Havelberg l Von außen sieht das Haus in der Langen Straße 36/37 in Havelberg ganz gut erhalten aus. Kleine Figuren und Stuckelemente zieren die Fenster der ersten Etage. Innen jedoch gibt es noch jede Menge zu tun, bis das um 1880 erbaute Gebäude saniert ist. Bei den Arbeiten stoßen die Bewohner immer wieder auf Überraschungen. Es gehört jede Menge Mut dazu, sich solch einem Haus anzunehmen. Das weiß Heinz Sporkhorst nur zu gut. Doch ist der Künstler, der nach einem halben Jahrhundert in Berlin Anfang 2019 seinen Wohnsitz in Havelberg angemeldet hatte, optimistisch, Schritt für Schritt das Doppelhaus wieder wohnlich zu gestalten. Dabei ist er gemeinsam mit seiner Partnerin Britta Lehmann in den vergangenen Monaten einen großen Schritt voran gekommen. Nicht nur, weil Kunst und Kultur coronabedingt auf Eis lagen.

Fördergelder bekam er von der Stadt, um die Fassade im Sockelbereich neu zu malern, das Eingangstor zu restaurieren und vor allem das Treppenhaus im hinteren Bereich zu sichern. „Dort ist 30 Jahre lang das Regenwasser durchgelaufen“, berichtet er und zeigt die neue Dachkonstruktion. Das ganze Treppenhaus zu sanieren, würde mehrere Zehntausend Euro kosten. Deshalb leben Heinz Sporkhorst und Britta Lehmann erst einmal mit den dicken Holzbalken am Geländer, die für Standsicherheit sorgen. Sanierung und Renovierung können nur Schritt für Schritt vorangehen.

Treffpunkt entwickelt sich

Hilfe bekommt das Künstlerpaar von David Schulze, der über ein Förderprogramm des Jobcenters bei ihnen fest angestellt ist. „Er ist handwerklich sehr geschickt, ein Alleskönner. Allein wären wir noch nicht so weit“, erzählt Heinz Sporkhorst. Stundenweise gibt es noch weitere Helfer.

Bilder

2018 hatte er sich entschieden, das Haus, in dem er sich schon mit der „Galerie Stadtinsel“ eingemietet hatte, zu kaufen. Das Kulturprojekt Stadtinsel hatte die Räume des einstigen Konsums, der 2011 schloss und der bei den Havelbergern immer noch nur „Gielke“ nach der einstigen Besitzerin hieß, schon länger für Ausstellungen genutzt. „Die Eigentümergemeinschaft fragte mich, ob ich das Haus kaufen will. Ich gab mein Domizil in Berlin, zu dem es 102 Stufen hoch ging, auf und wurde Havelberger.“ Das Haus als Kunst- und Kulturtreffpunkt zu entwickeln, ist das Ziel von Heinz Sporkhorst und Britta Lehmann. Dafür haben sie in den vergangenen Monaten in der zweiten Etage zwei Künstlerwohnungen eingerichtet, Räume können als Atelier genutzt werden. Die erste Etage bewohnen sie. „Das Haus ist unberechenbar“, sagt der Bauherr und berichtet von einstürzenden Mauern, wenn nur der Putz abgeklopft werden soll, von jeder Menge Müll, der zu beseitigen war, und Strom- und Wasseranschluss, der erst wieder hergestellt werden musste. Das Haus birgt aber auch etliche Schätze. Etwa die alten Kachelöfen, die nach der fachmännischen Sanierung wieder einsatzbereit sind. Oder ein Stück Fußbodenmalerei auf Holzdielen, die ansonsten dunkelbraun gestrichen sind. Oder Stuck an der Decke eines Raumes. Oder Backsteine mit den Stempeln der Ziegeleien.

Die Künstlerwohnungen sollten in diesem August für die Premiere des Havelberger Kunstcampus genutzt werden, den das Kulturprojekt Stadtinsel wegen Corona aufs nächste Jahr verschieben musste. Holländer wollten dort einziehen. Auch andere Projekte waren geplant. „Vielleicht machen wir im Sommer selbst etwas, laden zum Pleinair oder zu Workshops ein“, sagt Britta Lehmann. Sie ist als Künstlerin noch immer auch in Berlin aktiv, war zur Buga 2015 mit Anke Leonhardt für ein Kunstprojekt nach Havelberg gekommen. Sie hat in der Corona-Zwangspause künstlerisch gearbeitet und sich auf zwei Projekte in Berlin und Niedersachsen vorbereitet. Die Ausstellung ist abgesagt, das Projekt „Kunst am Weg“ nach hinten verschoben. „Ich war mehr Handwerker als Künstler, habe geschippt und gesägt statt zu malen oder zu zeichnen“, sagt Heinz Sporkhorst. Auch die Radierpresse für den Kunstdruck musste warten.

Ausstellungseröffnung mit Erdnusssuppe

Nachdem es wieder möglich ist, sich mit anderen zu treffen, kamen dieser Tage Künstler aus der Umgebung und aus Berlin in die Galerie Stadtinsel, um gemeinsam künstlerisch tätig zu werden. Aus dem ursprünglich einen Tag wurden drei. „Der Künstlertreffpunkt entwickelt sich“, freut sich Britta Lehmann. Draußen im Garten – der Weg dahin war mit Müllbergen versperrt, jetzt blühen dort Blumen und gedeihen Obst und Gemüse – ist Platz zum Malen. Dabei entstand die Idee für ein nächstes mögliches Kulturangebot: die Shakespeare-Bühne. Aus der ersten Etage führte eine Tür ins Nichts. Heinz Sporkhorst hat ein schmiedeeisernes Gitter davor bauen lassen. Geranien rankeln im Blumenkasten – eine perfekte Bühne für einen, der für Zuhörer im Garten Shakespeare, Goethe oder andere Texte liest.

Am Freitag, 3. Juli,  freuen sich die beiden erst einmal, dass sie endlich wieder zu einer Ausstellungseröffnung einladen können. Besucher sind zu 19 Uhr in der Galerie Stadtinsel willkommen. Unter dem Titel „Explorer“ zeigt Andreas Otto aus dem Sauerland seine Werke. Das Künstlerpaar lädt passend zum Thema Kolonialzeit anhand eines alten Schulatlas von 1903, den der „Bilderbauer“ künstlerisch verarbeitet hat, zu einer afrikanischen Erdnusssuppe ein.