Havelberg l Bevor es mit Barbara Hallmann vom Sonnenhaus in Havelberg an diesem Juni-Tag ins Grüne geht, zeigen die ­Küchenspione Marina Heinrich und Jenny Freier der Veggie-Foodbloggerin Aileen Kapitza zunächst die Hansestadt. Vom Wasser aus lernt die junge Frau, die in der Nähe von Leipzig zu Hause ist, die Sehenswürdigkeiten kennen. Grit Lübeck von der Tourist­information Havelberg lenkt das von der Inseltouristik HIT ausgeliehene Boot. Stadt- und Landschaftsführerin Kathrin Hamann feiert Premiere mit ihrer ersten Führung vom Wasser aus. „Man bekommt einen ganz anderen Blick“, schwärmt sie.

Die Tour geht vom Winterhafen stromaufwärts Richtung Jederitz. Haus der Flüsse, Kornspeicher, Stadtkirche, Erlebnispädagogisches Centrum (ELCH), der Dom, die Weinbergstraße werden passiert. Unterhalb des Slawendorfspielplatzes machen drei Frauen eine Pause auf dem Bootssteg.

Entlang der Uferpromenade spazieren Menschen entlang oder genießen den herrlichen Sonnentag auf einer Bank sitzend. In den Stadtgraben dürfen die motorbetriebenen Boote, die führerscheinlos gelenkt werden können, nicht hinein. Also geht‘s weiter Richtung Ziegeninsel und Aderlanke. Seerosen blühen, Enten, Gänse, Schwäne und Kraniche tummeln sich im und am Wasser. Eine Kuhherde rastet im Schatten von Bäumen.

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Süßes geht immer

Zurück im Winterhafen, ist das Haus der Flüsse das nächste Ziel. Denn Aileen Kapitza soll auch dieses Infozentrum Natura 2000 kennenlernen. Die Bloggerin von www.minzgruen.com ist naturinteressiert, fährt viel Rad und ernährt sich vegetarisch. Nicht, weil sie Fleisch nicht mag. Eine Allergie mit Asthma und Heuschnupfen war ausschlaggebend. Sie ging den Ursachen auf den Grund und ist, seit sie ihre Ernährung umgestellt hat, beschwerdefrei. Auf ihrem Blog finden sich Rezepte mit möglichst regionalen und saisonalen Zutaten mit Tipps für Alternativen etwa für Zucker und Weizenmehl. „Ich möchte zeigen, was die Region alles bietet und den Leuten Gemüse schmackhaft machen.“ 50 000 Leser hat ihr Blog, den sie seit fünf Jahren nebenberuflich betreibt. Auch Tipps für leckere Kuchen und andere Süßigkeiten stehen in ihrem Blog. „Süßes geht immer.“ Selbst ihre Oma hat sie schon von gesünderen Zutaten überzeugt. „Sie backt ihren Streuselkuchen nur noch mit Dinkel.“

Süßes ist auch für den Monat Juni bei den Küchenspionen geplant. Frittierte Holunderblüten im Bierteig mit Bourbon-Vanillesauce wollte Barbara Hallmann zubereiten. Doch die starke Hitze der Mai- und Juni-Tage macht eine Planänderung nötig. „Die Blüten wären in den Teig gefallen“, erklärt die Havelbergerin, die mit ihrem Mann Florian das Sonnenhaus gegenüber der Stadtkirche saniert und restauriert. In Erwartung ihres dritten Kindes sind sie gerade eingezogen. Zwar noch auf eine Baustelle, aber die Fortschritte in dem um 1735 erbauten Pfarrhaus sind schon gut erkennbar. „Von fertig sind wir aber noch ein ganzes Stück weit entfernt.“ Ende 2014 sind Hallmanns nach Havelberg gekommen, haben sich dem ehrgeizigen Vorhaben gestellt. Außer der eigenen Wohnung entstehen vier Gästezimmer im Haus. Urlaub im Sonnenhaus soll bald möglich sein. Übrigens auch mit Hilfe von Fördergeldern aus dem Leader-Programm – über Leader läuft auch die Aktion Küchenspione. Was zu erhalten geht, bleibt erhalten in dem alten Haus, das in den 1990er Jahren von der evangelischen Kirchengemeinde und in deren Anfangszeiten von der Havelberger Tafel genutzt wurde. Dann stand es leer. Nachhaltig und dauerhaft ist das Credo der beiden Bauherren. „Das Haus hat viele Verletzungen erlitten, wir versuchen sie zu heilen“, berichtet Barbara Hallmann beim Rundgang durch das Haus. Sie hat auch einen Blog. Auf www.rueckwanderer.wordpress.com ist zu erfahren, wie es mit dem Sonnenhaus vorangeht.

Statt Holunderblüten hat die Journalistin für Architektur und Design ein Gericht mit Brennnesseln vorgeschlagen. Dafür nimmt sie ihre Gäste mit in Richtung Schleuse, wo die zarten Triebe der Brennnesseln abgepflückt werden. Vorsichtshalber verteilt sie Gummihandschuhe. Die bräuchte man nicht, wenn man die Brennnesseln von unten her anfasst und beherzt zugreift. Das weiß sie von ihrer Oma, die Brennnessel-Suppe kochte. „Die habe ich immer wahnsinnig gern gegessen.“

Goldbraun aus dem Ofen

Ohne Quaddeln, aber mit frischem Grün im Sonnenhaus angekommen, gehen die Küchenspione vor dem Haus mit Blick auf die ins Ursprüngliche zurückversetzte Fachwerkfassade mit nach außen zu öffnenden Fenstern an einem urigen Holztisch ans Werk. Im Schatten eines Baumes eine gute Idee bei Temperaturen über 30 Grad. Den Teig für die Brennnessel-Muffins hat Barbara Hallmann vorbereitet. Nun werden die Zutaten für die Füllung zusammengerührt, die Brennnesseln gehackt, der Teig ausgerollt und in Form gebracht. Zum Ausstechen eignet sich eine Schale oder ein Glas in der Größe der Papierförmchen.

Während die Muffins in der Küche im Ofen langsam goldbraun backen, plaudern die Küchenspione über ihre Erfahrungen mit regionalen und saisonalen Zutaten für süße und deftige Gerichte. Marina Heinrich, Sachgebietsleiterin Kultur und Tourismus in Havelberg, und Jenny Freier, Tourismusmanagerin in der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land, blicken auch schon voraus auf den Kochtermin im Juli. Dann sind die Küchenspione bei Familie Rose in Kümmernitz zu Gast und es wird Wild geben. Natürlich wird wieder eine Food-Bloggerin eingeladen. Denn das von der Leader-Aktionsgruppe „Elb-Havel-Winkel“ unterstützte Projekt soll vor allem Urlauber von weiter her auf die Region mit ihren kulinarischen Spezialitäten neugierig machen und anlocken. Dafür berichten die Blogger in den sozialen Netzwerken über die Küchenspione und das, was sie von der Region gesehen haben. Aileen Kapitza hat bereits einen sehr liebevoll geschriebenen Beitrag über ihr Erlebnis Havelberg ins Netz gestellt. Sie weckt nicht nur bei anderen die Lust auf einen Besuch, sondern will gern selbst wiederkommen. Mit dem Fahrrad und mehr Zeit zum Erkunden. Und wer weiß: Vielleicht gibt‘s dann wieder leckere Brennnessel-Muffins im Sonnenhaus.