Hohengöhrener   Damm l Denn es gibt auch Stunden, in denen er mit dem Beruf hadert. Nicht wegen der schweren Arbeit, sondern wegen der Landwirtschaftspolitik, der Bürokratie und der Wertschätzung der heimischen Produkte.

Solche Momente sind eher selten. In der Nachmittagssonne auf der Bank unter dem großen Nussbaum zu sitzen, kann sich Enno Dammeyer nicht so oft gönnen. Aber er hat einen guten Grund: Seine Lebensgefährtin Linda hat vor wenigen Tagen, am 14. Oktober, Söhnchen Bruno auf die Welt gebracht. Er ist der jüngste und damit 63. Bewohner des kleinen Ortsteils von Schönhausen. Der Wonneproppen, der den Zweitnamen Werner als Erinnerung an einen Freund der Familie trägt, ist schon 4410 Gramm schwer und 55 Zentimeter groß. Wenn seine zweijährige Schwester Emma ihm „ein Kussi“ auf die Wange drückt, ein Traktor über den Hof fährt, die Bohrmaschine Lärm macht oder Welpe „Bea“ bellt, lässt sich Bruno nicht stören, er schläft in aller Seelenruhe. „Ganz der Papa“, schmunzelt Enno.

Landwirt ist der Sündenbock

Auch ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Aber es gibt so manches, über das er sich ärgert. Und ihm Sorgen macht. „Der Beruf des Bauern wohl einer der schönsten, die es überhaupt gibt! Aber er ist auch nicht mehr das, was er mal war!“ Es gibt immer mehr Vorschriften und Einschränkungen gerade für uns deutsche Bauern, die uns im Wettbewerb mit europäischen und weltweiten Produkten benachteiligen. Und der Landwirt wird zum Sündenbock abgestempelt. Alle rufen nach Umweltschutz und Bio – bereit, dafür auch mehr Geld zu bezahlen, sind nur wenige. Die Preise im Supermarkt steigen immer weiter – aber bei uns Produzenten kommt das nicht an.“

Enno Dammeyer, sein Vater Hartwig und die Mitarbeiter der Ostfriesland GbR sind bereit, zu kämpfen und die Landwirtschaftspolitik mit immer mehr fachfremden Regeln nicht weiter hinzunehmen. Deshalb gehörte der Betrieb auch zu denen, die am Dienstag dem Aufruf des bundesweiten Bewegung „Land schafft Verbindung – Wir bitten zu Tisch“ an den Treckerdemos teilnahmen und nach Berlin fuhren, um auf die Situation aufmerksam zu machen und Mitspracherecht beim Agrarpaket einzufordern.

Dürre schlimmer als die Flut

Die Situation ist derzeit nicht nur wegen der Politik schlecht, sondern auch wegen der Dürre. „Die zwei Jahre extreme Trockenheit sind schlimmer als der Ausfall durch die Flut 2013. Um unsere Kühe satt zu kriegen, mussten wir Futter zukaufen. Ein Jahr steht man das mal durch, aber zwei so extreme Sommer bringen uns an unsere Grenzen“, bangt Enno Dammeyer, dass 2020 wenigstens ein durchschnittliches Erntejahr wird.

Im Mai 1992 waren seine Eltern Annedore und Hartwig Dammeyer von Ostfriesland, wo Hartwigs Bruder den elterlichen Hof übernahm, auf den Hohengöhrener Damm gekommen. Sie übernahmen die alten Anlagen der liquidierten LPG. Tochter Antchen war damals 2, Enno ein Baby, ein paar Jahre später macht Jann-Eimo die Familie komplett. Milchviehzucht, Ackerbau, Biogasanlage – der Betrieb stellt sich breit auf. Enno wächst auf dem Bauernhof auf, natürlich steht für ihn fest, auch Bauer zu werden. Er macht eine Ausbildung und wird staatlich geprüfter Agrar-Betriebswirt, arbeitet in Ostfriesland. Und kommt zurück auf den Hohengöhrener Damm. Seine Hilfe wird gebraucht auf dem Hof, den er irgendwann vom Vater übernehmen wird.

Auch Jann-Eimo folgt

Hartwig Dammeyer ist froh, dass Enno und auch der jetzt eine Ausbildung machende Jann-Eimo in seine Fußstapfen treten (Antchen ist gerade fertig mit ihrem Medizinstudium). Da weiß er, wofür er täglich vom Morgengrauen bis zum späten Abend arbeitet. „Das ist gar nicht schlimm. Als Bauer ist das nun mal so, auch an den Wochenenden und Feiertagen wollen die Kühe gemolken werden. Aber wenn am Ende nichts übrig bleibt, fragt man sich manchmal schon, ob es wirklich die richtige Entscheidung war, Landwirtschaft zu betreiben. Ich stehe ja noch am Anfang des Berufslebens, könnte auch noch einen anderen Weg einschlagen. Aber das will ich nicht! Ich will Felder bestellen, Ernte einfahren und mich um die Milchkühe kümmern.

Aber die Arbeit im Büro nimmt immer mehr Zeit in Anspruch. Und dann all die Vorschriften, die der Naturschutz vor allem für die Wiesen und Äcker bei Jederitz entlang der Havel vorgibt – da kommt alle paar Wochen etwas Neues hinzu, über das man nur den Kopf schütteln kann, weil es gar nicht praktikabel ist.“ Auch Enno träumt davon, mit Bruno Kälbchen zu streicheln und mit ihm Trecker zu fahren. „Das werde ich auch tun so wie jetzt schon hin und wieder mit Emma. Aber da muss man den Kopf mit all den Sorgen und Zukunftsängsten ausschalten.“

Vorfreude auf das eigene Heim

Dabei haben Enno Dammeyer und seine Linda allen Grund zur Vorfreude. Neben dem elterlichen Hof bauen sie gerade das einst Duhrmanns gehörende Haus um, vielleicht zu Weihnachten können sie zumindest die untere Etage beziehen. „Es ist schön hier auf dem Damm! Es sind wieder ein paar junge Familien hergezogen, so dass Emma und Bruno Spielgefährten haben. Damit wir aber auch weiter Landwirte bleiben können, müssen wir beim Agrarpaket, das die Bundesregierung gerade schnürt, ein Wörtchen mitreden können – das sollte selbstverständlich sein! Und die Wertschätzung für unsere Produkte muss einfach wieder steigen! Nur dann hat die Landwirtschaft Zukunft und auch unsere Kinder können davon leben.“