Zusagen seitens des Landkreises. Bisher wurden lediglich Forderungen an die Salus gGmbH und die Johanniter gestellt.

Ist die stationäre Geriatrie eine zwingende Voraussetzung für Ihr Engagement in Havelberg?

Zwingend ist eine hohe Spezialisierung, eine Fachklinik im Hintergrund, über die die Portalklinik personell mitgeführt wird. Vorzugsweise wären das Fachärzte der Inneren Medizin. Zuletzt lagen nur vier bis acht Patienten in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung, das eine allgemeine Innere Medizin und Chirurgie vorgehalten hat. Diese Versorgungsform hat in bevölkerungsschwachen Regionen keine Zukunft mehr. Eine weitere Vor-aussetzung ist die Einbindung der kassenärztlichen Notfallversorgung in ein gemeinsames Dienstplanmodell.

Ginge auch nur eine Portalklinik?

Nein, weder in Genthin noch in Havelberg.

Welche Investitionen könnten Sie sich vorstellen?

Wir entwickeln die Versorgungskonzepte, steuern Personal aus Stendal in die Region, schaffen digitale Infrastruktur für Telemedizin und Teleradiologie, verfassen Förderanträge. Das alles kostet viel Zeit und braucht motivierte Mitarbeiter. Investitionen in medizinische Geräte sind ebenfalls geplant. Unsere wertvollste Investition sind unsere Mitarbeiter.

Die KMG Kliniken bereiten das Gebäude bereits für ein Seniorenheim vor. Wäre eine Portalklinik in einem anderen Gebäude möglich?

Nein, das macht keinen Sinn. Das Krankenhaus ist weitestgehend saniert.

Inwieweit wäre für Sie eine Kooperation mit der Salus gGmbH denkbar?

Von unserer Seite ist eine Zusammenarbeit sehr wohl denkbar. Die Salus gGmbh hat nie den Kontakt mit den Johannitern gesucht, um dem Kreistag ein gemeinsames Konzept für Havelberg vorzustellen.

Zu welchem Zeitpunkt wäre was realisierbar? Das Krankenhaus ist inzwischen ja geschlossen.

Eine Aussage wäre spekulativ. Hoffnung muss auf Fakten und nicht auf Wünschen beruhen. Hier fehlen uns die klaren und belastbaren Bekenntnisse der Politik und Krankenkassen zu unserem Konzept.