Havelberg l „Guck mal, da ist noch die alte Tapete dran“, sagt Sybille Sturm zu Margitta Reinke am Sonntagnachmittag auf dem Künstlerhof der Langen Straße 10 in Havelberg. Dort beginnt gleich das Fest, zu dem die Künstler Britta Lehmann, Anke Leonhardt und Heinz Sporkhorst vom Kulturprojekt Stadtinsel eingeladen haben. Beide sind wichtige Zeitzeugen für das Projekt „Mein Name ist Helga T.“ und schauen sich auf ihrer ehemaligen Arbeitsstätte um. Sie stehen vor dem früheren Bürogebäude des Areals, das auch eine Küche beherbergte. Sybille Sturm und Margitta Reinke gehörten zur PGH Dekoabteilung der damaligen HO (Handelsorganisation).

„Wir haben sehr gute Erinnerungen daran. Wir waren ein tolles Team, haben gut Hand in Hand gearbeitet und waren auch ein bisschen vogelfrei“, denkt Sybille Sturm zurück. Mit Anke Wolff, Christine Rattay und Monika Spanner gestalteten sie etwa die Schaufenster der HO-Geschäfte. Deren Liste war lang und vermittelt, wie viele Geschäfte es zu DDR-Zeiten in Havelberg allein auf der Stadtinsel gegeben hat. „Einkaufszentrum, Haus der Dame, die Spowa, Haus des Kindes, verschiedene Gaststätten, die große Kaufhalle oben im Neubaugebiet und Lebensmittelläden zählten dazu“, berichtet Margitta Reinke.

Auf Info-Tafeln können sie und die vielen anderen Besucher am Sonntag Interessantes aus der Geschichte des Hauses Lange Straße 10 nachlesen. Diese begann im Juni 1868 mit der Sattlerei und Polsterei Friedrich Wilhelm Schulz in der Langen Straße 8. Später kam die Nummer 10 hinzu und es gab auch einen Lederwarenhandel.

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Fünf Handwerker vereint

Bis in der DDR 1958 die PGH „Raumgestaltung“ gegründet wurde, war die Firma Schulz privat. In der Genossenschaft wurden bisher selbstständige Handwerksbetriebe vereint. Das waren Sattlermeister Wilhelm Schönemann, Seilermeister Anton Franzwa, Sattlermeister Herbert Frontzek, Tischlermeister Otto Birkholz und Sattler- und Tapeziermeister Walter Otto Schulz, wie auf einer der Tafeln nachzulesen ist. Anfang 1960 zog die PGH in den Schönberger Weg. 1972 entstand daraus der VEB Polstermöbel, der mit der Wende als Hapo privatisiert wurde. Als Zeitzeugen konnten hier die Nachfahren von Friedrich Wilhelm Schulz, Walter Schulz und Edith Baars, viele wichtige Informationen liefern.

In der Langen Straße 10 hatte das Reparatur- und Dienstleistungskombinat „Rediko“ Einzug gehalten, Elektroreparatur sowie Sattlerei- und Lederarbeiten wurden erledigt. Außerdem hatten die Deko-Frauen dort ihr Domizil. Im Geschäft Lange Straße 10 wurde im Februar 1985 ein Schuhladen des Konsums eröffnet.

Als das Kulturprojekt Stadtinsel von der Hansestadt die Lange Straße 10 samt dem dazu gehörenden Hof, dessen Eingang von der Uferstraße aus erreichbar ist, zur Nutzung übergeben bekam, machten sich Vereinsmitglieder mit den Räumlichkeiten vertraut und entdeckten auf dem Dachboden einen riesigen Fundus an Papier. Zig Tausende Dokumente warteten dort darauf, entweder entsorgt oder gesichtet zu werden. Man entschied sich zum Glück für Letzteres. Dank der Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt konnten sich die Berliner Künstler Anke Leonhardt, Britta Lehmann und Heinz Sporkhorst intensiv mit dem Material beschäftigen und mit Zeitzeugen sprechen.

Luxussteuer und Mangel

Norbert Kühnel vom Vorstand des Kulturprojektes Stadtinsel begrüßte am Sonntagnachmittag die Besucher auf dem Künstlerhof und übernahm in der szenischen Lesung auch einen kleinen Part. Auf amüsante Weise wurden 150 Jahre Geschichte dargestellt. Dabei spielten Stichworte wie Höflichkeiten, Reklame, Feilschen um Preise, Luxussteuer, Streik, Müll, Mangel und Frauentagsprämie ebenso eine Rolle wie eben ein Pufferdrehstuhl und weitere Möbel, die irgendwie mit denen im „Tresor der Zeitgeschichte“ entdeckten Dokumente zusammenhängen.

Wer sich die Ausstellung anschauen möchte, meldet sich am besten in der Buchstation in der Langen Straße 10.